Der Schweizer Journalist und Historiker Mario Galgano hat eine Papstbiografie publiziert. Es ist nicht das erste deutsche Buch über Papst Leo XIV., aber es ist das erste, das sich wie ein Buch liest und nicht wie eine Zusammenstellung von Artikeln.
Stefan Betschon
«Wo waren Sie am 8. Mai 2025 kurz nach 18 Uhr?» Viele Menschen dürften auf diese Frage eine Antwort rasch parat haben, denn das war ein historischer Moment: In Rom, über der Sixtinischen Kapelle stieg Rauch auf. Viele Kameras fingen das Ereignis auf, die ganze Welt schaute zu. Ein neuer Papst war gewählt worden. Die ganze Welt hielt den Atem an, als Kardinalprotodiakon Dominique Mamberti sich in der Benediktionsloggia des Petersdoms zeigte, um den neuen Papst vorzustellen: Es war der Amerikaner Robert Francis Prevost, der als Leo XIV. schon wenige Minuten später in Online-Medien und in gedruckten Zeitungen rund um die Welt gefeiert wurde.
Auf die Medienberichte folgten Bücher. Das erste – geschrieben vom österreichischen Jesuiten Andreas Batlogg und verlegt bei Herder – kam bereits zwei Wochen nach der Wahl in den Buchhandel. Nur wenige Tage später folgte beim Patmos-Verlag das zweite deutsche Buch über Leo XIV. Der Untertitel «Was ihn und uns erwartet» macht klar, dass der Autor – der deutsche Journalist Stefan von Kempis – nicht so sehr das, was ist, in den Fokus rückt, sondern das, was sein könnte oder sein sollte.
Und schon wieder erscheint eine neue Papst-Biografie. Wiederum ist der Autor ein Journalist, der in Rom lebt, wo er sich hauptberuflich mit den Ereignissen im Vatikan beschäftigt. Doch anders als seine Konkurrenten hat der Schweizer Journalist und Historiker Mario Galgano die Sorgfalt höher gewichtet als die Schnelligkeit. Es ist nicht das erste Buch über Papst Leo XIV., aber es ist das erste, das sich wie ein Buch liest und nicht wie eine Zusammenstellung von Artikeln. Das erste auch, bei dem durchgängig Leo XIV. die Hauptperson ist und nicht Papst Franziskus.
Wie andere vor ihm beschäftigt sich auch Galgano mit dem Vorleben des neuen Papstes. Der Amerikaner hat Mathematik und Philosophie studiert, trat 1977 der Ordensgemeinschaft der Augustiner bei, studierte dann Theologie in Chicago und in Rom. Prägende Jahre verbrachte er in Peru, wo er auch als Bischof von Chiclayo tätig war.
«Wer wissen will, was Leo XIV. prägt», so schreibt Galgano, «muss nach Peru reisen – genauer: nach Chiclayo und Chulucanas. Dort, in den sozialen Brennpunkten des peruanischen Nordens, wirkt Prevost als Bischof. Doch nicht als Herrscher in Purpur, sondern als Hirte unter den Menschen. Er isst mit ihnen, hört zu, feiert Eucharistie – nicht selten in Wellblechhütten oder unter freiem Himmel.» Das ist ein erstes wichtiges Element, das laut Galgano den neuen Papst ausmacht: pastorale Erfahrung.
Aufmerksam beobachtet Galgano die ersten öffentlichen Auftritte des neu gewählten Papstes. In seiner ersten Ansprache habe Leo XIV. ein «starkes Zeichen» gesetzt, in dem er zuerst den christlichen Friedensgruss aussprach: «Der Friede sei mit euch». Galgano sieht in Leo XIV. denn auch einen «Friedenspapst».
Neben dem Frieden seien Synodalität und Nächstenliebe weitere «programmatische Akzente», die Leo XIV. bereits bei seinem ersten öffentlichen Auftritt gesetzt habe. Diese Aspekte hat der neue Papst später in einer Rede an das Kardinalskollegium vertieft.
In dieser Ansprache findet Galgano viele Hinweise darauf, dass der neue Papst den Kurs seiner Vorgänger fortzusetzten gedenkt. Leo XIV. habe bekräftigt, jenen Weg weitergehen zu wollen, den die Weltkirche anlässlich des Zweiten Vatikanums eingeschlagen habe und auf dem sie seither unterwegs sei. Insbesondere habe er auch erkennen lassen, dass ihm an der Synodalität viel gelegen sei. Das ist ein weiteres wichtiges Element, das laut Galgano den neuen Papst ausmacht: Respekt gegenüber seinen Vorgängern.
«Insgesamt», so fasst Galgano zusammen, «zeichnet die erste programmatische Rede von Papst Leo XIV. ein Bild der Kontinuität in Bezug auf die grundlegenden Reformbestrebungen des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Pontifikats von Papst Franziskus, insbesondere im Hinblick auf Synodalität und die Bedeutung der Soziallehre der Kirche.» Die Wahl des Papstnamens interpretiert Galgano dahingehend, dass der neue Papst «ein verstärktes Augenmerk» auf die sozialen und ethischen Herausforderungen richten wolle.
Einen neuen Zugang zu Leo XIV. hat Galgano sich eröffnet, indem er dessen Dissertation studiert hat. Der Umstand, dass Papst Leo XIV. zwischen 1981 und 1985 an der Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin studierte und sowohl ein Lizenziat als auch einen Doktortitel im kanonischen Recht erwarb, sei von «grosser Bedeutung» findet Galgano. Denn diese Bildungsinstitution lege grossen Wert auf eine fundierte intellektuelle Ausbildung, die tief in der Tradition der Kirche verwurzelt ist. «Diese Prägung lässt erwarten, dass Papst Leo XIV. ein Papst sein wird, der intellektuelle Rigorosität, klare theologische Argumentation und eine Wertschätzung für die reiche Denkgeschichte der Kirche in sein Pontifikat einbringt.»
Mit seiner Dissertation über «Die Rolle des lokalen Priors im Orden des Heiligen Augustinus» habe Leo XIV. eine «Theologie der Autorität» entwickelt, schreibt Galgano. Immer wieder komme in dieser Theologie die Überzeugung des Doktoranden zum Ausdruck, «dass Führung auf Liebe gründen, sich im Zuhören ausdrücken und auf Einheit ausgerichtet sein» müsse. Der spätere Papst beschreibe in seiner Promotionsarbeit einen Führungsstil, der «nicht von Ehrgeiz, sondern vom Kreuz, nicht von Eroberung, sondern von Gemeinschaft» geprägt sei. Autorität soll gemäss diesem Führungsstil «entschieden, klar und mit Liebe ausgeübt» werden. So zeige sich ein «Mann der Kirche», dem Führung eine «geordnete Gnade» ist und «der das Gesetz nicht für Kontrolle, sondern für Gemeinschaft schätzt». «Er wird eine Kirche leiten, die zuhört, ein Hirte sein, der mit seinem Volk geht, und eine Führungsvision verfolgen, die die Gläubigen nicht zum Schweigen bringt, sondern sie in eine tiefere Gemeinschaft einbindet.»
An dieser Stelle fallen Ungereimtheiten im Fussnotenbereich auf. Es ist nicht klar, ob Galgano die Dissertation selbst gelesen hat, oder ob er sich hier auf die Zusammenfassung eines anderen Autors stützt. So macht sich auch bei diesem Buch der Zeitdruck, unter dem es erarbeitet wurde, bemerkbar.
Was ist das nun für einer, dieser Papst Leo XIV.? Galgano präsentiert Leo XIV. als Papst des Friedens und der Hoffnung, als Papst der Kontinuität und des Neubeginns. Der Schweizer Journalist hat viele Fakten über diese Persönlichkeit zusammengetragen, doch je länger man in diesem Buch liest, um so mehr entgleitet sie einem.
Leo XIV. erscheint einem als ein Papst der Sehnsucht: ein bisschen Franziskus mit seinem grossen Herz für die Armen und Beladenen, ein bisschen Benedikt XVI. mit seinem Verständnis für knifflige theologische Fragen; ein Papst der Vergangenheit und ein Papst der Zukunft; ein Papst des Konzils, aber auch einer, der sich ausserhalb des klassischen Schemas von konservativ und progressiv positioniert; ein Papst der Seelsorge und der Spiritualität aber auch einer, der beherzt zupackt, wenn es gilt, weltpolitische Probleme zu lösen. Dieser Papst ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, es ist eine Projektionsfläche für unsere Hoffnungen und Sehnsüchte.
Leo XIV. ist gemäss offizieller Zählweise der 267. Papst. Er repräsentiert eine altehrwürdige Institution, die zwei Jahrtausende zusammenhält, die eine Brücke schlägt von den Glanzzeiten der griechisch-römischen Antike bis ins Raumfahrtzeitalter und bis in die Ära der künstlichen Intelligenz.
Doch es ist vermutlich weniger der historische Tiefgang des Papsttums als vielmehr der irisierende Oberflächenglanz der Zukunft, der das Interesse an Leo XIV. wachhält. Viele Menschen haben das Gefühl in einer Zeit des Umbruchs zu leben. Wird die künstliche Intelligenz den wissenschaftlichen Fortschritt beschleunigen und uns allen bald Wohlstand und Friede bescheren? Vielleicht.
Vielleicht erwarten uns aber auch Unterdrückung, Not und Hunger als Folge von Umweltzerstörung und Hightech-Kriegen. In dieser schwierigen Situation wird ein Papst wie Leo XIV. weit über das katholische Milieu hinaus als Hoffnungsträger wahrgenommen. Denn er sucht nicht den schnellen Deal. Er scheint über der Zeit zu stehen, weil er sich auf uralte Werte und ewige Wahrheiten berufen kann.
Galgano, Mario: Leo XIV. – Der Papst des Friedens. Trier, Paulinus 2025. (978-3-7902-1788-9)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant