Pia Viel: «Ich freue mich aufs Co-Präsidium, da können wir alles teilen»

Der Frauenbund Schweiz wird neu von zwei Frauen co-präsidiert. Eine davon ist Pia Viel (66). Sie hat bisher die Aargauer Sektion der katholischen Frauenorganisation präsidiert. Sie freut sich darauf, mit Co-Präsidentin Katharina Jost Graf gemeinsam zu diskutieren und zu entscheiden. Und sie sagt: «Natürlich bin ich fürs Frauenpriestertum».

Regula Pfeifer

Wie ist es für Sie, vom Präsidium des Aargauischen Katholischen Frauenbunds (AKF) in Co-Präsidium des Frauenbunds Schweiz zu wechseln?

Pia Viel*: Es ist eine Herausforderung, auf die ich mich aber sehr freue. Ich hatte beim AKF ebenfalls ein paar Jahre ein Co-Präsidium mit Beatrice Hausherr zusammen. Das erlebte ich als positiv. Die Zusammenarbeit mit Katharina Jost Graf erlebte ich bereits in den vergangenen Wochen, im Zuge meiner Vorbereitung auf das neue Amt, als sehr angenehm und bereichernd.

«Ich übernehme die Vernetzung sowie die Finanzen und – nach Möglichkeit – die gesellschaftspolitische Arbeit.»

Was stimmt Sie positiv bezüglich der Zusammenarbeit?

Viel: Wir können zusammen Diskussionen führen und Entscheidungen treffen. So können wir alles teilen, den Erfolg und auch den Misserfolg (lacht). Mit Katharina zusammen ist das toll. Wir haben die Aufgaben schön aufgeteilt. Sie übernimmt die kirchenpolitischen und theologischen Angelegenheiten und ich die Vernetzung sowie die Finanzen und – nach Möglichkeit – die gesellschaftspolitische Arbeit.

Welche Erfahrungen bringen Sie dafür mit?

Viel: Ich komme von der Basis. Eingestiegen bin ich 2000 beim Frauenverein Ehrendingen, als Kassiererin. Dort war ich rund zwölf Jahre im Vorstand aktiv. 2014 wechselte ich in die Frauenpreiskommission des AKF. Bereits ein Jahr danach wurde ich ins Co-Präsidium des kantonalen Vorstands AKF gewählt. Ich kenne also das ganze Gefüge des grossen Frauennetzwerks und die Zusammenhänge der drei Verbandsebenen.

«Ich kenne also das ganze Gefüge des grossen Frauennetzwerks.»

Beruflich habe ich im Personalwesen Erfahrungen gesammelt und ich habe eine Leadership-Ausbildung gemacht. Ich kann gut mit Menschen umgehen, bin offen für alle Menschen und Kulturen und kann mich gut vernetzen. Ich arbeite gern mit anderen zusammen.

Welche besondere Herausforderung erwarten Sie im Co-Präsidium des Frauenbunds Schweiz?

Viel: Die Herausforderung wird darin bestehen, die Kommunikation und den Austausch mit den Ortsvereinen zu intensivieren. Wir wollen, dass jedes Mitglied weiss, dass es einem Dachverband namens Frauenbund Schweiz angehört, der sie in seiner Funktion als Mitgliederverband in ihrem Engagement unterstützt. Auch wenn vor allem die politische Arbeit des Dachs oft in der Öffentlichkeit steht, so sind wir doch besonders ein Mitgliederverband und eine Dienstleisterin.

«Ein volles Präsidium wäre neben meinen anderen freiwilligen Engagements nicht möglich gewesen.»

Hätten Sie sich auch ein alleiniges Präsidium vorstellen können?

Viel: Nein. Als ich als Präsidentin des Frauenbunds Schweiz vorgeschlagen wurde, sagte ich: Ich mache das nur in einem Co-Präsidium. Ein volles Präsidium wäre neben meinen anderen freiwilligen Engagements nicht möglich gewesen.

Sie sind auch anderswo freiwillig engagiert: bei der Spitex, beim Mittagstisch, bei einem Gleichstellungsverein…

Viel: Beim Verein Gleichstellung Aargau habe ich vom Vorstand demissioniert. Da war ich Kassiererin. Diese Vorstandsarbeit war sehr zeitintensiv, das hätte nun nicht mehr drin gelegen. Ich bleibe aber Mitglied. Und ich bin weiterhin Vizepräsidentin des Gönnervereins Spitex Nord Ost Aargau und Präsidentin des Dachverbands Tagesstrukturen Mittagstisch Aargau. Da setze ich mich sehr ein für die Vereinbarkeit für Beruf und Familie. Auch Präsidentin von Die Mitte Bezirk Baden bleibe ich.

Was möchten Sie unbedingt anpacken?

Viel: Mir ist wichtig, dass wir mit den anderen grossen Frauenverbänden der Schweiz zusammenarbeiten bei der Gleichstellung und Gleichberechtigung. Zusammen erreicht man einfach mehr, gemeinsame Forderungen erhalten mehr Gewicht. Das möchte ich weiterpflegen, so wie unsere Vorgängerin Simone Curau-Aepli es machte.

«Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dass Frauen, die sich berufen fühlen und die gleiche Ausbildung haben wie die Männer, auch das Priesteramt ausüben dürfen.»

Was sagen Sie zur Gleichstellung von Frauen in der Kirche und zum Frauenpriestertum?

Viel: Da bin ich natürlich dafür. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, dass Frauen, die sich berufen fühlen und die gleiche Ausbildung haben wie die Männer, auch das Priesteramt ausüben dürfen. Gleichzeitig ist mir ein gutes Miteinander von Frauen und Männern in der Kirche wichtig.

Was sagen Sie zum Missbrauch in der Kirche?

Viel: Das ist ein sehr leidiges Thema. Manchmal muss man sich fast fremdschämen, wenn man sagt, man ist katholisch. Denn die Leute verbinden das gleich mit den Missbräuchen. Ich finde es einfach schade, dass man den Missbrauch nicht richtig aufarbeitet. Es wäre wichtig, jetzt dazu zu stehen. Priester, von denen bekannt ist, dass sie Missbrauch begangen haben, müssten bestraft werden. Sie müssten ein Amtsverbot erhalten. Es darf nicht sein, dass Bischöfe und Anstellungsbehörden alles verschweigen und den fehlbaren Priester einfach an einen anderen Ort versetzen.

«Es kann nicht sein, dass ein Schweizer Abt, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, trotz offizieller Rüge des Vatikans wieder sein Amt aufnehmen darf.»

Haben Sie den Eindruck, es laufe noch so?

Viel: Ja, es kann nicht sein, dass ein Schweizer Abt, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wird, trotz offizieller Rüge des Vatikans wieder sein Amt aufnehmen darf. So ein Vorgehen schafft Misstrauen und ist das Gegenteil von dringend benötigten Kulturwandel im Umgang mit sexuellem Missbrauch.

Setzen Sie sich als Frauenorganisation auch für Missbrauchsprävention in der Kirche ein?

Viel: Ja, selbstverständlich. Der Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche wird durch Korpsmentalität und eine rigide Sexualmoral, fehlende Gewaltenteilung, hierarchische Beziehungen und Klerikalismus befeuert. Er hat eine strukturelle Ursache und der Frauenbund setzt sich für einen Strukturwandel ein. Die nationalen Massnahmen von SBK, RKZ und KOVOS begrüssen wird sehr.

«Wir setzen uns entschieden dafür ein, mögliches Leid frühzeitig zu verhindern.»

Missbrauch kann überall geschehen, wo ein Machtgefälle existiert. Auch wenn der Frauenbund Schweiz das Risiko von Grenzverletzungen innerhalb der eigenen Organisation als klein einschätzt, setzen wir uns dennoch entschieden dafür ein, mögliches Leid frühzeitig zu verhindern. Unsere Vereine bieten unter anderem Spielgruppen, Kinderhütedienste, Besuchsdienste für ältere Menschen, Mittagstische für geflüchtete Menschen und Angebote für Menschen mit Behinderungen an. Bei dieser Arbeit bestehen oft Beziehungen mit Abhängigkeiten, die Grenzverletzungen oder gar Missbrauch begünstigen. Darüber wollen wir mit einem Merkblatt informieren. Zusätzlich stellen wir eine Selbstverpflichtung zur Verfügung.

«Meine Mutter und meine Gotte waren schon im Frauenbund.»

Welche Bedeutung hat der Frauenbund in Ihrem Leben?

Viel: Eine grosse. Ich komme aus einer Frauenbundsfamilie. Meine Mutter und meine Gotte waren schon im Frauenbund. Als ich 13 Jahre im Ausland lebte, kam ich erstmals damit in Verbindung. Ich engagierte ich mich im internationalen Frauenbund. Als wir in die Schweiz zurückkehrten, suchten sie eine Kassiererin im Dorf. Da ich gut mit Finanzen umgehen kann, sagte ich zu. Ich finde es sehr bereichernd, mit Frauen zusammen zu arbeiten, miteinander etwas zu erreichen, es gutzuhaben – und füreinander dazu sein.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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