Cornel Sieber: «Ich bin überzeugt, dass es Dinge gibt, die sind grösser als wir»

Er ist ärztlicher Direktor im Kantonsspital Winterthur und Mitglied des Ärztekomitees von Lourdes. Im Podcast «Laut + Leis» spricht Cornel Sieber über die Arbeit im Komitee und über das Spannungsfeld von Glauben und Wissenschaft.

Sandra Leis

Die neuste Wunderheilung hat Lourdes kürzlich in der Karwoche verkündet. Als geheilt gilt eine heute 67-jährige Italienerin. Sie war an den Rollstuhl gefesselt, wallfahrte 2009 nach Lourdes und wurde von ihrer schweren Muskelerkrankung geheilt.

16 Jahre sind seither vergangen. In dieser Zeit hat das international zusammengesetzte Ärztekomitee von Lourdes die Krankenakte gründlich studiert, diskutiert und weitere Dokumente angefordert. Schliesslich haben die dreissig Mitglieder (darunter zwei Frauen) abgestimmt. Nötig ist eine Zweidrittelmehrheit.

«Aufgrund des aktuellen medizinischen Wissens können wir nicht erklären, weshalb die Patientin geheilt ist.» Das sagt Cornel Sieber, er ist seit gut zehn Jahren im Ärztekomitee. Von einem Wunder spricht er nie. «Das steht uns nicht zu. Die Entscheidung, ob es sich um ein Wunder handelt oder nicht, fällt der lokale Bischof.» Also der Bischof der geheilten Person.

Debatte über aktuelles medizinisches Wissen

Sieber ist heute ärztlicher Direktor am Kantonsspital Winterthur. Der gebürtige Basler hat viele Jahre in Deutschland gearbeitet und ist seit über zwanzig Jahren Professor für Innere Medizin und Geriatrie an der Universität Erlangen-Nürnberg.

An seinem ehrenamtlichen Engagement in Lourdes fasziniert ihn vor allem eines: «die fundierte Debatte unter Fachleuten über das medizinische Wissen, das wir aktuell haben».

Touristischer Hotspot

Wenn alle Fakten beisammen sind, stimmt das Gremium ab. Die Abstimmung erfolgt schriftlich und geheim, doch soviel verrät Cornel Sieber im Podcast «Laut + Leis» zum jüngsten Entscheid: «Dieses Mal gab es mehr Divergenzen, aber das Ergebnis war klar.»

Lourdes, ein kleines Städtchen mit rund 14’000 Einwohnern, verzeichnet nach Paris die zweithöchste Zahl an Hotelbetten und Übernachtungen in ganz Frankreich. Es ist also ein touristischer Hotspot. Und deshalb, so darf man vermuten, ist die römisch-katholische Kirche froh, wenn der Wallfahrtsort hin und wieder eine Wunderheilung verkünden darf.

Ohne Druck

Um so erstaunlicher, dass Sieber glaubhaft erklärt: «Wir haben überhaupt keinen Druck. Weder inhaltlich noch zeitlich. Das war für mich eine völlig neue Erfahrung.» Wenn er Gutachten erstelle – zum Beispiel bei einem allfälligen Kunstfehler –, gehe es stets darum, möglichst rasch ein fundiertes Resultat zu liefern.

Doch auch für Sieber ist offensichtlich, dass in Lourdes beides lebt: Spiritualität und Geschäftssinn. «Die vielen Verkaufsstände lösen bei mir eine gewisse Ambivalenz aus», so Sieber. «Ich müsste sie nicht haben.»

Katholik und renommierter Geriater

Er ist gläubiger Katholik und gilt als einer der renommiertesten Geriater in Europa. Auf die Frage, wie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen, sagt er: «Ich glaube, man kann das ganz klar trennen. Ich bin Mediziner, und im Ärztekomitee analysieren wir stringent wissenschaftlich.»

Auf der anderen Seite spricht Sieber offen über seine spirituelle Ader und ist überzeugt, «dass es Dinge gibt, die sind grösser als wir». Als Arzt am Krankenbett sei er immer auch Mensch mit einem Gegenüber. «Dabei spielt die Spiritualität insofern eine Rolle, als sie Teil meines Werte-Ethos ist.»

Lourdes weckt Interesse von Kollegen

Erkundigt man sich bei Cornel Sieber, wie denn seine Kolleginnen und Kollegen aus Spital und Universität reagieren, wenn sie erfahren, dass er sich in Lourdes engagiert, so sagt er schmunzelnd: «Meine wissenschaftlichen Erfolge haben vielleicht in einer kleinen Wissenschaftsszene eine Relevanz. Meine Tätigkeit in Lourdes löst sehr viel mehr aus bei meinen Kolleginnen und Kollegen.»

Sie seien extrem interessiert, was da passiere. Und wenn er in Lourdes gewesen sei oder die Presse darüber berichte, dann frage ihn auch ein Spitalrat primär darüber ab. 

Insbesondere für Medizinerinnen und Mediziner sei das Thema hochspannend. «Wir sehen ja, wie vielfältig die Natur per se ist. Völlig unabhängig von akuten Heilungen in Lourdes haben wir auch im Spitalalltag Krankheitsverläufe, die wir so nicht erwarten.»


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https://www.kath.ch/newsd/cornel-sieber-ich-bin-ueberzeugt-dass-es-dinge-gibt-die-sind-groesser-als-wir/