Erwin Kräutler (85) hat sich stets für die grüne Lunge der Welt und die indigenen Völker im Amazonasgebiet eingesetzt. Der emeritierte Bischof der brasilianischen Prälatur Xingu hat Papst Franziskus mehrmals getroffen. Im Interview würdigt er das Wirken des Verstorbenen und sagt auch, warum er sich 2020 über dessen Schreiben zur Amazonassynode ärgerte.
Jean-Claude Gérez für cath.ch
Mit seiner Enzyklika «Laudato si» hat Papst Franziskus die Herangehensweise der Gläubigen an ökologische Fragen grundlegend verändert. Glauben Sie, dass diese Enzyklika ein bleibendes Vermächtnis für das ökologische Denken darstellt?
Bischof Erwin Kräutler*: Das steht ausser Frage. Kein Papst vor ihm hat eine Enzyklika über die Umweltfrage veröffentlicht. Papst Franziskus sprach von einer «menschlichen» Ökologie und wollte damit zum Ausdruck bringen, dass die Umweltzerstörung zutiefst mit dem Menschen verbunden ist und eine Folge seines offenbar unstillbaren Hungers nach Reichtum ist, den er durch den Missbrauch der Naturressourcen stillen will.
«Unser Überleben auf dem Planeten Erde hängt von einer ökologischen Bekehrung ab.»
Unser Überleben auf dem Planeten Erde hängt von einer ökologischen Bekehrung ab. Das griechische Wort «Metanoia» verdeutlicht noch besser, was wir brauchen: eine Änderung unserer Denkweise, eine Änderung unserer Weltanschauung. Franziskus richtete einen dringenden Appell an alle Männer und Frauen guten Willens, an Regierungen und Unternehmen auf der ganzen Welt, den Schrei der geplagten Schöpfung zu hören, die Wirtschaft, die tötet zu korrigieren, mit Verwüstung und Tod Schluss zu machen und ihre immense Verantwortung gegenüber künftigen Generationen anzuerkennen.
Sie haben 2019 an der Amazonassynode teilgenommen. Was hat Sie am meisten beeindruckt?
Kräutler: Die Tatsache, dass Papst Franziskus eine Sondersynode für Amazonien einberufen hat, verdient bereits unseren Applaus und unsere tiefe Dankbarkeit. Die Tatsache, dass er die Bischöfe und so viele andere Menschen, insbesondere Indigene, nach Rom gerufen hat, war ein klares Zeichen dafür, dass der Heilige Vater versteht, dass Amazonien die ganze Welt betrifft und nicht nur die neun Länder, über die es sich erstreckt.
Der Amazonas-Regenwald hat eine klimaregulierende Funktion für den gesamten Planeten. Ziel der Synode war es, das Engagement der Kirche in Initiativen zu intensivieren, die einen Ausweg aus den ökologischen und sozialen Krisen für Amazonien aufzeigen, und neue Wege zu suchen, die zu einer sogenannten inkarnierten Evangelisierung führen, das heisst einer Evangelisierung ausgehend von den Kulturen und Traditionen der Völker Amazoniens, unter besonderer Berücksichtigung der indigenen Kulturen.
In einem Interview mit cath.ch im Februar 2020, kurz nach der Veröffentlichung des Apostolischen Schreibens «Querida Amazonia», sagten Sie, dass Sie frustriert seien, weil Franziskus Vorschläge wie die «viri probati» oder das Diakonat für Frauen zur Bekämpfung des Priestermangels im Amazonasgebiet nicht angenommen hat, obwohl 80 Prozent der Bischöfe dafür gestimmt hatten. Wie sehen Sie das heute?
Kräutler: Ich streite die Verärgerung nicht ab, die ich damals empfunden habe. Ich gebe zu, dass ich angesichts des eucharistischen Mangels im Amazonasgebiet eine mutige Entscheidung von Papst Franziskus erwartet habe. Er betonte oft die mutigen Vorschläge, die wir Bischöfe ihm machen könnten. In einigen Regionen feiern Tausende von Gemeinden die Eucharistie, Zentrum und Herz unseres Glaubens, nur wenige Male im Jahr, da es an geweihten Amtsträgern mangelt.
Ich mag den Ausdruck «viri probati» nicht, weil es sich dabei um eine ausgrenzende Terminologie handelt, die das Sakrament schon im Vorhinein ausschliesslich auf Männer beschränkt. Die Weihe muss dringend für diejenigen zugänglich sein, die die Berufung und die notwendigen menschlichen Qualitäten haben, unabhängig vom Geschlecht. Es ist eine Frage der Chancengleichheit für Männer und Frauen, diese Berufung leben zu können.
Wie lässt sich diese Zurückhaltung von Papst Franziskus erklären?
Kräutler: Ich habe nie verstanden, was wirklich passiert ist, dass Papst Franziskus, der so sensibel für die Bedürfnisse des Volkes Gottes in Amazonien war, am Ende seines wunderbaren nachsynodalen apostolischen Schreibens «Querida Amazonia» plötzlich darauf verzichtete, – zumindest als ersten Schritt – verheiratete Diakone zur Priesterweihe zuzulassen, um den Mangel an Geistlichen zu beheben, die mit den Gemeinden die Sakramente feiern. Und um in den indigenen Dörfern und Bauerndörfern eine Kirche mit dem Gesicht des Amazonas zu gewährleisten.
Sie haben Papst Franziskus mehrmals getroffen. Welche Erinnerung haben Sie an ihn?
Kräutler: Ich habe Papst Franziskus tatsächlich viele Male getroffen, vor allem während der Synode fast jeden Tag. Wenn ich ihn grüsste, antwortete er immer mit seinem ansteckenden Lächeln und einem brüderlichen Winken. Lange vor der Synode, am 4. April 2014, empfing er mich in einer Privataudienz, weil ich Sekretär der Bischöflichen Kommission für Amazonien der Brasilianischen Bischofskonferenz war. Zu diesem Zeitpunkt offenbarte er mir, dass er dabei sei, eine Enzyklika über Ökologie zu schreiben. Daraufhin bestand ich darauf, dass es der Enzyklika nicht an Hinweisen auf das Amazonasgebiet und die indigenen Völker fehlen dürfe. Er schlug vor, ich solle mich mit Kardinal Peter Turkson in Verbindung setzen, der einen Entwurf verfassen sollte. Der Kardinal würde Beiträge zur ökologischen und indigenen Frage im Amazonasgebiet sicherlich begrüssen. Ich schickte meine Vorschläge sofort ab – und das mit grosser Freude.
Welche Eigenschaft des Verstorbenen hat Sie besonders beeindruckt?
Kräutler: Ich erinnere mich an Papst Franziskus mit Nostalgie und grosser Dankbarkeit. Was mich am meisten beeindruckt hat, war seine Einfachheit im Umgang mit Menschen. Einmal, zwischen zwei Synodensitzungen, reihte ich mich in die Warteschlange ein, um einen Kaffee zu bekommen. An einem bestimmten Punkt drehte ich mich um und erschrak, denn Papst Franziskus stand direkt hinter mir. Logischerweise wollte ich ihm meinen Platz überlassen. Aber er war nicht einverstanden und wartete wie wir alle, bis er an der Reihe war.
«Seine Gesten sprachen noch lauter als seine Worte.»
Bei einer anderen Gelegenheit stieg ich in den Fahrstuhl und zu meiner Überraschung war der Papst schon da und wollte ebenfalls in die obere Etage fahren. Er hielt die Tür auf und fragte mich, ob noch jemand käme. Seine Gesten sprachen noch lauter als seine Worte. Er bat immer um Gebete: «Betet für mich!». Jetzt bitte ich ihn um Fürsprache für uns, die wir noch im Amazonasgebiet sind.
(Adaption: bal)
*Der aus Vorarlberg in Österreich stammende Bischof Erwin Kräutler (85) leitete von 1981 bis 2015 die Prälatur Xingu, die flächenmässig grösste Diözese Brasiliens. Seit Jahrzehnten setzt er sich für die Rechte Indigener und für Umweltschutz in Südamerika ein.
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