Die Walliser Abtei Saint-Maurice muss Dutzende Missbrauchsfälle einräumen. Kürzlich hat eine Untersuchungskommission 67 Fälle sexueller Gewalt zutage gebracht und den Zustand der Klostergemeinschaft massiv kritisiert. Nun zieht Abt Jean Scarcella Konsequenzen.
Regula Pfeifer und (CIC)
Papst Leo XIV. hat den Rücktritt des Abtes der Schweizer Abtei Saint-Maurice, Jean César Scarcella (73), angenommen. Das teilte der Vatikan am Samstag mit.
Am Donnerstagnachmittag hatte Abt Jean Scarcella seinen Abteirat zusammengerufen und darüber informiert, dass er auf das Amt des Abtes verzichten möchte. Er habe sich die notwendige Zeit für die Unterscheidung genommen und sei aus freiem Willen und «in völliger geistiger Freiheit» zu diesem Entscheid gekommen, heisst es in der Mitteilung der Abtei.
«Im März dieses Jahres wollte ich wieder in mein Amt eingesetzt werden, um die Aufnahme der Schlussfolgerungen des Berichts zu übernehmen», sagte der Abt. «Ich trete von meinem Amt als Abt zurück, weil ich im persönlichen Gebet und im konstruktiven Dialog die Gewissheit gewonnen habe, dass es nunmehr Aufgabe lebhafter Kräfte ist, die in unserem Aktionsplan beschlossenen Massnahmen umzusetzen.»
Gleichzeitig bat er die Opfer von Übergriffen und die Gläubigen erneut um Vergebung, im Namen der Abtei. «Ich hoffe, dass die Entscheidungen dazu beitragen werden, alle Formen des Missbrauchs zu beseitigen.»
Ausserdem zeigte er sich hoffnungsvoll, dass die anstehende Aufgabe an einen Mitbruder übertragen werde, den die Gemeinschaft für geeignet halte, eine Dynamik der Erneuerung zu verkörpern.
Die Leitung der Abtei übernimmt vorübergehend Prior Simone Previte in der Rolle des Kapitularvikars, heisst es in der Mitteilung. Der Kapitularvikar wird gemäss der Abteikonstitution bei einer Vakanz des Abtsitzes aktiv. Er muss den Prozess der Unterscheidung begleiten, der die Gemeinschaft befähigt, vor Ende September einen neuen Abt zu wählen. Diese Wahl muss darauf der Heilige Stuhl bestätigen.
Die Gemeinschaft der Abtei ist für die Neuigkeit aus Rom zusammengerufen worden. Dabei würdigte Simone Previte den emeritierten Abt vor den Mitbrüdern. «Der Abteirat hat die Entscheidung unseres Abtes Jean ruhig und brüderlich aufgenommen», sagte er laut Mitteilung. «Unsere Gemeinschaft ist dankbar für die Väterlichkeit, die er ihr gegenüber zu pflegen wusste.»
Die Chorherrengemeinschaft fühle sich nun verpflichtet, die Zukunft in Wahrheit und Demut aufzubauen. Er freue sich, dass sie einer Kommission ein Mandat für Leitungsberatung übertragen habe, um auf dem Weg der Verbesserung Unterstützung zu erhalten. Er gab auch seiner Hoffnung Ausdruck, dass die Entscheidungsgremien fortan mit grösserer Reife handeln und dem Gemeinschaftsleben neuen Schwung verleihen würden. Und dass die Abtei dank des Aktionsplanes einen Weg der Wiedergutmachung gehen könne.
Ebenso hoffe er, dass die Opfer in der Kirche und in der Gesellschaft Instanzen und Personen finden könnten, die in der Lage sind, ihnen zuzuhören und zu helfen, auf ihrem Weg der Heilung voranzukommen.
«Meine Aufgabe ist es, die Gemeinschaft auf die baldige Wahl eines neuen Abtes auszurichten. Die Abtei wird offen und proaktiv über die Bestätigung der Wahl des Nachfolgers von Bischof Jean Scarcella kommunizieren», versprach Simone Previte.
Dem Rücktritt von Abt Jean Scarcella waren jahrelange massive Vorwürfe im Umgang mit sexuellem Missbrauch durch das älteste Kloster der Schweiz vorausgegangen.
Scarcella selbst, 95. Abt von Saint-Maurice, hatte sein Amt ab September 2023 ruhen lassen, nachdem Belästigungsvorwürfen gegen ihn bekannt worden waren. Allerdings hatte der Vatikan keine Verfehlungen festgestellt, so dass er im März die Leitung wieder übernommen hatte.
Am 20. Juni veröffentlichte eine vom Orden der Augustiner-Chorherren beauftragte unabhängige Untersuchungskommission einen Bericht, indem sie feststellte, dass es zwischen 1960 und 2024 mindestens 67 Fälle sexualisierter Gewalt zumeist an Minderjährigen gegeben habe, verübt von mindestens 30 Ordensmännern.
Dokumentiert wurden «Gesten oder Äusserungen mit sexuellen Anspielungen in einem Machtverhältnis, wiederholte sexuelle Berührungen, zweideutige Fotosessions, Verführungsversuche in einem Machtverhältnis, Exhibitionismus oder der Konsum von Kinderpornografie». Zudem gab es laut Bericht Fälle von sexuellen Übergriffen, Vergewaltigung sowie erzwungene Abtreibungen. Die Kommission wirft sowohl den Äbten als auch den örtlichen Behörden Versagen vor.
Im Umgang mit Missbrauchsvorwürfen stellt der Bericht dem Kloster ein schlechtes Zeugnis aus. So bescheinigt sie ihm eine «defensive Haltung», die zuallererst darauf abgezielt habe, den Ruf der Abtei zu schützen. Verdächtigte oder denunzierte Chorherren seien versetzt worden; «die Verantwortlichen der Abtei bemühen sich, die Handlungen der beschuldigten Kollegen zu vertuschen, sie zu verharmlosen, indem sie ein verschwommenes oder euphemistisches Vokabular benutzen», so die Autoren des Berichts.
Die Abtei bat nach der Publikation des Berichts «bedingungslos um Vergebung» und kündigte einen Aktionsplan an. Unter anderem soll eine unabhängige Ansprechperson für Betroffene benannt werden.
Die Abtei Saint-Maurice gilt als ältestes Kloster des Abendlandes, das ohne Unterbrechung besteht. Sie untersteht unmittelbar dem Papst.
Der Ruf der im 6. Jahrhundert gegründeten Abtei wurde durch Vorwürfe sexueller Verfehlungen schwer erschüttert. Das Kloster reagierte darauf erst auf Druck der Öffentlichkeit.
Jean Scarcella wurde 2015 zum Abt gewählt, als das 1500-jährige Jubiläum der Gründung der Abtei von Saint-Maurice gefeiert wurde.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/abt-scarcella-vom-kloster-saint-maurice-tritt-aus-freiem-willen-zurueck/