Sensation in Einsiedeln: In einem feierlichen Gottesdienst am Samstag erhielt der Benediktinermönch Meinrad Hötzel in der Stiftskirche Einsiedeln die Weihe von Kardinal Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg. «Du musst hineinwachsen in die Liebe Gottes», gab der Kardinal dem Ordensbruder auf den Weg.
Stefan Betschon
Das Hauptgeläut zuerst und mächtige Orgelklänge. Im Innern der Klosterkirche klingen die Glocken, als wären sie weit weg. Sie läuten schon lange, als der Organist zu spielen beginnt. Die Kirche ist gut gefüllt, viele sind an diesem Samstagmorgen in Einsiedeln in die Kirche gekommen, denn heute ist ein besonderer Tag: Der Mönch Meinrad Hötzel wird zum Priester geweiht. Das kommt nicht oft vor, es ist schon mehr als zehn Jahre her, dass sich in dieser Kirche ein Weihekandidat auf den Boden gelegt hat.
Es dauert noch einige Minuten, bis die Messe beginnt. Der Organist hat die ganze Aufmerksamkeit der Kirchgänger für sich. Er spielt von einem Notenblatt, auf dem die Art des Vortrags vermutlich mit den Bezeichnungen grandioso und maestoso vorgeben wird. Dann nimmt er sich ein bisschen zurück, gibt sich einem belebten andante zufrieden.
Die Tür zur Sakristei öffnet sich und weissgekleidete Menschen betreten den Kirchenraum. Die Ministranten und Konzelebranten bilden eine Zweierreihe und tragen Kerzen, Kreuze und hoch erhoben das Messbuch in einem langen Zug durch die ganze Kirche. Die Konzelebranten tragen eine goldgelbe Stola und ein goldgelbes Messgewand. Eine violette Kopfbedeckung ist zu sehen, das ist der Abt; ein scharlachroter Pileolus verrät die Anwesenheit eines Kardinals.
Frater Meinrad Hötzel ist in Deutschland aufgewachsen. Nach dem Studium der Geschichte in Freiburg i. Br. und in Wien entschloss er sich für ein Leben als Mönch im Kloster Einsiedeln. Das Studium der Theologie begann er in Rom und beendete es Fribourg.
Als Weihekandidat ist Frater Meinrad mit einem schlichten weissen Gewand gekleidet. Er verlässt den Zug und setzt sich neben seine Familienangehörigen in eine Kirchenbank. Die Ministranten und Konzelebranten versammeln sich hinter dem Chorgitter rund um den Altar.
Abt Urban begrüsst die Anwesenden. Viele sind gekommen, Ordensleute, Freunde, Familienangehörige, einige von ihnen haben einen weiten Weg zurückgelegt: Kardinal Jean-Claude Hollerich etwa ist aus Luxemburg angereist, er ist mit dem Weihekandidat freundschaftlich verbunden durch die Mitgliedschaft in einer deutschen Studentenverbindung.
Dann steht Frater Meinrad auf und geht nach vorn, wo vor dem Chorgitter der Kardinal Platz genommen hat. «Hier bin ich», sagt der Weihekandidat. Der Abt bittet den Kardinal, den Ordensbruder zum Priester zu weihen. «Ist er auch würdig?», so will der Kardinal wissen.
Antwort gibt der Dekan des Klosters: In den neun Jahren, die der Frater Meinrad im Kloster verbracht habe, hätten ihn seine Mitbrüder als Menschen erlebt, der Gott suche und zum Dienst in der Gemeinschaft bereit sei; die Gemeinschaft halte ihn für würdig. Nun richtet der Kardinal das Wort an den Weihekandidaten. Er stellt ihm viele Fragen und auch diese: «Bist du bereit zum Heil der Menschen für Gott zu leben? «Ich bin bereit» beantwortet der Weihekandidat jede dieser Fragen. «Mit Gottes Hilfe bin ich bereit» so seine letzte Antwort.
Während dem Bittgebet liegt der Weihekanditat auf dem Boden vor dem Chorgitter und dem Altar. Die Heiligenlitanei dauert lange. Was sich der Kandidat während dieses Gebets wohl denkt? Dass es eine lange Litanei sei und die Kirche eine lange, reiche Geschichte habe. Oder er denkt an seine kirchenhistorische Doktorarbeit, die er im Herbst in Luzern anfangen will? Oder er ist ganz bei der Sache, ganz bei Gott.
Nun stehen alle auf. Auch der Weihekandidat hat sich erhoben. Dann kniet er sich vor den Kardinal hin. Der legt ihm schweigend die Hände aufs Haupt. Auch alle anderen Priester, die anwesend sind, legen dann dem Kandidaten die Hände auf. Der Kardinal spricht das Weihegebet. Dann erhält der Kandidat die goldgelbe Stola und den goldgelben Überwurf. Er wird mit Chrisam gesalbt. Er ist jetzt kein Kandidat mehr, jetzt ist er Neupriester. Alle in der Kirche klatschen lange und laut. Frenetico.
«Ich möchte dir drei Punkte mitgeben für deinen Weg als Priester», so wendet sich nun der Kardinal an den neugeweihten Priester. Es sehe so aus, als sei Gott verschwunden, als lebten wir in einer Zeit, aus der Gott sich zurückgezogen habe. «Und doch, und doch ist Gott präsent in dieser Welt.»
Immer wieder gebe es Menschen, Menschen wie Pater Meinrad, die sich aufmachten Gott zu suchen. «Und diese Suche ist so wichtig in unserer säkularisierten Gesellschaft.» Diese Suche nach Gott lasse auch die Kirche in einem anderen Licht erscheinen. «Es ist eine Kirche, die Gott nicht besitzt. Eine Kirche, die auf der Suche nach Gott ist. Eine Kirche, die demütig ist. Und die, die Freude erleben kann, dass Gott sich immer wieder der Kirche und den einzelnen Mitgliedern der Kirche mitteilt.»
Der Kardinal spricht ohne Redemanuskript, druckreif, den Blick stets auf den Neupriester gerichtet. Einen zweiten Punkt schärft er ihm ein: Er erinnert ihn daran, dass er bei der Suche nach Gott nicht auf sich allein gestellt ist. Denn dieser Gott hat sich uns mitgeteilt. Durch seinen Sohn, Jesus. «Ihm folgen wir nach. Und so stehst du in der Nachfolge Christi. Und diese Nachfolge Christi eröffnet dir dann ein Stück des Geheimnisses Gottes. Dass Gott eine Dynamik der Liebe ist.»
Diese Liebe dürfe das Herz erfüllen, sie müsse aber auch bescheiden machen. Denn Gott liebe jeden, absolut jeden Menschen. «Du musst hineinwachsen in diese Liebe Gottes, um so gut wie es geht, diese Liebe allen Menschen zu bezeugen, denen du begegnest.» Man müsse die eigene Bequemlichkeit überwinden, um für andere da zu sein.
Unter dem dritten Punkt kommt der Kardinal auf das Kreuz zu sprechen: «Du musst nicht nur die Liebe Gottes bezeugen, sondern die Liebe Gottes bezeugen, wie sie sich im Tod und Auferstehung Jesu Christi der Welt gezeigt hat.» Das Kreuz als Symbol für Leiden und auch für Mitleid geniesse derzeit wenig Popularität. Trotzdem, so findet der Kardinal, ist glücklich nicht der, der von allem Leiden befreit ist, sondern der, der in der Präsenz Gottes lebt. Und nur einer, der bereit sei, sein eigenes Kreuz zu schultern, könne auch anderen helfen, die an ihrem Kreuz schwer zu tragen haben. «Hoffnung kann nur da sein, wo wahrer Glaube ist.»
Mit Verweis auf das eigene Alter vermutet der Kardinal, dass er nicht die ganze Karriere des Neupriesters werde verfolgen können. «Aber ich glaube ganz fest, dass der Gott, der dich gerufen hat, ein Gott der Treue ist, der dich nie verlässt. Das kann ich dir aus meiner eigenen Erfahrung mitgeben. Amen.»
Als Mönch und Priester wird Pater Meinrad das Klosterarchiv betreuen. Auch wird er sich um die Pilgerinnen und Pilger kümmern. Erstmals teilt er an diesem Samstag als Prieser die Kommunion aus. Dann singen alle «Heilig, heilig, heilig!» als stünde fortissimo con affetto auf dem Notenblatt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/nach-ueber-zehn-jahren-wieder-priesterweihe-durch-kardinal-hollerich/