Stephanie Gans: «Hoffentlich bewerben sich Studentinnen an Schweizer Priesterseminaren»

Die Theologieabsolventin Stephanie Gans hat zusammen mit Mitstudentinnen ihre Bewerbung beim Priesterseminar im deutschen Freiburg eingereicht – das hat mediale Wellen geschlagen. Sie will durch Beziehungsarbeit zu einem Wandel in der katholischen Kirche beitragen.

Jacqueline Straub

Ende Mai haben Sie zusammen mit acht Mitstudentinnen Ihre Bewerbung zur Priesterin beim Priesterseminar in Freiburg i.Br. eingereicht. Warum?

Stephanie Gans*: Die Kirche hinkt beim Thema Gleichberechtigung stark hinterher. Wir wollten mit unserer Aktion ein Zeichen setzen und dieses Thema sichtbar machen. Denn es gibt viele kompetente junge Frauen, die eine Sehnsucht in sich tragen, um den priesterlichen Dienst auszuführen.

Aber warum beschäftigen Sie sich nicht wissenschaftlich damit?

Gans: Weil schon alles gesagt wurde. Wir sind müde vom Diskutieren auf der Metaebene. Wir wollten zeigen, dass es Sehnsuchtsgeschichten gibt und wollen über das Erzählen unserer Berufungsgeschichten zum Wandel beitragen.

Durch Ihre Aktion werden Sie nicht Priesterinnen werden. Denn das muss der Papst erlauben – und Papst Leo XIV. hat sich in der Vergangenheit gegen das Frauenpriestertum ausgesprochen. Warum ist diese Aktion Ihrer Meinung nach dennoch sinnvoll?

Gans: Das Thema Gleichberechtigung darf nicht in den Hintergrund treten. Und es gelangt durch die internationale Frauenvernetzung immer wieder nach Rom. Ich wünsche Papst Leo XIV., dass er auf die Bedürfnisse der Menschen hört und sich nicht weiter vom Autoritätsargument einengen lässt, sondern der Kirche Bewegung und Beweglichkeit erlaubt.

Nun hatten Sie ein Gespräch mit dem Leiter des Freiburger Priesterseminars, Weihbischof Christian Würtz. Wie haben Sie es empfunden?

Gans: Es war ein authentisches und ehrliches Gespräch. Ich habe es wertschätzend empfunden. Das zweistündige Gespräch wurde von einem Moderator geführt, der fragte, ob der Regens die Bewerbungen angenommen hätte, wenn sie von neun Männern gewesen wären.

Was hat er geantwortet?

Gans: Er schwieg einige Sekunden. Mit Zögern sagte er dann, dass er dies natürlich machen würde.

«Wir hinterfragen mit der Aktion das Menschen- und Gottesbild der katholischen Kirche.»

Nur Männer können ins Priesterseminar eintreten, weil nur sie geweiht werden können. Wie wollen Sie diese starren Strukturen ändern?

Gans: Dass wir nicht ins Priesterseminar aufgenommen werden, war uns klar. Aber wir versuchen im Kleinen etwas zu verändern. So hinterfragen wir mit der Aktion das Menschen- und Gottesbild der katholischen Kirche, denn es zielt stark auf männliche Macht ab. Wir wünschen uns auch, dass das Frauenbild, das den Seminaristen vermittelt wird, reflektiert wird. Von Weihbischof Christian Würtz erhoffe ich mir, dass er mit anderen Bischöfen und auch Verantwortlichen über die Priesterausbildung ins Gespräch kommt und unsere Anliegen einbringt.

Sie schreiben in Ihrer Bewerbung, dass Sie als Ministrantin selten an die Grenzen des Systems kamen. Als Theologiestudentin aber schon: «In der Kirche wimmelt es von Diskriminierung». Wann haben Sie zum ersten Mal diese Diskriminierung gespürt?

Gans: Im Theologiestudium wurde mir klar vor Augen geführt, welchen Platz Frauen in der Kirche haben. Ich habe die Frage, ob ich eine priesterliche Berufung habe, ganz lange nicht zugelassen, weil ich wusste, dass Frauen nicht geweiht werden können. Und auch aus Angst vor dem damit verbundenen Schmerz habe ich die Reflexion darüber im Gebet mit Gott einfach ausgelassen.

«Bei manchen funktioniert das Angstsystem noch immer so sehr.»

Wann haben Sie die Frage dann zugelassen?

Gans: Bei einer Exerzitienwoche vor ein paar Jahren. Und ich spürte plötzlich Leichtigkeit und Frieden. Dennoch werden mir immer wieder meine Grenzen aufgezeigt. Denn meine Kirche erkennt meine Berufung nicht an.

Sie haben Ihre Bewerbung öffentlich eingereicht, vier Frauen anonym, weil sie berufliche Nachteile befürchten. Warum stehen Sie öffentlich dafür ein?

Gans: Ich möchte für keine Kirche arbeiten, die mich nicht so annimmt, wie ich bin. Bei manchen funktioniert das Angstsystem noch immer so sehr, dass sie fürchten, keine Missio zu erhalten, wenn sie öffentlich zu ihrer priesterlichen Berufung stehen.

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Bei der Übergabe der Bewerbungen wurden Sie gefilmt. Das Video hat auf Instagram inzwischen über 430’000 Aufrufe. Haben Sie mit diesem Ausmass gerechnet?

Gans: Nein. Wir sind damals mit der Lokalzeitung ins Priesterseminar, weil wir nicht wollten, dass unsere Bewerbungen im Müll landen. Dass wir solch eine mediale Aufmerksamkeit erhalten – inzwischen habe etliche grosse Medien über die Aktion berichtet – hätte ich nicht gedacht. Und selbst, dass es zu einem Gespräch mit dem Regens kam, war für unsere Gruppe zu Beginn ein Wunschdenken.

Was gab der Gruppe den Mut, diese Aktion zu starten?

Gans: Ich hätte diese Aktion nie angestossen, wenn es nicht schon mutige Schritte von berufenen Frauen geben würde. Etwa die 150 Frauen, die im Buch «Weil Gott es so will» von Schwester Philippa Rath über ihre Sehnsucht, priesterlich zu wirken, erzählen.

Hoffen Sie, dass auch Schweizer Studierende, die Priesterinnen werden wollen, in den Priesterseminaren ihre Bewerbungen einreichen?

Gans: Auf jeden Fall! Hoffentlich reichen viele Schweizerinnen ihre Bewerbungen beim Priesterseminar ein – einzeln oder als Gruppe. Jede einzelne Bewerbung zählt, da sie eine Geschichte erzählt. Sie kann zur Veränderung beitragen.

Was sind nun die nächsten Schritte?

Gans: Es wird ein weiteres Gespräch mit Weihbischof Würtz geben. Und ich weiss, dass diese Veränderung nicht von heute auf morgen geschieht. Darum ist es wichtig, Beziehungsarbeit zu leisten und im Dialog zu bleiben.

*Stephanie Gans (27) befindet sich im letzten Semester der katholischen Theologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i.Br. Zusammen mit acht Theologiestudentinnen und -absolventinnen hat sie beim Freiburger Priesterseminar ihre Bewerbung eingereicht – obwohl Frauen nach wie vor von kirchlichen Weiheämtern ausgeschlossen sind. Die Aktion hat die Initiative #meinGottdiskriminiertnicht organisiert, die sich für Gleichberechtigung und den Abbau von diskriminierenden, Machtmissbrauch begünstigenden Strukturen in der katholischen Kirche einsetzt.


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