Martin Werlen: «Papst Franziskus hinterlässt die Kirche als riesige Baustelle»

Pater Martin Werlen ist Leiter der Propstei St. Gerold in Vorarlberg. Der Einsiedler Mönch hat Papst Franziskus zwar nie persönlich getroffen. Dennoch hat er ihm fiktive E-Mails geschrieben und publiziert, das letzte mit dem Betreff «Addio». Damit endet die kleine Würdigungsserie mit Ordensleuten.

Regula Pfeifer

Wie haben Sie den Papst erlebt? Haben Sie ihn persönlich getroffen?

Propst Martin Werlen: Papst Franziskus habe ich nie persönlich getroffen, aber auf verschiedene Weisen erlebt: Mehrmals bei Generalaudienzen auf dem Petersplatz und in der Audienzhalle, dort hat mich seine starke und authentische Präsenz beeindruckt; seine verschiedenen Ansprachen; die schriftlichen Papstworte; Interviews und Videos von Begegnungen.

«Franziskus fordert den Jungen auf, zu ihm zu kommen und ihm die Frage ins Ohr zu flüstern.»

Die eindrücklichste Begegnung: ein Knabe wagt es nicht, seine Frage bei einem Besuch des Papstes in einer Pfarrei am Rande Roms zu stellen. Franziskus fordert ihn auf, zu ihm zu kommen und ihm die Frage ins Ohr zu flüstern. Das tut er und gibt dem Papst die Erlaubnis, öffentlich zu antworten. Die Sorge des Knaben war, ob sein verstorbener Vater als Atheist wohl im Himmel sei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jesus anders geantwortet hätte.

In der von mir herausgegebenen Monatszeitschrift «Gemeinsam Glauben» (Herder Verlag) schreibe ich jeweils eine E-Mail an den Papst. Dort habe ich auch heikle Punkte thematisiert, so zum Beispiel die spontanen Interviews auf dem Rückflug, mit denen er öfters die starken Botschaften auf seinen Reisen ungewollt in den Schatten gestellt hat. Die E-Mail der April-Nummer (geschrieben im Februar) hat übrigens den Betreff «Addio».

Papst Franziskus war Jesuit. Hat ihn das geprägt? Wie schätzen Sie das als Ordensmann ein?

Werlen: Die jesuitische Spiritualität hat ihn meines Erachtens sehr geprägt. Das gehört wesentlich zu seiner Persönlichkeit. Es wäre nicht gut, wenn die persönlichen Erfahrungen bei einem Amtsträger verschwinden würden. Die Person würde kaum als authentisch wahrgenommen, sondern als unpersönlich und als Verwalter von Gesetzen.

«Das Grösste, das Papst Franziskus gelungen ist: Wir haben uns verabschiedet vom Haus voll Glorie.»

Was wird von ihm bleiben, was wird fehlen?

Werlen: Papst Franziskus hinterlässt die Kirche als riesige Baustelle, damit wir miteinander daran weiterarbeiten. Das ist Synodalität. Es ist wohl das Grösste, das Papst Franziskus gelungen ist: Wir haben uns verabschiedet vom Haus voll Glorie und dürfen die Kirche als Baustelle betrachten. Das ist übrigens das häufigste Bild, das der heilige Paulus für die Gemeinschaft der Getauften braucht. Auf einer Baustelle geht es nur dann gut weiter, wenn man sich der Realität stellt – ob es gefällt oder nicht. Dazu hat Franziskus ermutigt. Das ist eine gute Voraussetzung für die engagierte Weiterarbeit.

Was erhoffen Sie sich von einem Nachfolger im Papstamt?

Werlen: Die engagierte Weiterarbeit zusammen mit allen, die Christus nachfolgen – viel mehr als bisher über die Grenzen der Spaltungen hinweg. Daran wird sich die Glaubwürdigkeit der Kirche messen. Also nicht Rückzug ins vermeintliche Haus voll Glorie, sondern harte und beglückende Arbeit auf der Baustelle.


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