Brückenbauer Christian Rutishauser plädiert für breiteren Dialog

Der Luzerner Judaistik-Professor Christian Rutishauser beschäftigt sich in seiner Antrittsvorstellung mit Facetten des jüdisch-katholischen Dialogs, die bisher ausgeblendet wurden. Denn das Judentum sei nicht nur eine Religion, sondern ein Staat, ein Volk und ein Land. Das stiess an der Universität Luzern auf Interesse.

Stefan Betschon

Viele Lehrkräfte und Forschende an theologischen Fakultäten wären wohl froh, es gäbe einen lauten Knall und ihre Wissenschaftsdisziplin würde in die politische Aktualität hineingeschleudert. Es bräuchte dann keine weitausholenden historischen Einleitungen mehr, um die Studierenden an das Thema heranzuführen und ihr Interesse zu wecken.

Nostalgische Sehnsüchte

Bei den Theologinnen und Theologen im Fachbereich Judaistik ist es gerade umgekehrt: Viele von ihnen würden sich wünschen, es hätte keinen Knall gegeben, und die Zeit wäre vor Jahrzehnten stehen geblieben.

Damals, Ende der 1960er Jahre, nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils wäre die Zeit stehen geblieben, damals nach der Publikation der Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen («Nostra Aetate») – damals, als man noch hoffen durfte, dass sich das Verhältnis zwischen Juden und Christen bald entspannen und für immer ungetrübt bleiben würde.

Der Knall vom 7. Oktober 2023 – und die Judaistik

Nun – es hat den Knall gegeben. Am 7. Oktober 2023 haben Hamas-Terroristen Israel überfallen. Und plötzlich geht es bei der Judaistik nicht mehr nur um die Urgeschichte des Christentums, plötzlich ist der jüdisch-christliche Dialog nicht mehr nur eine Familienangelegenheit zwischen den beiden abrahamitischen Religionen, plötzlich stehen Forschende dieser Disziplin im Scheinwerferlicht der politischen Aktualität.

Der Knall hat die Judaistik – oder besser: Die Wahrnehmung der Judaistik in der Öffentlichkeit – verändert. Eine Vorlesung mit dem Untertitel «Über eine Leerstelle in Nostra Aetate» hätte vor zwei Jahren wohl nur historische interessierte Spezialisten aufmerken lassen. Doch jetzt ist das Interesse gross.

Anlässlich der Antrittsvorlesung von Professor Christian Rutishauser am Mittwochabend war das Carl-Spitteler-Auditorium der Universität Luzern voll besetzt. Rutishauser kam nicht umhin, gleich zu Beginn auf die jüngsten politischen Verwerfungen, auf die «angespannte gesellschaftliche Situation» und den «steigenden Antisemitismus» hinzuweisen. Es gebe Beobachter, die glaubten, dass der jüdisch römisch-katholische Dialog in eine Krise geraten sei, weil der Papst sich nicht klarer gegen den Terror positioniert habe.

Berater des Papstes

Rutishauser war anfangs August 2024 zum Professor für Judaistik und Theologie in Luzern berufen worden. Der Jesuitenpater aus der Ostschweiz, der in Freiburg (Schweiz) und Luzern studiert, der in Bern als Studentenseelsorger gewirkt und der sich als Leiter des Lassalle-Hauses in Bad Schönbrunn und als Berater von Bischöfen hervorgetan hatte, ist hierzulande kein Unbekannter. Er hat aber auch ausserhalb der Landesgrenzen auf sich aufmerksam gemacht, als Dozent in München und Rom und als Berater der Kurie.

Rutishauser hat sich zudem über kirchliche Kreise hinaus einen Namen gemacht, denn er ist einer, der sich nicht scheut, das Telefon abzunehmen, wenn Medienschaffende anrufen. «Ich hätte mir gewünscht, die Kirche hätte das Pogrom vom 7. Oktober rascher und eindeutiger verurteilt, ohne Wenn und Aber», sagte er im Gespräch mit Kath.ch vor einem Jahr. «Täter und Opfer müssen klar benannt werden.»

In «Nostra Aetate» steckt Zündstoff

Würde Rutishauser auch im grossen Auditorium der Universität Luzern mit politischen Statements die Konflikte im Nahen Osten thematisieren? Nein. Wer mit dieser Hoffnung in Universität gekommen war, musste sich enttäuscht fühlen. «Die Antrittsvorlesung ist nicht der Ort, in dieser Sache politisch Stellung zu beziehen», sagte Rutishauser gleich zu Beginn.

Und doch liess sich die Aktualität nicht aus dem Hörsaal verbannen. «Nostra Aetate», im Herbst 1965 veröffentlicht, birgt noch immer Zündstoff. Es sind gerade die Lücken und Leerstellen dieses Konzilstextes, die je länger je mehr für Diskussionen sorgen. In diesem Text und in späteren Erläuterungen wird das Judentum verstanden einfach als eine Religion, als ein Glaubensbekenntnis. Doch Judentum ist mehr: Es ist auch ein Staat, ein Volk und ein Land.

Theologie des Landes

Wer sich heute mit jüdisch-christlichen Beziehungen beschäftigt, kommt deshalb nicht darum herum, sich mit diesen Leerstellen zu beschäftigen. Es braucht also eine Theologie auch des Landes Israel. Eine solche Theologie konnte Rutishauser anlässlich seiner Antrittsvorlesung nur als Skizze präsentieren.

Diese Theologie dürfe keine «Blut-und-Boden-Theologie» sein, sondern sie müsse das Land auch als sozialen Raum denken und als Ort religiöser Vollzüge. Dabei gelte es, gesellschaftliches Handeln an ethischen Normen auszurichten. Eine katholische Theologie des Landes müsse auch eine Theologie der Diaspora sein, die beide Pole jüdischer Existenz berücksichtige.

Viele Verweise

Rutishauser nahm Bezug auf das Alte und Neue Testament, auf die Patristik, auf die christlichen Ethik und die christliche Soziallehre, auf die Texte des Konzils und ihre nachkonziliare Auslegung. Dieses fein gesponnene Netz an Verweisen lässt erkennen, dass die Ausarbeitung einer Theologie des Landes ein intellektuell anspruchsvolles Unternehmen ist.

Mehr noch: Es ist nicht nur ein theologisches Unternehmen, es ist auch ein politisches. Denn auch wenn Rutishauser zu Beginn versprach, die Politik aussenvorzulassen, so kam er am Schluss seiner Vorlesung doch nicht umhin, noch einmal auf den 7. Oktober hinzuweisen und festzuhalten, dass die Theologie des Landes einen «trilateralen Dialog zwischen Muslimen, Juden und Christen» voraussetze.


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