Bischof Felix Gmür: «Wir dürfen nicht mehr ins Gestrüpp geraten»

Seit geraumer Zeit herrscht im luzernischen Pastoralraum Hitzkirchertal Unruhe. Für Unmut sorgt vor allem, dass der beim Kirchenvolk äusserst beliebte Diakon die Pfarrei verlassen muss. Nun hat sich Bischof Felix Gmür mit den Gläubigen zu «Begegnung und Austausch» getroffen. Ein Abend voller Emotionen.  

Wolfgang Holz

Es war eine beachtliche Kulisse, die sich an diesem heissen Sommerabend in der Aula der Polizeischule Hitzkirche formierte: Mehr als 150 Besucherinnen und Besucher, jung und alt, drängten sich, Stühle rückend und teils stehend, im Saal. Es war förmlich zu spüren, wie die Menschen des Pastoralraums Hitzkirchertal unter den Entwicklungen der letzten Jahre leiden und wie sie gleichzeitig mit ihrem Engagement zu einer lebendigen Kirche beitragen.

Das Bistumsteam um Bischof Felix Gmür, das die zweistündige Abendveranstaltung gut durchstrukturierte, geriet dabei einige Male ins Schussfeld der Emotionen. Auch weil man den Eindruck hatte, dass bewusst versucht wurde zu beschwichtigen. Der Unzufriedenheit und dem Ärger den Wind aus den Segeln zu nehmen.

«Wer Wind sät…»

Apropos. «Wer Wind sät, wird Sturm ernten», so begann ein Sakristan, der auspackte. Man könne doch nicht sagen, dass alles gut gewesen sei mit der Pastoralraumleitung der vergangenen Jahre. «Das ist eine Lüge», so der Sakristan. Er habe selbst miterlebt, wie in der Sakristei eine Frau geweint habe und zusammengebrochen sei angesichts der Kritik an ihrer Person. «Man hat Menschen zum Schweigen gebracht und ihnen andererseits die Kommunikation verweigert.»

«Es sind wirklich schlimme Sachen passiert, Herr Bischof!» appellierte eine Frau aus dem Plenum an Bischof Gmür. Man habe Menschen unterdrückt. Und ein «pensionierter Ministrant», wie er sich nannte, charakterisierte den Arbeitsstil des früheren Pastoralamtsleiter als den eines «Coop-Filialleiters»: «Ich wünsche mir, dass die nächste Leitungsperson in unserem Pastoralraum den Menschen wirklich zuhört und sie gernhat.»  

Petition eingereicht

Harter Tobak. Was ist bloss passiert im Hitzkirchertal? Im 2021 neu errichteten Pastoralraum Hitzkirchertal brodelte es offensichtlich sehr schnell angesichts der organisatorischen Veränderungen. Nach einer hohen Personalfluktuation hatte eine Gruppe von Gläubigen vor rund einem Jahr eine Petition eingereicht, um zu erfahren, warum dies so sei. Sie forderte auch Massnahmen. Im Herbst 2024 wurde eine unabhängige Meldestelle eingeführt. Die Unruhen gingen trotzdem weiter: Anfang 2025 haben schliesslich der Pastoralraumleiter, Daniel Unternährer, der sechs Jahre im Hitzkirchertal tätig war, und der leitende Priester, Markus Fellmann, per Ende Juli ihre Kündigung eingereicht.

Bischof Felix Gmür antwortete auf die schweren Vorwürfe aus dem Publikum nicht. «Um kein Öl ins Feuer zu giessen», wie er gegenüber kath.ch nach der Veranstaltung erklärte. Er räumte indes öffentlich ein, dass man ins «Gestrüpp geraten sei, aus dem man nicht mehr herausgekommen ist. Wir dürfen künftig nicht mehr ins Gestrüpp kommen.»

Mit «Gestrüpp» ist gemeint, dass es sowohl den Mitarbeitenden des Bistums Basels als auch der Kirchgemeinde und des Pastoralraums nicht gelungen ist, «trotz vieler Treffen und unzähliger Telefonate» sowie aufgrund Unsicherheiten von Zuständigkeiten, die Personalfluktuation zu stoppen. Zudem wurde wohl das Problem des bei vielen ungeliebten «Chef»-Führungsstils des früheren Pastoralraumleiters wohl nicht richtig erkannt.

Sehr geschätzt, tolle Arbeit geleistet

Mitarbeitende des Bistums Basel brachen indes eine Lanze für den ehemaligen Pastoralraumleiter, der im Team sehr geschätzt gewesen sei und eine tolle Arbeit geleistet habe. «Es ist zu Verdächtigungen und Verleumdungen gekommen, die nicht gestimmt haben», versichert eine Bistumsverantwortliche. Der Pastoralraumleiter habe sich dadurch zunehmend unter Druck gesetzt und an den Pranger gestellt gefühlt. Vertrauen sei zerstört worden. Dazu habe auch ein anonymes Flugblatt beigetragen. Eine Krankschreibung sei am Ende die Folge gewesen sowie die beiden Kündigungen.

Seit Anfang Juli hat nun Hans-Peter Vonarburg (72), der Pastoralraumleiter ad interim, die Arbeit im Hitzkirchertal aufgenommen – in einem 50-Prozent-Pensum. Ebenso wie Pater Josef Knupp (70), als Priester. Hans-Peter Vonarburg ist aktuell Seelsorger in Pastoralraum Wasseramt Ost.

Diakon darf nicht bleiben

Erzürnt und vor allem sehr enttäuscht zeigten sich die Anwesenden am Donnerstagabend darüber, dass das Bistum nicht von seinem Entschluss abrückt, den äusserst beliebten 32-jährigen Diakon Edmond Egethoe aus dem Pastoralraum Hitzkirchertal per Ende September abzuziehen. «Er hat so viel Ausstrahlung, er macht die Seelsorge so sympathisch», versicherte ein Hitzkircher. «Wenn er jetzt gehen muss, trete ich aus der Kirche aus.»

Myriam Wechsler, eine junge Frau, «die im Namen der Jugend im Hitzkirchertal spricht», trug danach eine sehr gefühlvoll gereimte Lobrede auf den jungen Seelsorger vor (siehe Box unten). «Er ist ein Mensch, der uns zeigt, Du bist nicht allein», heisst es darin. Sie erhielt anhaltenden Applaus. Es war zu spüren, wie tief die Hitzkircherinnen und Hitzkircher ihren Diakon ins Herzen geschlossen haben.

«Ich könnte ihn natürlich einfach sofort zum Priester weihen, dann würde Friede, Freude, Eierkuchen herrschen», nahm Bischof Felix Gmür Stellung. Doch der junge Diakon befinde sich eben noch in Ausbildung und brauche Begleitung durch gute Lehrmeister. Im Pastoralraum stehe dafür momentan niemand zur Verfügung. «Und wir vom Bistum haben die Fürsorgepflicht für den angehenden Priester. Diese Entscheidung ist nicht gegen Edmond, sondern für Edmond.»

Gegenüber kath.ch betonte Bischof Felix Gmür nach der Veranstaltung, dass die Anforderungen in Sachen Assessment und Zulassung zum kirchlichen Dienst bekanntermassen sehr hoch seien. «Diesen Anforderungen muss ich gerecht werden, auch in Fairness gegenüber allen anderen, die diese Ausbildung machen», so Gmür.

Muss zum zweiten Mal gehen

Das Schicksal, eine Pfarrei vorzeitig verlassen zu müssen, ereilt Egethoe zum zweiten Mal. Bis im Sommer 2024 war Egethoe nämlich im Pastoralraum St. Wolfgang im Thal tätig. Dort war er bei den Kirchenbesuchenden ebenfalls sehr beliebt. Nach drei Jahren musste er jedoch weiterziehen. Dagegen wurden 300 Unterschriften gesammelt – ohne Erfolg: Egethoe wurde versetzt. Und zwar ins Hitzkirchertal. Seit August 2024 predigt der junge Diakon mit ungarischen Wurzeln dort.

Hat das Bistum Basel etwas gegen beliebte Seelsorger? Ein Anwesender vermutete angesichts der erneuten Versetzung Egethoes «reine Machtspiele» des Bistums. Ein anderer kritisierte: «Hat Jesus seine Jünger denn gemäss juristischen Gründen ausgesucht?»

Andere Gläubige wünschten sich, das Bistum möge doch für eine Begleitung von Egethoe vor Ort sorgen, diesen aber vorerst in Hitzkirch belassen. «Er braucht sowieso nicht mehr jeden Tag eine Betreuung.» Die Frage, ob denn nicht die neue pastorale Interimsleitung die Begleitung Egethoes übernehmen könne, wurde ebenfalls negativ beschieden. Pater Josef Knupp und Hans-Peter Vonarburg versicherten ihrerseits, dass ihnen dafür die Zeit fehle.

«Ich habe in dieser Sache schon an den Vatikan geschrieben. Wir werden mit unserem Widerstand erst aufhören, wenn sie uns endlich einen guten Priester nach Hitzkirch schicken.»

So machten sich am Ende der Veranstaltung nicht wenige frustriert auf den Heimweg. Einer sagte sogar: «Ich habe in dieser Sache schon an den Vatikan geschrieben. Wir werden mit unserem Widerstand erst aufhören, wenn sie uns endlich den richtigen Mann nach Hitzkirch schicken.»


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