Peter Roth ist der Initiant der Klangwelt Toggenburg. Kürzlich wurde mit dem Klanghaus das Herzstück eröffnet. Im Podcast «Laut + Leis» sagt der Kirchenmusiker und Komponist, weshalb Natur und Spiritualität zusammengehören, und wie er ein zweites Burnout vermeidet.
Sandra Leis
Der Weg war lang und reich an Hürden. Doch nach 32 Jahren ist es endlich soweit: Das Toggenburg ist mit dem Klanghaus um eine akustische Attraktion reicher. Es ist das Herzstück der Toggenburger Klangwelt, zu der beispielsweise auch der beliebte Klangweg mit seinen 27 Stationen gehört.
«Das Klanghaus ist ein Haus mit vier Räumen speziell für Klang gebaut», erklärt Peter Roth. «Das Wichtigste sind die Wände, die sind hohl und mit Klangspiegel und Gongs ausgestattet. Die Akustik ist flexibel und bietet viele Möglichkeiten.»
Das Klanghaus ist kein Konzertsaal, sondern kann von Chören, Orchestern oder auch von Firmen gebucht werden. «Auch heiraten kann man hier», sagt Roth schmunzelnd. Wichtig sei, es müsse immer mit Klang zu tun haben. Und: «Ein Schnupperkurs in Naturjodel ist obligatorisch.»
Bis Ende Jahr verzeichnet das Klanghaus 400 Buchungen. Das ist sensationell und zeigt, wie gross das Interesse ist. Nur: Es gibt auch andere Räumlichkeiten mit exzellenter Akustik, die nicht so abgelegen sind wie das Toggenburg. Wird das Klanghaus auch in Zukunft eine so hohe Auslastung erreichen?
Darauf antwortet Peter Roth: «Ich bin kein Prophet, aber ich glaube, dass das Ohr immer wichtiger wird in unserer Zeit.» Seit der Reformation stehe das Auge im Zentrum und fokussiere. «Das Hören ist ein 360-Grad-Erlebnis. Wir haben keine Klappen an den Ohren, die wir schliessen können. Über das Hören sind wir Tag und Nacht mit der Natur und mit unserer Umgebung verbunden.»
Klang spielt in allen Kulturen eine grosse Rolle. «Klang ist universell und wird über Sprachgrenzen hinweg verstanden», sagt der Kirchenmusiker und Komponist.
«Meine Passion ist es, über Musik und Klang Kanäle zur Natur und damit zur Spiritualität zu öffnen.» Musik und Klang verbinde den Menschen mit dem Heiligen, ohne es in Worte zu fassen.
In seinen Kompositionen geht es Roth immer um Gerechtigkeit, Frieden und die Schöpfung. Jüngstes Beispiel ist das Chorprojekt «Schöpfungsklang – eine Hommage ans Toggenburg», das er zu seinem 80. Geburtstag realisiert hat. Darin verbindet er Schöpfungspsalmen mit Jodelliedern und einer dem Wasser gewidmeten Komposition.
«Ich bin ein Achtundsechziger und habe immer aus dem Lebensgefühl des Protests komponiert», sagt Roth. Seine Musik ist auch eine Form des spirituellen Protests: «Wir leben in einer Zeit, in der wir uns von der Natur, vom Heiligen und vom Transzendenten immer stärker abtrennen. Dagegen protestiere ich mit meiner Musik.»
1944 in St. Gallen geboren und aufgewachsen, ist Peter Roth seit seiner Kindheit mit dem Toggenburg verbunden. Er erinnert sich, wie er mit dem Grossvater über die Alpen gewandert ist: «Schon als Bub hatte ich dauernd Hühnerhaut und Tränen, wenn ich Schellen, das Hackbrett und Naturjodel gehört habe.»
Seit fast sechzig Jahren lebt Roth nun im Toggenburg, und seine Liebe zu Landschaft und Alpkultur ist ungebrochen. Nur so ist wohl auch zu verstehen, dass er sich 32 Jahre lang für das Klanghaus und die Toggenburger Klangwelt engagiert hat.
Letztes Jahr erlitt Peter Roth einen Zusammenbruch und musste stationär behandelt werden. Zu den Gründen sagt er: «Ich war 32 Jahre lang mit der Klangwelt beschäftigt und habe meistens in der Nacht komponiert. Ich hatte einen total unstrukturierten Lebensrhythmus: zur falschen Zeit gegessen, zu wenig geschlafen.»
Als er in Gais in der Klinik angekommen sei, habe der Chefarzt gesagt: «Sie haben exakt das Blutbild eines Marathonläufers, der im Ziel zusammenbricht.» Im Moment sei das Burnout eine Katastrophe gewesen, erzählt Roth.
Rückblickend sieht er es als Chance: «Das Klanghaus ist wie ein Instrument, das der Instrumentenbauer baut und dann einer Musikerin oder einem Musiker übergibt. Danach ist er Zuhörer.» Mit diesem Wechsel vom Instrumentenbauer zum Zuhörer habe er eine neue Identität finden können.
Zur Ruhe setzen will sich der 80-Jährige dennoch nicht: «Es gibt noch viele Themen zu bearbeiten. Jetzt bin ich gerade beim Thema Atem gelandet. Ich träume von einem Atemhaus.» So wie der Mensch mit Klang verbunden sei, so verbinde ihn auch der Atem mit allem. «Denn es gibt nur eine Luft.»
Ein weiteres Burnout will er vermeiden und sagt: «In den letzten Jahren hat sich mein Kalender immer mehr gefüllt. Jetzt mache ich nur noch ein bis zwei Sachen pro Tag, und ich gönne mir regelmässig Pausen und Stille.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant