Der neue Papst bewegt die Gemüter. Noch immer lassen Experten die ersten Wochen seines Pontifikats Revue passieren. Theologe Fabian Brand betont dabei zum einen, dass Papst Leo XIV. ein Teamplayer und Brückenbauer sei. Zum anderen kritisiert er, dass Papst Leo noch entscheidungsscheu agiere.
Wolfgang Holz
Bekanntlich machte Papst Leo XIV. bereits unmittelbar nach seiner Wahl im Konklave auf der Benediktionsloggia sichtlich den Unterschied zu seinem Vorgänger Papst Franziskus. «Denn der Papst trat in Chorkleidung mit der roten Mozetta und der alten Stola, welche die Apostelfürsten Petrus und Paulus zeigt, vor die Gläubigen», wie Theologe Fabian Brand im Juli-Heft der «Herder-Korrespondenz» aufgefallen ist.
Das, was mit Papst Franziskus beim ersten Auftritt gefehlt habe, sei mit Leo wieder zurückgekehrt. «Und überhaupt scheint der neue Papst wieder mehr ästhetisches Empfinden an den Tag zu legen», so Brand.
Will konkret heissen: prächtigere Gewänder kommen zum Einsatz. Der Papst trage wieder Manschettenknöpfe unter der Soutane, habe am Handgelenk eine Smartwatch, empfange Staatsgäste in Chorkleidung und lege bei katholischen Besuchern die Stola an. Papst Leo ordnet sich für ihn wieder mehr in die Traditionen des Vatikans ein und empfindet sein Pontifikat als keine Demonstration eines persönlichen Stils wie bei Papst Franziskus – der teils bewusst provozierte.
«Er zeigt, dass er ein Papst für alle sein will, ein Papst, der auch die Tradition ernst nimmt und sich demütig in die Reihe seiner Vorgänger hineinstellt.»
Auch inhaltlich sieht der deutsche Theologe den neuen Papst als Brückenbauer, Teamplayer und Bewahrer von Traditionen – mit dem Ziel, die Einheit der katholischen Kirche zu wahren. «Er zeigt, dass er ein Papst für alle sein will, ein Papst, der auch die Tradition ernst nimmt und sich demütig in die Reihe seiner Vorgänger hineinstellt.»
Das gelte auch für seine künftige Wohnung im Apostolischen Palast, der gerade renoviert wird, und für Castel Gandolfo, den Feriensitz der Päpste – Dinge, die Papst Franziskus bewusst verschmähte. Wobei die «Extrawurst» des argentinischen Pontifex, stattdessen im Schwesternheim Casa Santa Marta zu logieren, laut Quellen rund 200’000 Euro monatlich gekostet haben soll. Und das bei den klammen Kassen des Vatikans.
Dabei ist es für Brand auch auffällig, dass Papst Leo XIV. wieder die Kurie eher hätschelt, im Gegensatz zu Papst Franziskus, der den Kirchenapparat häufig kritisierte. Beispielsweise durch die Wiedereinführung der «Konklave-Prämie».
Brand bemängelt allerdings auch, wie so manche andere Vatikan-Experten, dass die Bilanz der ersten Pontifikatswochen von Papst Leo XIV. «eher ernüchternd ausfalle». Sprich: Wichtige Personalentscheidungen stünden noch aus. Es gebe etwa noch keine neuen Dikasterienschefs. Es existierten keine fixen Reisepläne – die Reise nach Nizzäa zum Konzilsjubiläum finde möglicherweise erst im November statt. Eine Reise in die Ukraine stehe noch völlig offen, nachdem er von Präsident Selenskyj eingeladen worden sei. Und mit US-Präsident Trump befinde sich noch vieles im Ungewissen. Letzterer habe immerhin bereits den Papst-Bruder Louis Prevost eingeladen.
Apropos Trump. Volker Leppin (Jahrgang 1966), Professor für historische Theologie an der US-amerikanischen Yale-University gibt zu bedenken, den neuen US-amerikanischen Papst Leo XIV. als «Anti-Trump» zu positionieren.
Zwar war Donald Trump nicht persönlich anwesend bei der Amtseinführung des Pontifex. Zum anderen habe sich Prevost vor seiner Wahl alles andere als «woke» gezeigt: 2012 etwa habe er gegenüber Mitbischöfen erklärt, dass Homosexualität dem Evangelium widerspreche.
Dadurch stehe er den Republikanern «um vieles näher als den Demokraten», so Leppin im August-Heft der «Herder-Korrespondenz». Auch was die Trumpsche Immigrationspolitik angehe, halte sich der Papst noch sichtlich zurück. «In manchen Aspekten teilt Papst Leo Werte der Trumpschen Kulturrevolution.»
Auch Annette Schavan, Politikerin und frühere Kultusministerin von Baden-Württemberg sowie vier Jahre lang Botschafterin Deutschlands beim Heiligen Stuhl, hat sich eine Meinung zum neuen Papst gemacht.
Sie sieht ihn «als ein grossartiges Angebot der Weltkirche an die Welt, die zerstörerische Wege der Entsolidarisierung und des Rückfalls in Nationalismen geht», so die 70-Jährige euphorisch im Juni-Heft der «Herder-Korrespondenz». Wobei es auch ihr sehr wichtig ist, dass Papst Leo ein neues stilvolles Erscheinungsbild nach aussen repräsentiert. Dinge, die für Papst Franziskus marginal waren.
«Seine Eleganz besticht», «er spielt gut und gerne Tennis», er fährt ein deutsches Auto», erwähnt Schavan. Das sei zwar alles ziemlich egal. «Dennoch: Es zeigt Papst Leo menschlich und schafft eine Nähe, die über bedeutungsschwere Analysen nicht zu erreichen ist.» Bleibt die Frage, wie Annette Schavan Menschlichkeit und menschliche Nähe grundsätzlich definiert.
*Fabian Brand (Jahrgang 1991) ist ein deutscher römisch-katholischer Theologe und Publizist. Sein wissenschaftlicher Fokus liegt in der systematischen Theologie und Liturgie.
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