Das Konklave hat wieder einmal alle überrascht: Nicht einer der meistgenannten wurde gewählt, sondern einer, der zwar auf der Liste der Papabili figurierte, nicht aber zum engsten Favoritenkreis gehörte. Schaut man sich den Lebenslauf von Robert Francis Prevost an, liegen die Gründe für seine Wahl auf der Hand. Mit ihm bekommt die Kirche ein Oberhaupt, das verschiedene Identitäten, verschiedene Kontinente, verschiedene Themen vereint. Leo XIV. wird ein Papst der Einheit in der Verschiedenheit sein.
Francesco Papagni
Robert Prevost wird 1955 in eine Chicagoer Familie mit italienisch-französisch-spanischen Ursprüngen hineingeboren. Unter seinen Vorfahren sollen auch Kreolen sein; wenn das stimmt, ist er auch ein bisschen schwarz. Der junge Mann studiert Mathematik und Philosophie, tritt 1977 den Augustinern bei. Es folgt ein Theologiestudium an der «Catholic Theological» Union in Chicago und ein Doktorat in Kirchenrecht am «Angelicum», der Universität der Dominikaner in Rom.
Diese Expertise in Kirchenrecht ist von grosser Bedeutung für seine spätere Karriere und namentlich für sein jetziges Amt, denn wie im Rechtsstaat jedes Handeln eine Rechtsgrundlage haben muss so auch in der katholischen Kirche. Folglich muss auch jede Reform rechtlich abgestützt sein, soll diese wirksam werden.
1985 wird der Augustiner nach Peru entsandt und bewährt sich schnell in verschiedenen Funktionen, als Dozent im Priesterseminar, als Verantwortlicher für die Ausbildung, in der Diözese. Es beginnt ein Leben zwischen Peru und den Vereinigten Staaten. Im Jahr 2001 wird er auch zum Generalprior des Augustinerordens gewählt, dann ernennt ihn Papst Franziskus zum apostolischen Administrator des Bistums Chiclayo in Peru. Schon ein Jahr später wird er dort Bischof.
Prevost gewinnt weitherum Respekt als fähiger Administrator, als kluger Theologe und als berufener Missionar. In der polarisierten peruanischen Kirche entfaltet sich sein mässigender, umsichtiger Einfluss. Sowohl in den U.S.A. als auch in Chiclayo wird er mit Missbrauchsfällen konfrontiert. Er wird selber beschuldigt, nicht angemessen reagiert zu haben, wird aber in beiden Fällen entlastet. Als Papst könnte ihm diese Erfahrung helfen, das Thema prioritär zu behandeln. Und sicher werden seine Gegner diese Fälle gegen ihn verwenden.
Erst im Januar 2023 holt ihn Franziskus nach Rom und zwar als Präfekten des Dikasteriums für die Bischöfe, eine für die Weltkirche extrem wichtige Behörde. Robert Prevost gewinnt in diesem Amt Einsicht in die Wirklichkeit jener Teile der Welt, die er noch nicht aus persönlicher Erfahrung kennt. Selbstredend gewinnt er auch ein riesiges Netzwerk. Als ob dieses Amt noch nicht genügen würde, wird er auch zum Präsidenten der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika ernannt. Im September 2023 dann der zweitletzte Schritt: Papst Franziskus erhebt den Amerikaner in den Kardinalsrang.
Aus seiner bisherigen Biographie lässt sich einiges herauslesen. Leo XIV. ist zwar U.S.-Amerikaner, aber «il meno americano degli americani», der am wenigsten amerikanische unter den Amerikanern, wie es die italienische Zeitung «La Repubblica» ausgedrückt hat. Ein panamerikanischer Papst. Tatsächlich besitzt er auch die peruanische Staatsbürgerschaft. Diese Vereinigung von Nord und Süd in seiner Person hat bei der Wahl sicher mitgespielt. Und natürlich sein hervorragender Leistungsausweis in ganz verschiedenen Funktionen.
Robert Prevost hat Grenzen vielfach überschritten – die Nord-Süd-Grenze, die Grenze zwischen den Administratoren in der Hierarchie und den Ordensleuten in der Mission, die Grenze zwischen der Peripherie und dem Zentrum. Zusammen mit seinen persönlichen Fähigkeiten ist dieses Leben über viele sichtbare und unsichtbare Scheidelinien hinweg die beste Voraussetzung für sein neues Amt.
Wird er ein politischer Papst wie Franziskus? Leo XIV. wird sich hüten, in einen Schlagabtausch mit U.S.-Präsident Trump einzutreten. Das wäre nicht seine Art, und es wäre auch nicht klug. Aber Papst Leo wird seine Stimme zugunsten der Schwachen erheben – mit einer anderen Sprache als sein Vorgänger, in der Sache aber nicht weniger konsequent. Auf jeden Fall wird er denen entgegentreten, die das Christentum als eine Religion des Wohlstands und der Eigeninteressen interpretieren. Das hat er schon als Kardinal getan.
Was ist von Leo XIV. zu erwarten? Die ersten Worte eines Papstes geben zusammen mit den ersten Handlungen einen Hinweis über das Programm eines Pontifikates. Der Neugewählte sprach die versammelten Menschen auf dem Petersplatz mit den Worten «Friede sei mit euch allen» an. Es ist nicht nur der profane Friede, den Leo XIV. der Welt und den Menschen wünscht, es ist der Friede des Auferstandenen Christus.
Während sich seine Vorgänger oft kurz hielten, nutzte der jetzige Papst den Moment für eine kleine Ansprache. Sein ausgezeichnetes, fast akzentfreies Italienisch fiel in Rom sofort auf wie auch seine Eloquenz. Dafür kein Wort in seiner Muttersprache Englisch aber in Spanisch, als wolle er als Privatperson völlig hinter der Universalität seines Amtes zurückstehen.
Mittlerweile hat er seine erste Messe als Papst gehalten und dieses Zurückstehen, damit Jesus Christus im Zentrum stehe, theologisch vertieft. In seiner biblisch sehr gut fundierten Predigt vor den Kardinälen ist er auch auf die Gegenwart zu sprechen gekommen, namentlich auf die Entchristlichung der Gesellschaft, die den christlichen Glauben als etwas Sonderbares, ja Abartiges erscheinen lässt.
Hier spricht nicht der Missionar aus Peru, denn im Süden stellen sich andere Probleme, hier spricht der Katholik aus dem Norden der Welt. Dass er ein Thema wählt, das in Westeuropa besonders aktuell ist, zeigt, dass Papst Leo die verschiedenen Situationen in den verschiedenen Weltteilen überblickt. Mit der Kritik der Säkularisierung nimmt er zudem Argumentationslinien auf, die schon seine Vorgänger entwickelt haben.
Apropos Kontinuität: die Wahl des Namens ist für einen Pontifex sprechend. Hatte Jorge Mario Bergoglio einen Namen gewählt, der noch nie ein Papst vor ihm getragen hatte, knüpft Robert Prevost an Leo XIII. (1878-1903) an, der die Zeichen der Zeit erkannt und mit der ersten Enzyklika Rerum Novarum die Soziale Frage erstmals zur Angelegenheit des Lehramtes gemacht hatte. Leo XIII. war aber mehr als der Papst der Arbeiterfrage: Mit «Aeterni Patris» entwarf er ein Bildungsprogramm, um dem Säkularismus des 19. Jahrhunderts entgegenzutreten. Die Namenswahl wie auch die erste Predigt könnte darauf hinweisen, dass Leo XIV. auch auf diesem Gebiet etwas vorhat.
Die katholische Kirche hat mit Franziskus eine Dezentrierung erfahren. Diese geht mit dem panamerikanischen Papst weiter, aber auf einer höheren Stufe. Nun geht es nicht mehr nur darum, die Stimme des Südens im Zentrum zur Geltung zu bringen – jetzt geht es darum, dass die universale Kirche auch einen planetarischen Blick entwickelt.
Bei allem Verständnis für die Italiener, die wieder gerne einen der ihren als Papst gesehen hätten. Die Zeiten, in denen sie ein besonderes Gewicht hatten, Europa überhaupt das Zentrum darstellte, sind vorbei. Endgültig. Mit Leo XIV. bekommt die Weltkirche einen Welt-Papst: Einer der fähig ist, das Schiff Petri durch die Untiefen und die Stromschnellen unserer Zeit zu führen. Einer, der in der Kirche das heute besonders wichtige Amt der Einheit wahrnimmt. Und einer, der allen Menschen guten Willens den Auferstandenen Jesus Christus verkündigt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/leo-xiv-ein-papst-fuer-die-weltkirche/