Die Stiftung Weltethos in Tübingen zieht ins ehemalige Wohnhaus des bekannten Schweizer Theologen Hans Küng, ihres «geistigen Vaters». Geschäftsleiterin Lena Zoller ist überzeugt: Küngs Idee des Weltethos ist weltweit präsent – und gesellschaftlich weiterhin hochrelevant.
Regula Pfeifer
«Ein Ort voller Geschichte wird ein Ort mit Zukunft», titelt die Stiftung Weltethos die Umzugsnews auf ihrer Webseite. Sie ziehe in das ehemalige Wohnhaus ihres Gründers und Professors Hans Küng. «Hier, wo der weltbekannte Theologe und Philosoph lebte, forschte und wirkte, entsteht ein neuer Ort für die Förderung von interreligiösem Dialog, gesellschaftlichem Zusammenhalt und werteorientierter Demokratiebildung», heisst es weiter.
Hans Küng hatte sein Haus in Tübingen zeitlebens der Stiftung Weltethos vermacht. Nach seinem Tod im April 2021 habe sich die Frage gestellt, was mit seinem Wohnhaus geschehen solle, sagt Stiftungs-Geschäftsführerin Lena Zoller auf Anfrage von kath.ch. Dabei habe die Idee überzeugt, seinen ehemaligen Wohn- und Wirkungsort als neuen Stiftungssitz zu nutzen.
Das Haus wurde demnach erst sorgfältig kernsaniert. «Das Wohnzimmer mit Bücherwänden, Schreibtisch und Sitzecke blieb original erhalten. Es soll dem Stiftungsteam wie auch unseren Gästen als Raum der Begegnung, Inspiration und Erinnerung dienen; als einen lebendigen Ort des Weltethos, an dem Vergangenheit und Zukunft verbunden werden», so Zoller. «Mit dem neuen Sitzungssitz knüpfen wir bewusst an die Wurzeln an. Ich finde, das ist ein schönes, sichtbares Zeichen für Kontinuität und Erneuerung zugleich.»
Der im luzernischen Sursee aufgewachsene Hans Küng hat die Idee eines Weltethos als Grundlage für weltweiten Frieden entwickelt und dazu mehrere Bücher publiziert und führende Persönlichkeiten davon überzeugt.
1995 beteiligte er sich massgeblich an der Gründung der Stiftung Weltethos in Tübingen. In diese deutsche Stadt hatte es den Schweizer aufgrund seiner wissenschaftlichen Karriere verschlagen. Von 1960 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1996 lehrte er als Theologieprofessor an der Eberhard Karls Universität Tübingen, zuletzt Ökumenische Theologie. 1996 wurde die Stiftung Weltethos Schweiz gegründet, das Pendant zu Tübingen. In Österreich ist die Initiative Weltethos Österreich entstanden.
Alle drei Organisationen engagieren sich im deutschsprachigen Raum für die Verbreitung der Weltethos-Idee, sagt Lena Zoller. «Weltethos ist ein Projekt der Hoffnung», ist sie überzeugt. «Und das brauchen wir heute mehr denn je.»
Hans Küng war überzeugt: Ein friedliches Zusammenleben in Vielfalt ist nur auf Basis gemeinsamer Werte möglich, einem Weltethos. Seine Bücher dazu wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.
«Hans Küng ist der geistige Vater und Gründer des Weltethos-Gedankens und damit auch der Stiftung Weltethos», sagt Zoller. «Sein Werk bildet das inhaltliche Fundament unserer Arbeit.» Und es leite noch heute das Handeln ihrer Stiftung. «Das bedeutet für uns: interreligiöse Verständigung und Demokratiebildung fördern, konkrete Bildungsarbeit leisten, wissenschaftlich fundiert arbeiten und gleichzeitig gesellschaftlich relevant bleiben.»
Weltethos ist für Zoller «nicht nur eine Vision, sondern ein aktiver Gestaltungsauftrag». Die Geschäftsführerin bezeichnet sich als «leidenschaftliche Botschafterin der Weltethos-Idee». Und betont: «Die Arbeit an gemeinsamen Werten, an Dialog und an einer friedlicheren, gerechteren Welt gibt mir Sinn und Hoffnung.»
Den Trend zur Säkularisierung sieht Zoller keineswegs als Hemmnis für die Weltethos-Idee. «Im Gegenteil», sagt sie. «Die Weltethos-Idee richtet sich an religiöse ebenso wie an nicht-religiöse Menschen. Es geht um gemeinsame Werte, die verbinden – unabhängig von Glaubensüberzeugungen. Insofern bleibt die Vision eines Weltethos auch in säkularen Kontexten gültig und wird sogar relevanter.» Hinzu komme, dass aktuell die weltanschauliche Vielfalt zunehme. «Das erfordert Räume des Dialogs und eine gemeinsame Wertebasis. Genau hier setzt Weltethos an: Die Vision baut Brücken zwischen religiösen und säkularen Weltbildern durch den Fokus auf gemeinsame ethische Grundwerte.»
Bei der Weltethos-Idee gehe es um gemeinsame Werte, die verbinden – unabhängig von Glaubensüberzeugungen. «Insofern bleibt die Vision eines Weltethos auch in säkularen Kontexten gültig und wird sogar relevanter», so Zoller.
Allerdings erntete Hans Küng Zeit seines Lebens nicht nur Bewunderung, sondern er erlebte auch Schwieriges. Dem Theologen, der sich in die Unfehlbarkeitsdebatte einmischte, entzog Rom 1979 die kirchliche Lehrerlaubnis. Da er Professor an der staatlichen Universität Tübingen war, schuf die Universität einen neuen Lehrstuhl für ihn – in Ökumenischer Theologie.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/stiftung-weltethos-zieht-in-hans-kuengs-haus/