Drei Tage war Kardinal Pizzaballa in Gaza-Stadt, um der einzigen katholischen Gemeinde dort nach einem tödlichen Panzer-Beschuss Mut zu machen. Das Vorgehen Israels kritisiert er seither schärfer als je zuvor. Nun fordern 100 Hilfsorganisationen den Zugang zum Gazastreifen für die humanitäre Versorgung der hungernden Bevölkerung.
(CIC/KNA) Als «nicht mehr zu rechtfertigen» hat Kardinal Pierbattista Pizzaballa das militärische Vorgehen Israels im Gazastreifen kritisiert. «Wir haben die moralische Pflicht, mit absoluter Klarheit und Offenheit die Politik dieser Regierung im Gazastreifen zu kritisieren», führte er aus. Der ranghöchste katholische Geistliche im Heiligen Land äusserte sich jüngst in einem Interview mit dem Portal «Vatican News.»
Pizzaballa war nach dem am Donnerstag erfolgten tödlichen Beschuss der katholischen Pfarrei im Gazastreifen dorthin gereist und hatte inmitten anhaltender Bombardements dort Gottesdienst gefeiert.
Im Interview mit Vatican News berichtete er nun von einer Million Obdachloser im Gazastreifen und von verletzten und erblindeten Kindern infolge der israelischen Luftangriffe. Im Vergleich zur übrigen Bevölkerung seien die Menschen auf dem Gelände der Pfarrei noch «sehr geschützt», doch litten auch sie Mangel und Not.
Wird nun auch der Papst als persönlicher Friedensstifter im Gazastreifen agieren? Für Leo XIV. ist dies derzeit nicht das Mittel der Wahl, wie er am Dienstagabend laut dem Portal Vatican News an seinem Urlaubsort Castel Gandolfo sagte. Auf die Frage eines Journalisten nach einer möglichen Papstreise in das Palästinensergebiet erklärte er, es gebe «in der Tat viele Orte», an die er gerne selbst gehen würde, «aber das ist nicht unbedingt die Antwort».
Wörtlich sagte der Papst: «Wir müssen alle ermutigen, ihre Waffen niederzulegen und auch den Handel aufzugeben, der hinter jedem Krieg steht.» Und weiter: «Oft werden Menschen durch Waffenhandel zu blossen Instrumenten ohne Wert. Wir müssen immer wieder die Würde jedes Menschen betonen, ob Christ, Muslim oder anderer Religion.»
Inzwischen haben mehr als 100 Organisationen erneut freien Hilfszugang zum Gazastreifen gefordert. Wegen der Blockade blieben Tonnen von Nahrung, Wasser, medizinischen Gütern und Treibstoff ungenutzt in Lagerhäusern ausserhalb von Gaza, heisst es in einem am Mittwoch veröffentlichten Appell an die Staatengemeinschaft. «Die Beschränkungen, Verzögerungen und Zersplitterung durch die Totalbelagerung der israelischen Regierung haben Chaos, Hunger und Tod verursacht.»
Seitdem die von Israel und den USA unterstützte Gaza Humanitarian Foundation Ende Mai die Verteilung der Lebensmittel übernommen habe, litten besonders Kinder und alte Menschen zunehmend unter Mangelernährung und Hunger. Beinahe täglich komme es zu tödlichen Vorfällen an den Ausgabestellen. Nach UN-Angaben wurden seitdem mindestens 1.000 Palästinenser bei der Nahrungssuche, auf für humanitäre Hilfe angelegten Wegen oder an Nahrungsausgabestellen getötet worden sein.
«Regierungen dürfen nicht mehr auf die Erlaubnis zu handeln warten», mahnen die Organisationen. Nötig seien ein sofortiger und dauerhafter Waffenstillstand, ein ungehinderter Zugang sowie eine von den UN geführte Hilfsmission, die nicht vom Militär kontrolliert wird. «Das UN-geführte humanitäre System hat nicht versagt, es wird daran gehindert, zu funktionieren», erklären die Organisationen und mahnen Israel: «Zivilisten als Kriegswaffe verhungern zu lassen, ist ein Kriegsverbrechen.»
Der Zentralrat der Muslime in Deutschland dringt auf eine interreligiöse Initiative für Hilfe im Gazastreifen. «Der Hungertod in Gaza ist eine der schlimmsten humanitären Tragödien unserer Zeit», erklärte der Zentralratsvorsitzende Abdassamad El Yazidi am Mittwoch in Köln.
Das Gremium verweist auf Zahlen der palästinensischen Gesundheitsbehörde. Demnach kamen seit Beginn des Krieges – mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 – rund 59’000 Menschen im Gazastreifen ums Leben. Auch das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen warne, dass nahezu ein Drittel der Bevölkerung Gazas teilweise tagelang ohne Nahrung auskommen müsse, hiess es.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/kardinal-pizzaballa-israels-vorgehen-ist-nicht-mehr-zu-rechtfertigen/