Geopolitische Analysten sehen Leo XIV. in einzigartiger Rolle

Der erste Papst mit US-Pass und peruanischer Zweit-Identität ist sechs Wochen nach dem Konklave für viele noch ein Rätsel. Die italienische Fachpublikation «Limes» versucht eine Entschlüsselung.

Ludwig Ring-Eifel (KNA)

Wenn ein neuer Papst gewählt wird, ist die Redaktion der italienischen Zeitschrift für Geopolitik mit dem schönen Namen «Limes» unter den ersten, die versuchen, die globale Tragweite des neuen Papstes zu entschlüsseln.

Seit mit Johannes Paul II. (1978-2005) ein Papst gewählt wurde, der aktiv und erfolgreich in die Weltpolitik eingriff, wissen die Spezialisten um Chefredakteur Lucio Caracciolo nur zu genau, dass eine Papstwahl weit mehr ist als ein rein binnenkirchlicher Vorgang.

Doppeldeutiger Titel

Und so haben sie, wie schon nach der Wahl von Benedikt XVI. (2005) und von Franziskus (2013) auch diesmal den geopolitischen Randbedingungen und Auswirkungen des neuen Pontifikats ein komplettes Heft mit Analysen und Interpretationen gewidmet.

Es trägt den doppeldeutigen Titel «Il Rebus di Papa Leone», was so viel heisst wie: Worüber sich Papst Leo den Kopf zerbrechen muss – aber auch bedeuten kann: Papst Leo als unentschlüsseltes Rätsel.

USA und Kirche haben universalen Heilsanspruch

In 27 Texten, darunter ein anonymer Leitartikel und drei Interviews, versuchen die Autoren das Geheimnis Leo XIV. zu entschlüsseln. In der ersten Hälfte der mehr als 250 Seiten widmen sich die Autoren überwiegend den «amerikanischen» Fragen des Rätsels Leo. Das Ganze beginnt mit dem fulminanten Satz «Leo XIV. verkörpert die doppelte Krise der USA und der katholischen Kirche». 

Im darauffolgenden Leitartikel wird ausgelotet, was es für die Welt bedeutet, wenn ein Amerikaner Papst wird. Denn beide, die USA und die katholische Kirche, haben einen universalen Heilsanspruch – und beide haben imperiale Aspekte.

Auf der weltlichen Ebene wird veranschaulicht, dass sich Washington heute ähnlich als ein «viertes Rom» inszeniert und versteht wie Moskau als ein drittes (als Erbe von Byzanz). So dass im Gegenüber des amerikanischen «Imperators» Trump und des Christus-Stellvertreters aus Chicago eine Konstellation entsteht, wie es sie noch nie gab. (Denn im spätantiken Rom wurden die Päpste erst dann wirklich eine Macht, als der Imperator abgedankt hatte).

Innerkirchliche Herausforderungen für Leo XIV.

Aber auch die Herkules-Aufgabe, vor der Leo XIV. angesichts der innerkirchlichen Krisen und Spaltungen steht, wird auf den Punkt gebracht: «Nach Leo dem Grossen nun Leo der Kleine? Der von Spaltungen gekrümmten Kirche tun grosse Päpste nicht gut, die ihre Krankheit nur verdecken. Es geht vielmehr darum, den bröckelnden Sinn der kirchlichen Gemeinschaft wiederzuentdecken.»

Entlang dieser grossen Linien analysieren die Autoren – unter ihnen professionelle Vaticanisti, Amerikakenner und Ordensobere – die Herausforderungen des neuen und das Erbe des letzten Pontifikats.

Neben biografischen Details und früheren Rollen des Robert Prevost werten sie auch die wenigen, aber programmatischen Ansprachen von Leo XIV. seit seiner Wahl aus. Und sie ziehen Schlussfolgerungen aus Details, die über das Zustandekommen der überraschenden ersten Wahl eines US-Bürgers zum Papst bekannt wurden.

Hoffnung auf US-amerikanische Wohltäter

Dass beim Konklave die Hoffnung der Kardinäle auf reichlicher sprudelnde nordamerikanische Spenden – angesichts des schmerzlichen vatikanischen Defizits -eine nicht ganz unwichtige Rolle spielte, war bekannt. Aber nach der Lektüre des Limes-Hefts versteht man noch besser, was das bedeutet. Und man ahnt, was es heisst, dass an der erfolgreichen Überwindung des «Quasi-Dogmas», wonach nie ein Amerikaner Papst werden konnte, ein Preisschild hing.

Das bedeutet nicht, dass Papst Leo XIV. nun zum Erfüllungsgehilfen konservativer amerikanischer Wohltäter werden muss. Er muss sich auch nicht den Machthabern in Washington unterordnen, wie dies einst die Päpste in Avignon mit dem französischen König taten.

Konflikte unausweichlich

Im Gegenteil: Konflikte mit der radikal-nationalistischen republikanischen Rechten sowie mit den US-amerikanischen Tech-Giganten sind, so die Prognose einiger Essays in dem Band, höchst wahrscheinlich, wenn nicht sogar unausweichlich.

Aber um eine Aufgabe wird der amerikanische Papst nicht herumkommen: Die politische und ideologische Spaltung der Katholiken in den USA anzugehen und zu versuchen, diese zu überwinden. Er muss damit nolens volens auch einen Beitrag leisten zur Heilung der nach der langen Ära Obama/Trump zerrissenen amerikanischen Seele.

Europas Kirche im Niedergang

Die überwiegend italienischen Analysten und Deuter des noch jungen Leo-Pontifikats denken in dem Band auch darüber nach, was die abermalige Wahl eines Papstes aus der «Neuen Welt» für das alte Europa und insbesondere für Italien bedeutet. Unisono deuten sie die Wahl des zweiten Papstes vom amerikanischen Kontinent als einen Abgesang auf die jahrhundertelange europäische Dominanz in der Kirche. «Europa, der einstige Garten des Christentums, ist dabei zur Wüste zu werden», so das harte Urteil schon im Leitartikel des Hefts.

Andrea Riccardi, Kirchenhistoriker und Gründer von Sant’Egidio, enthüllt ganz nebenbei dann noch, dass ausgerechnet die Stimmen der Europäer sich im Konklave am stärksten aufsplitterten: Zwischen dem konservativen Ungarn Peter Erdö, dem offeneren Franzosen Jean-Marc Aveline und dem anfänglich von vielen favorisierten Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin aus Norditalien.

Parolin als Prevost-Werber

Letzteren zählt Riccardi dann aber paradoxerweise zu den Gewinnern und auch zu den Drahtziehern der Papstwahl: Als er realisierte, dass er weniger Chancen hatte als Prevost, habe er für den Amerikaner geworben. Von ihm habe er sich zu Recht erwartet, dass der ihn als Kardinalstaatssekretär deutlich mehr wertschätzen würde als der Vorgänger Franziskus – der oft Aussenpolitik auf eigene Rechnung und vorbei am Staatssekretariat machte.

Den übrigen aussenpolitischen Aufgaben des Leo-Pontifikats sind Artikel in der zweiten Hälfte des Heftes gewidmet. Es geht dabei unter anderem darum, wie Peking mit dem neuen Hausherrn im Vatikan umgehen wird, es geht um eine mögliche Rolle für Leo bei der Suche nach Frieden im russisch-ukrainischen Krieg, und um die Kirche in Afrika – die den Autoren zufolge bis heute noch keine klare Identität für sich gefunden hat.

Das Erbe des Franziskus-Pontifikats

Auf den letzten 30 Seiten geht es schliesslich um die Frage, was von Franziskus bleibt und was dieses Erbe für seinen Nachfolger Leo bedeutet. Die beste nachträgliche Betrachtung dieses zwölfjährigen Pontifikats voller Überraschungen gibt allerdings Riccardi in seinem Interview am Anfang des Hefts. Darin verteilt er Lob und Kritik – wobei die Gesamtbilanz für Franziskus aber eindeutig positiv ist.

Nicht ohne Bitterkeit stellt er deshalb fest, dass noch nie bei einem Vorkonklave mehrere Kardinäle «so schlecht über einen verstorbenen Papst sprachen – bis hin zum Vorwurf einer mangelnden Glaubenstreue».

Leo soll ein «römischer Papst» werden

Dem hält Riccardi entgegen: «Franziskus hat die Menschen berührt und ein Volk gesammelt – und das nicht nur in den ersten Jahren. Als eine der wichtigsten Aufgaben für Leo sieht er es hingegen an, ein «römischer Papst» zu werden und auch die Römische Kurie – die Franziskus stets fremd blieb – neu zu denken.


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