1200 Jahre Kirche Schänis: Eine Zeitreise durch die Kirchengeschichte

Von Romanik bis Jugendstil, von Spätgotik bis ins Heute – die Kirche in Schänis (SG) zeigt auf engem Raum die Dynamik lebendiger Kirchengeschichte. Hans Fäh (81), ehemaliger Lehrer und Kunstkenner, gibt kath.ch eine persönliche Extraführung.

Sabine Zgraggen

Er kommt von 20 Kilometern Entfernung angeradelt – Hans Fäh, 81 Jahre alt. «Jetzt wohne ich in Glarnerland, aber mein Elternhaus steht nur 100 Meter von der Kirche entfernt», sagt er und zeigt auf ein weisses Einfamilienhaus gleich nebenan.

In Baukommission aktiv

Fäh war hier einst Ministrant, «selbstverständlich noch vor dem Konzil», betont er – damals wurde die Messe auf Lateinisch gefeiert. Später wurde er Lehrer und entwickelte eine Leidenschaft für Kunstgeschichte. Während der Renovation der Kirche zwischen 2000 und 2004 war er Mitglied der Baukommission. Seither führt er immer wieder Gruppen durch «seine» Kirche – und im Jubiläumsjahr 2025 ist er ganz besonders engagiert.

Über dem Hauptportal erzählt ein farbenprächtiges Mosaik, entstanden um 1910, die Gründungslegende: Rechts sieht man Kaiser Karl den Grossen (†814), links Graf Hunfried († um 824), der die Gründung des Frauenstifts versprach. Abt Waldo vom Kloster Reichenau (†814) ist ebenfalls dargestellt – wie auch ein Fürst Hassan, Stadthalter der spanischen Stadt Hueska. Links findet sich die erste Äbtissin Heilwig. «Zwischen 820 und 825 wurde das adlige Damenstift gegründet, deshalb feiern wir jetzt das 1200-jährige Jubiläum», erläutert Fäh.

Adliges Damenstift

Die Lebensweise der adligen Damen mutet heute fast modern an: «Sie lebten nach der Augustinerregel und pflegten das Stundengebet – allerdings ohne ewige Gelübde abzulegen.» Die Stiftsdamen erhielten dabei eine ausgezeichnete Bildung, konnten später wieder austreten und heiraten. «Nur die Äbtissinnen legten ewige Gelübde ab», weiss Kunstführer Fäh. Rund 20 historische Wappen dieser Äbtissinnen schmücken heute die Marienkapelle der Kirche – ein eindrucksvolles Zeugnis weiblicher Kirchengeschichte.

Geht man um die Kirche herum, werden unter fachkundiger Führung die Epochen sichtbar: Ursprünglich stand hier eine Drei-Apsiden-Kirche. Die romanische Krypta aus dem 12. Jahrhundert wurde beim Bau des gotischen Chors mit dem Abbruchmaterial zugeschüttet, wohl weil sie als zu unscheinbar galt.

An den gotischen Aussenmauern findet man kunstvolle Steinmetzarbeiten: etwa den Bischof von Chur mit Steinbock, Hunfried mit Kreuz oder Ulrich von Lenzburg mit Löwen. «Die Äbtissin Barbara von Trüllerey (†1525) hatte wohl ein Faible für Geschichte und das nötige Geld, solche Arbeiten in Auftrag zu geben», erklärt Fäh. Der Kirchturm, heute fest mit dem Schiff verbunden, stand ursprünglich separat.

Einzigartige karolingische Flechtwerkplatten

Die grösste Überraschung fand man 1910: Die längst vergessene Krypta wurde bei Renovationsarbeiten wiederentdeckt. Ihr wertvollstes Relikt: karolingische Flechtwerkplatten aus dem 9. Jahrhundert, heute von einzigartiger Qualität und Schönheit. «Ihre genaue Verwendung bleibt rätselhaft», so Fäh. Eine zeigt den Lebensbaum, die andere vielleicht die vier Flüsse des Paradieses.

Sicher ist: Der Stein stammt aus Laas im Vinschgau. Auch zwei fein gearbeitete Säulenkapitäle aus dieser Zeit schmücken heute wieder die Krypta. Eine im Jubiläumsjahr ausgelegte Kopie der Sebastians-Vita aus dem Kloster St. Gallen erinnert an den Kirchenpatron St. Sebastian.

Ort der Zuflucht

Ein Fenster in der im Jugendstil ausgeschmückten Muttergottes-Kapelle erinnert zudem an weitere Ordensschicksale: Schwestern aus dem 1869 aufgehobenen Kloster St. Katharinental (TG) fanden hier zeitweise Zuflucht. Dasselbe Schicksal ereilte 1811 das Damenstift von Schänis: Die Schwestern mussten sich neue Heimstätten suchen, etwa im Kloster Weesen. Die letzten drei verliessen 1819 endgültig das Areal.

1610 vernichtete ein verheerender Dorfbrand Schänis und die Kirche. Der Renaissance-Hochaltar mit den grossen Figuren der Apostel Petrus und Paulus sowie der Heiligen Sebastian und Laurentius entstand danach neu. Besonders schön sind im Chorraum die barock verzierten gotischen Gewölberippen zu sehen – Spuren, die noch heute faszinieren.

Eine Parallelwelt

«Ein geistliches Zentrum im klassischen Sinn war das Stift wohl nie», meint Fäh. «Die Damen lebten parallel zur einheimischen Bevölkerung – wirtschaftlich irgendwie voneinander abhängig, aber gesellschaftlich getrennt.»

Und was lehrt die Geschichte dieses Ortes? Hans Fäh schmunzelt und sagt: «Man braucht Geduld und muss manchmal durchhalten, auch wenn es zeitweise hoffnungslos aussieht. Darüber hinaus sollten wir aus der Geschichte für die Zukunft lernen.»

Dann schwingt er sich wieder auf sein Velo – ohne Motor, versteht sich – 20 Kilometer zurück nach Hause.

Hinweis: Unter dem Motto «Altes Erbe – neu erlebt» feiert Schänis das 1200 Jahr-Jubiläum ihrer Kirche. Es gibt eine Fülle von Anlässen bis zum Jubiläumsfest am Sonntag, 24. August 2025. Weitere Informationen findet man unter: https://kath-gaster.ch/schaenis/1200-jahr-jubilaeum/


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