Pfarrer von Blatten: «Menschen sind dankbar dafür, dass so viel Wohlwollen und Solidarität da sind»

Thomas Pfammatter (60) ist Pfarrer im Lötschental, dessen hinterste Gemeinde Blatten von einem Bergsturz bedroht wird. Im Interview mit kath.ch sagt Pfammatter, wann er zuletzt in Blatten war, ob Kirchen und Kapellen gefährdet sind und wie er die Situation der evakuierten Bevölkerung wahrnimmt.

Barbara Ludwig

Am Montagmorgen wurde fast das ganze Dorf Blatten evakuiert. Sie sind Pfarrer von Blatten. Mussten auch Sie Ihre Wohnung verlassen?

Thomas Pfammatter*: Ich wohne nicht in Blatten. Wir haben ein Pfarrhaus fürs ganze Lötschental, das sich in Kippel befindet. Deshalb bin ich von der Evakuierung nicht betroffen.

Waren Sie am Montag eventuell trotzdem in Blatten, als das Dorf evakuiert wurde?

Pfammatter: Nein. Die Evakuierung fand sehr früh statt, man konnte nicht mehr nach Blatten fahren. Ich hätte allerdings vorgehabt, mich vor Ort über die Situation zu informieren, da ja bereits am Samstagabend ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten das Dorf verlassen musste. Das war dann nicht mehr möglich.

«Der Gemeindepräsident fand schliesslich, es sei ratsam, die Taufe im Nachbarsdorf Wiler zu halten.»

Wann waren Sie denn zuletzt in Blatten?

Pfammatter: Am Samstagabend feierte ich mit Dorfbewohnerinnen und -bewohnern einen Gottesdienst in der Pfarrkirche von Blatten. Da erfuhr ich erstmals – vom Gemeindepräsidenten –, dass es ein Problem im Bereich des Kleinen Nesthorns gibt und eine Teilevakuation angeordnet worden war. Das hat mich den ganzen Sonntag beschäftigt.

Am Sonntag hätte ich Dienst in Blatten gehabt, eine Taufe. Der Gemeindepräsident, mit dem ich in regem Kontakt stehe, fand schliesslich, es sei ratsam, die Taufe im Nachbarsdorf Wiler zu halten. Da sehen Sie, wie sich am Sonntag die Situation laufend zuspitzte. Und am Montag wurde ich– wie alle anderen – von der Vollevakuation überrascht.

Wie viele Kirchen und Kapellen stehen auf dem Gebiet der Gemeinde Blatten und sind von einem allfälligen Bergsturz bedroht?

Pfammatter: Zur Pfarrei Blatten gehören eine Pfarrkirche und die Kapellen in den Weilern Eisten, Weissenried und Ried. Die Bewohner von Weissenried und Eisten mussten nicht evakuiert werden, da sie sich ausserhalb des Gefahrenperimeters befinden. Die Kapellen sind nicht gefährdet. Auch die Pfarrkirche von Blatten ist nicht gefährdet, weil sie auf einer Anhöhe im alten Teil des Dorfes steht.

Früher haben die Menschen Siedlungen an Orten gebaut, die sehr sicher sind. Die Häuser im alten Dorfkern von Blatten sind sehr alt, hier wurde nie von einer Überschwemmung oder einer Lawine berichtet. Die Kirche gehört zu diesem Ortsteil von Blatten. Die Häuser jedoch, die in jüngerer Zeit gebaut wurden, befinden sich im sogenannten Gefahrenperimenter.

Konnten Sie noch wertvolle Gegenstände aus der Pfarrkirche evakuieren?

Pfammatter: Nein. Es ging alles sehr schnell. Am Samstagabend, als ich zum letzten Mal in der Pfarrkirche war, wusste man noch nichts von dieser totalen Bedrohung, die ja auf bis zu fünf Millionen Kubikmeter Gestein und Eis beziffert wird.

«Natürlich liegt mir die Kirche am Herzen. Aber ich denke zuallererst an die Bevölkerung.»

Ist es für Sie beruhigend, dass die Pfarrkirche voraussichtlich nicht bedroht ist?

Pfammatter: Natürlich liegt mir die Kirche am Herzen. Aber ich denke zuallererst an die Bevölkerung. Mich beschäftigen die Menschen. Was mir nahe geht, ist ihre Situation und nicht in erster Linie das Gebäude.

Sind Sie in Kontakt mit den Menschen aus Blatten, die ihre Häuser verlassen mussten?

Pfammatter: Ja. Viele sind in Wiler untergekommen, andere in Kippel oder in Ferden. Am Dienstag hatte ich bei Besuchen in Wiler die Möglichkeit, mit vielen Evakuierten zu sprechen und die Stimmung wahrzunehmen. Ich telefoniere auch mit Menschen aus dem evakuierten Dorf und kann so spüren, wie es ihnen geht. Zudem bin ich in Kontakt mit den Behörden der Gemeinde Blatten, die sich in Kippel installiert hat. Ich versuche präsent zu sein, soweit wie möglich.

«Ich spüre, dass die Menschen bedrückt sind.»

Und was spüren Sie?

Pfammatter: Ich spüre drei Dinge. Erstens Dankbarkeit. Die Menschen sind dankbar dafür, dass so viel Wohlwollen, so viel Solidarität da sind. Zum Beispiel, dass Nachbarn sie, ohne zu zögern, bei sich aufgenommen haben. Zweitens spüre ich, dass die Menschen bedrückt sind, weil sie ihr Dorf verlassen mussten und vor einer ungewissen Zukunft stehen. Sie fragen sich: «Was passiert mit unserem Dorf, wenn der Berg ganz schlimm kommt? Werden unsere Häuser zerstört? Wann können wir zurück?»

Und drittens?

Pfammatter: Was ich auch wahrnehme in der Bevölkerung, ist ein Vertrauen in die Fachkräfte vor Ort und die kantonalen Spezialisten, die einen tollen Job machen. Es sind Menschen da, die den Überblick haben. Und da sind Gerätschaften, wie etwa schwere Bagger, die bei einem Worst-Case-Szenario zum Einsatz kämen. Auch wurde Hilfe vom Militär angefragt und zugesichert, sollte das Schlimmste eintreffen. Das alles schafft Vertrauen. Zudem sind viele Freiwillige im Einsatz. Auch das wirkt beruhigend.

Wo feiern Sie zurzeit Gottesdienst?

Pfammatter: Normalerweise habe ich vier Orte – Kippel, Ferden, Wiler und Blatten –, in denen ich regelmässig Gottesdienst feiere. Blatten fällt nun leider aus. Übrig bleiben aktuell die Kirchen in Kippel, Ferden und Wiler. Dort können die evakuierten Personen und die übrige Bevölkerung, die im Tal verstreut leben, den Gottesdienst besuchen.

*Thomas Pfammatter (60) ist seit September 2015 Pfarrer aller vier Pfarreien im Oberwalliser Lötschental. Dazu zählen die Pfarreien Ferden, Kippel, Wiler und Blatten.


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