Klöster als Kristallisationspunkte der Spiritualität

Viele klösterliche Gemeinschaften blicken voller Sorge in die Zukunft. Die Zahl der Ordensleute nimmt ab, der Einfluss von Kirche und Religion auf die Gesellschaft schwindet. Anlässlich einer Podiumsdiskussion im Kloster Engelberg wurden am vergangenen Mittwochabend diese Herausforderungen diskutiert. Dabei zeigten sich auch Chancen.

Stefan Betschon

Wer vom Bahnhof Engelberg die Dorfstrasse hochgeht, vom «A-la-carte Restaurant Urchig» zum «Steakhouse Bierlialp» und weiter, am «Dolce-Vita»-Shop und der «Trendbar Gletscherspalte» vorbei zur «Eventlocation Under» – wer diesen gepflasterten Weg hochgeht, verspürt in sich, angesichts einer hoch verdichteten architektonischen Hässlichkeit, einer Mischung aus Beliebigkeit, Einfallslosigkeit und Ausnützungsziffereinmaleins, eine Zusammenballung von Heimatstil-Brutalismus und Berghütten-Barock, wer diesen Weg geht, vom Bahnhof Engelberg die Dorfstrasse hoch in Richtung Klosterkirche, der wird in sich den Wunsch verspüren, der Zahn der Zeit möge schneller mahlen. Und er würde zerstören und vernichten, was keiner Nachwelt zugemutet werden kann. Er möge schneller mahlen und tun, was kein einzelner Architekt, keine Architektin zu leisten imstande ist, was nur die Zeit tun kann: Einheit in der Vielfalt schaffen, nicht bloss Häuser bauen, sondern Häuser-Ensembles, Häuserzeilen, Strassenzüge, wohnliche Dörfer, begehbare Städte.

Nostalgischer Rückblick

Beim Kloster angekommen, wünscht sich der Besucher, die Zeit wäre vor zwei, drei hundert Jahren stehen geblieben: Das Kloster wäre ein mächtiger Bau, allein auf weiter Flur, zwischen hohen Bergen, bewohnt von vielen dunkel gekleideten Menschen, die fröhlich mehrstimmige Lieder singen und fleissig alte Handschriften abschreiben.

Bilder vom freistehenden Klosterbau zwischen hohen Bergen, von einem vielstöckigen, weit ausgreifenden Gebäudekomplex mit strahlend weisser Fassade hängen im Barocksaal des Klosters Engelberg. Diese Ölgemälde wurden, so lässt sich der Besucher erklären, im 18. Jahrhundert von einem gewissen Meinrad Keller aus Baden im Auftrag des Abts gemalt. So präsentierte sich eine gesellschaftlich bedeutende Institution selbstbewusst auf dem Höhepunkt ihrer Macht. Vom Dorf ist auf diesem Bild nichts zu sehen.

Reiche Tradition

Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Das Kloster ist noch da, aber es ist kein gesellschaftlicher Machtfaktor mehr. Im Engelberger Barocksaal versammelten sich am Mittwochabend Besucherinnen und Besucher und auch ein paar nach Art der Benediktiner schwarz gekleidete Menschen, um über die Zukunft der Klöster zu diskutieren.

Als Schlussveranstaltung einer «Kultursommer» genannten Veranstaltungsreihe, die Aussenstehenden einen Einblick in die innersten Bereiche der Abtei ermöglichte, sollte die Podiumsdiskussion die Beziehungen zwischen Klosterkirche und globalem Dorf thematisieren.

«Wie können die Klöster ihre Zukunft aktiv und mutig gestalten?»

«Wie können die Klöster ihre Zukunft aktiv und mutig gestalten, in Treue zur reichen Tradition, doch auch mit wachem Blick für die heutige Gesellschaft und ihre Bedürfnisse?» – so formulierte der Veranstaltungsprospekt die zentrale Frage.

Mit dieser Frage beschäftigten sich auf dem Podium Abt Christian Meyer, Priorin Irene Gassmann vom Benediktinerinnenkloster Fahr, Emanuel Trueb, Oblate des Klosters Engelberg, sowie die Religionspädagogin Sabine Schubert-Prack und Pfarrer Benedict Schubert-Prack von der Communität Don Camillo. Johanna Thali aus Solothurn leitete die Diskussionsrunde.

Engelberger Benediktinerabtei – ein Prachtbau

Wie weiter mit den Klöstern? Die Engelberger Benediktinerabtei ist noch immer ein prächtiger Bau. Aber viele Zellen sind unbewohnt. Nur noch 17 Mönche gehören diesem Kloster an, 14 von ihnen leben derzeit in Engelberg.

Als Abt Christian gleich zu Beginn der Podiumsdiskussion diese Zahlen bekanntgab, glaubte der Besucher sich auf einen traurigen Abend einstellen zu müssen. So als ginge es darum, einen Verlust zu vermessen, einen Niedergang nachzuzeichnen. Doch als er zwei Stunden später den Weg von der Klosterpforte zum Bahnhof unter die Füsse nahm, fühlte er sich beschwingt und zukunftsfroh. Und das ist nicht allein dem vorzüglichen Engelberger Klosterwein zuzuschreiben.

Spirituelle Sehnsüchte

Das Benediktinerkloster Engelberg ist fast 1000 Jahre alt. Es gab Zeiten, da war der Andrang von Novizen so gross, dass die Äbte die grosse Nachfrage nur durch die Gründung von Tochterklöstern in Afrika oder Amerika bewältigen konnten.

Heute stehen ganze Gebäudeflügel leer. Warum ist das so? Eine schwierige Frage, auf die es keine einfache Antwort gibt. Begriffe wie Rationalisierung, Entmythologisierung, Säkularisierung sind rasch bei der Hand, doch sie benennen nur den Verlust, sie erklären ihn nicht.

Gedränge herrscht heute in den mit dem Duft von Räucherstäbchen durchwehten Esoterik-Shops, in den vom Glöckchen-Kling-Kling beschallten Ashrams, in den von japanischer Zen-Schlichtheit inspirierten Wellness-Retreats.

Alles Hinweise darauf, dass der materielle Wohlstand das Bedürfnis nach einem Eingebundensein – nach Religiosität – nicht befriedigen kann, dass die Sehnsucht nach einer Re-Mythologisierung und der Wunsch, das Saeculum hinter sich zu lassen, wach geblieben sind.

Spirituelle Torschlusspanik?

Es ist halt nur so, dass in einer Multioptionsgesellschaft die meisten sich möglichst lang alle Optionen offenhalten möchten und nicht mehr bereit sind, in jungen Jahren eine vage empfundene spirituelle Sehnsucht in ein gelebtes Leben zu verwandeln.

Später dann, wenn sich die meisten Optionen zerschlagen haben, die Kinder weg sind, der Lebensabschnittspartner den Partner gewechselt hat, im reiferen Alter verspüren viele dann sehr dringlich den Wunsch, sich einer eng gestrickten, religiös inspirierten Gemeinschaft anzuschliessen. Das Kloster als Altersheim für zivilisationsmüde Sinnsucher? Als Notunterkunft für Menschen, die einer spirituellen Torschlusspanik anheimgefallen sind?

Spät berufene Nonnen oder Mönche

Offenbar mussten Äbte oder Priorinnen die Erfahrung machen, dass es nicht einfach ist, spät berufene Nonnen oder Mönche in ihre Gemeinschaft zu integrieren. Denn eine Klostergemeinschaft ist etwas Besonderes. Diese Gemeinschaft gründet nicht auf freundschaftlichen Gefühlen, auf gegenseitiger Sympathie, sondern im Glauben an Gott.

Priorin Irene sprach das klar aus: Viele ihrer Schwestern würden sich wohl im weltlichen Leben, wenn es darum geht, eine Mitarbeiterin oder eine Mitbewohnerin auszuwählen, nicht finden. Doch unter dem Dach des Klosters leben sie zusammen, weil der Glaube, weil Gott sie zusammengebracht hat.

Diese Gemeinschaft verändert sie, lässt sie – ein Diskussionsteilnehmer benutzte hier das Wort «Gewächshaus» – spirituell schneller reifen. Auch deswegen ist es schwierig, Menschen, die ihre spirituellen Bedürfnisse erst im fortgeschrittenen Alter entdecken, in eine herkömmliche, gefestigte Klostergemeinschaft aufzunehmen.

Niederschwellige Klosterpforten

Doch das heisst nicht, dass die Klostermauern nur von jungen Novizinnen und Novizen überwunden werden könnten. Klausur und Dorf sind nicht durch eine scharf gezogene Grenze getrennt, vielmehr gibt es Zwischenbereiche, Übergangszonen.

Das ist die gute Nachricht, die der Besucher aus dem Barocksaal mit nach Hause nehmen durfte: Es gibt Übergangszonen, Gestaltungsräume, Begegnungsorte. Auch wenn sie von einer Mauer umgeben sind, können Klöster Kristallisationspunkte der Spiritualität werden. Sie können es, wenn sie diese Zonen und Räume klug nutzen und Möglichkeiten schaffen, damit gläubige und spirituell bewegte Menschen von aussen «andocken» können.

«Weggemeinschaft»

Dieser Fachbegriff aus der Schifffahrtssprache wurde in der Podiumsdiskussion mehrmals verwendet, um eine Form des Zusammenlebens zu beschreiben, die ohne ein gemeinsames Dach auskommt. «Weggemeinschaft» könnte man so etwas nennen, ein Begriff, der im Barocksaal von der Vertreterin und dem Vertreter der Communität Don Camillo in die Diskussion eingebracht wurde.

Diese Communität, an mehreren Standorten im Schweizer Mittelland präsent, wurde in den 1970er Jahren in Basel am Küchentisch einer Wohngemeinschaft gegründet. Diese evangelische Gemeinschaft, als Verein oder als Zusammenschluss von Vereinen organisiert, möchte Menschen des 21. Jahrhundert zeitgemässe Möglichkeiten einer klösterlichen Lebensweise aufzeigen.

Optimismus zum Schluss

Seit den Anfängen des Christentums, daran erinnerte Abt Christian, wurden immer wieder neue Formen des christlichen Zusammenlebens ausprobiert, zahlreiche Orden wurden gegründet, Ordensregeln aufgestellt. Die grossen Unterschiede zwischen den Orden reflektieren unterschiedliche Bedürfnisse verschiedener Epochen.

So wird auch unsere Zeit das Kloster neu erfinden müssen. Doch auch die alten Orden können sich weiterentwickeln. Die Benediktinerinnen des Klosters Fahr haben gezeigt, wie das geht: Sie haben periphere Ökonomiegebäude «veräussert», um in unmittelbarer Nähe des Klosters Platz zu schaffen für eine neue Form des Zusammenlebens, die hier «Mehrgenerationenwohnen» genannt wird. Auch im Kloster Engelberg gibt es Pläne, auf dem Klosterareal Wohnraum zu schaffen für christliche Laien.

«Was ist noch möglich?»: So hätte wohl der pessimistisch gestimmte Besucher zu Beginn des Abends – wäre er gefragt worden – seine Erwartungen an die Diskussionsrunde formuliert. Das Schlusswort des Abends aus dem Mund von Priorin Irene klingt ähnlich, aber es sprüht vor Optimismus: «Was ist neu möglich?».


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/kloester-als-kristallisationspunkte-der-spiritualitaet/