«So wie es ist, kann es nicht bleiben»

Professor Mariano Delgado verabschiedet sich. Nach 28 Jahren Lehre und Forschung an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg hielt der Kirchenhisotirker nun seine Abschiedsvorlesung.

Francesco Papagni

Abschiedsvorlesungen geben Anlass, Bilanz zu ziehen. Es sind auch Momente, um Grundsätzliches auszusprechen. Mariano Delgado, Professor für Kirchengeschichte, begann mit seiner eigenen Geschichte. Geboren 1955 im zentralspanischen Hochland, der Meseta, in einer «bäuerlichen, armen, aber auch stimmigen Welt», betete der junge Mariano im Religionsunterricht für das Konzil. «So wusste ich, dass ich zu einer geistigen Welt gehörte, die viel grösser war als das Franco-Spanien.»

Die Bilder regen zum Nachdenken an

Der Hochaltar in seiner Pfarrkirche mit seinen Heiligendarstellungen, der Pietà und dem heiligen Petrus regten ihn zum Nachdenken an und sie beschäftigen ihn bis heute: «Immer wenn ich in Kirchen oder Museen Darstellungen der Pietà finde, mache ich Fotos davon, weil ich darin Fragen angesichts der sakralen Deutung des Todes Jesu sehe, die mir bisher keine Theologie zu beantworten vermochte. Vielleicht sollten wir von einem Verständnis des Todes Jesu als Opfer zu einer Sicht übergehen, die Jesus als Märtyrer deutet, als Zeuge eines messianischen Gottes, dessen Wesen die Liebe ist», sagt Delgado.

Diese Aussage macht deutlich, dass der Kirchenhistoriker Delgado immer auch Theologe ist. Und mit diesem weiten Blick kritisiert er die vielen «Dichter» im Hause der Theologie, das sind spekulative Theologen, die nicht an die Historie gebunden fühlen. Der Kirchenhistoriker sieht sich gegenüber der Kirche in der Rolle, die einst Sklaven innehatten, die auf den Wagen der altrömischen Triumphatoren diese daran erinnern mussten, dass sie sterblich seien. Damit sollten sie vor Grössenwahn bewahrt werden. Und die Kirche habe diese Mahnung nötig, so Delgado, weil sie im Laufe ihrer Geschichte einer dreifachen Hybris anheimgefallen ist.

Drei Fehlentwicklungen

Erstens die Hybris der Heilsausschliesslichkeit, die auch von einer wörtlichen Auffassung von Markus 16,16 angespornt wurde: «Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.» Der Vers ist nach neutestamentlichen Erkenntnissen erst im 2. Jahrhundert hinzugefügt worden. Delgado hat intensiv zur Missionsgeschichte geforscht und weiss nur zu gut, welche Folgen dies namentlich in den spanischen und portugiesischen Missionen gehabt hat.

Die zweite Hybris ist die des Missionsrechts. Als im Spätmittelalter die Grenzen der Christenheit überschreitbar wurden, formulierte Papst Innozenz IV 1243 den Grundsatz, die «wahre Religion» habe das Recht, überall zu missionieren, während andere Religionen, dieses Recht bei uns nicht hätten. «So wurde das Missionsrecht zu einer Einbahnstrasse zur Missionierung und Europäisierung der Welt.»

Die dritte Hybris war die der Selbstzufriedenheit, und auf Hybris folgt regelmässig der Fall. So triumphierte die Kirche im Barock, aber mit der Französischen Revolution fielen die alten Herrscherhäuser, mit denen die katholische Kirche in Symbiose gelebt hatte. Dann folgten im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege.

Das II Vatikanum ist nicht schuld

Die Erosion der Christentums in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führen manche Zeitgenossen auf das Zweite Vatikanische Konzil zurück. Der Kirchenhistoriker widerspricht. Das Konzil sei nicht die Ursache: «Es versuchte vielmehr, eine tiefgreifende Kurskorrektur herbeizuführen angesichts der Identitätskrise und des Relevanzverlustes des Katholizismus in der modernen Welt. Aber das grosse Schiff der katholischen Kirche ist immer noch beim Manövrieren».

Jetzt ist das Kirchenrecht gefordert

Es ist nun nicht so, dass Delgado in der jüngsten Entwicklung der Kirche keine Hoffnungszeichen sehen würde, im Gegenteil: Die neuen Töne, die Papst Franziskus und jetzt Leo XIV anstimmen, zeugen von einem Mentalitätswandel, aber das wird «reine Rhetorik bleiben, solange ein Papst nicht ein Dokument verabschiedet, in dem das Dogma vom Jurisdiktionsprimat des Ersten Vatikanischen Konzils (1870) neuinterpretiert wird.» Mariano Delgado hat sich intensiv mit der Spanischen Scholastik beschäftigt, früher Spätscholastik genannt. Eine ihrer herausragenden Figuren war Bartolomé de Las Casas, als Verteidiger der Rechte der Indios bekannt.

Intensives Forscherleben

Mariano Delgado scheidet siebzigjährig aus seinem Professorenamt aus, nach einem intensiven Forscherleben. Bei der Aufzählung aller Arbeitsgebiete und akademischer Aktivitäten fragt man sich unwillkürlich, wie das ein einzelner Mensch schaffen kann. Jedenfalls verliert die Theologische Fakultät der Uni Fribourg eines ihrer Aushängeschilder. Zum Abschied schreibt der Emeritandus der akademischen Theologie noch etwas ins Stammbuch: Georg Simmel vermisste in der Philosophiegeschichte die «Schmerzen der Menschheit». Auch der Theologie würde es gut tun, so Delgado, wenn ihr die Schmerzen der Menschheit anzusehen wären.


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