Papst Franziskus hatte als Jesuit im Vatikan ein Netzwerk, auf das er zurückgreifen konnte. Dabei sei er mit Mitbrüdern seiner Heimatdiözese nicht immer einig gewesen. Das weiss Markus Muff, Benediktiner des Klosters Engelberg. Er arbeitet als rechte Hand des Generaloberen des Benediktinerordens in Rom. Eine kleine Würdigungsserie mit Ordensleuten.
Regula Pfeifer
Wie haben Sie den Papst erlebt? Haben Sie ihn persönlich getroffen?
Pater Markus Muff*: Papst Franziskus durfte ich einige Male persönlich treffen. Es ging um Projekte in seinem Heimatbistum und auch in Italien. Auf den expliziten Wunsch von Papst Franziskus habe ich operativ mit Kardinal Calcagno zusammengearbeitet.
«Der spätere Papst Franziskus und Exponenten der Jesuiten seiner Heimatdiözese hatten teilweise unterschiedliche Auffassungen.»
Papst Franziskus war Jesuit. Hat ihn das geprägt? Wie schätzen Sie das als Ordensmann ein?
Muff: Die Jesuiten haben – wie die meisten Orden oder gesamtkirchlichen Organisationen – ein Generalat in Rom. Die Curia Generalizia der Jesuiten befindet sich rein geografisch nahe am Vatikan, nämlich im Borgo Santo Spirito. Doch ist nicht nur eine geografische Nähe entscheidend – die persönlichen und institutionellen Kontakte sind mit Sicherheit nicht wenige. Ein Papst, der auf eine Ordensgemeinschaft im Rücken bauen kann, hat schon ein hilfreiches Netzwerk. Dennoch ist bekannt, dass der spätere Papst Franziskus und Exponenten der Jesuiten seiner Heimatdiözese teilweise unterschiedliche Auffassungen hatten, was die konkrete Pastoral oder den Umgang mit der Regierung betraf. Somit können Mitbrüder auch als Korrektiv wirken, manchmal als Rivalen. Aber das gibt es in den Diözesen ebenso. Konkret hat Papst Franziskus also sowohl Förderung als auch kritische Anfragen aus den Reihen seiner Mitbrüder erfahren.
Was wird von ihm bleiben, was wird fehlen?
Muff: Bestimmt weltweit bekannt ist der Einsatz von Papst Franziskus für die Randständigen, für die Ausgegrenzten, Schwachen und Armen. Das macht ihm niemand so schnell nach. Ich meine, dass dieses Proprium bei Papst Franziskus noch sehr lange in der Kirche nachwirken wird. Denn er hat diesbezüglich ganz nach dem Evangelium und der Botschaft Jesu gelebt: persönlich in materiellen Fragen zurückhaltend, im Einsatz für die Bedürftigen vorbildlich.
«Papst Franziskus war nie der Stubengelehrte; seine Theologie ist nahe an der Glaubenspraxis.»
Papst Franziskus war nie der Stubengelehrte; seine Theologie ist nahe an der Glaubenspraxis jener Menschen, die sich nun einmal nicht mit anspruchsvollen theologischen Argumenten auseinandersetzen können oder wollen. Mit manchmal drastischen Bildern oder in deutlichen Worten wandte sich Papst Franziskus an alle Menschen – das haben vor allem intellektuelle Kommentatoren nicht immer goutiert.
Papst Franziskus nannte sich selbst mal beratungsresistent. Dies im Zusammenhang mit seiner Gesundheit; er hörte nicht so gerne auf den Rat seiner Ärzte, Diese Grundeinstellung kann auch bezüglich seiner Führungsposition gesehen werden: Er wusste, was er wollte. Natürlich liess Papst Franziskus sich beraten – er hatte zum Beispiel einen Rat aus neun Kardinälen (K9-Rat) eingerichtet. Der Papst selbst suchte nach Rat, weil er in administrativen Belangen etwas unsicher sei. Die Resultate dieser Arbeit können wir täglich beobachten.
«Franziskus war volksnaher, barmherziger und pastoral versierter Hirte – und selbstbewusster und entschieden auftretender Pontifex.»
Somit entsteht ein Bild mit etlichen Facetten, von denen hier nur zwei angesprochen wurden: Franziskus als der volksnahe, barmherzige und pastoral versierte Hirte – und Franziskus als der selbstbewusste und entschieden auftretende Pontifex. Beide Qualitäten sind wohl nötig, um einen so umfassenden und extrem anspruchsvollen Dienst ausfüllen zu können.
Jeder Papst muss seine Persönlichkeit einbringen können. Der nächste Papst wird ebenso seine Schwerpunkte setzen und anderes weniger vorantreiben – das liegt in der Natur des Papstamtes. Trotz vielen Mitarbeitenden und viel Goodwill von mancher Seite sind die physischen und psychischen Kräfte auch eines Papstes limitiert. Das vergessen manche Kritiker, die vom Computerbildschirm aus so vieles besser wissen wollen. Nicht alles kommt so, wie man es sich idealerweise vorstellt; und manche hyperprofessionelle Planung erleidet Schiffbruch – nicht nur in der Kirche!
Was erhoffen Sie sich von einem Nachfolger im Papstamt?
Muff: Aus meiner persönlichen Sicht ist jeder Papst gut beraten, wenn er die selbstverständlich seit Beginn der Kirche vor etwa 2000 Jahren bestehenden Pole innerhalb der Katholischen Kirche wieder stärker zusammenbringen möchte. Nicht zentrifugale Kräfte sind hilfreich, sondern integrative Arbeit. Die Persönlichkeit eines Papstes ist schon wegen des komplexen Wahlverfahrens zum Zeitpunkt der Wahl mehrheitsfähig; das sollte wenn möglich auch im Laufe eines Pontifikates sich eher akzentuieren als verwässern.
Die Zusammenarbeit mit den anderen christlichen Bekenntnissen und mit den wichtigen Religionen ist für die Katholische Kirche und deren Papst im 21. Jahrhundert vermutlich unerlässlich. Natürlich kann das der Papst niemals allein leisten – dazu wird er seine Fachgremien und Experten ermuntern. Ein Mikromanagement wird nicht von allen geschätzt – die grossen Linien hingegen können vor allem von einem Papst sowie von seinen Beraterinnen und Beratern skizziert und wo nötig festgelegt werden.
Die Orientierung am Evangelium ist vermutlich die wichtigste Aufgabe für einen Papst. Ebenso wichtig ist, dass er die gesunde Tradition der Kirche berücksichtigt. Auf diesem Fundament von Evangelium und Tradition begleitet der Papst zusammen mit einem ansehnlichen Stab die knapp 1,5 Milliarden Katholikinnen und Katholiken in die Zukunft. Dabei darf selbst der Papst sicher sein, dass die Bürde nicht allein auf ihm liegt, und dass der Heilige Geist diejenige Kraft bleibt, welche die Kirche beseelt und führt. Die Offenheit für das Wirken des Heiligen Geistes ist meiner Überzeugung nach wichtiger als alle – auch notwendige – Kirchenpolitik.
*Markus Muff ist Benediktiner des Klosters Engelberg und arbeitet als rechte Hand des Abtprimas der Benediktiner, aktuell von Jeremias Schröder. Als «Director of Development for Europe» arbeitet er vornehmlich im Bereich Europa/Naher Osten. Diese Aufgabe hat er nach eigenen Angaben seit über 20 Jahren inne. Markus Muff wohnt in Sant’ Anselmo, am Hauptsitz der Benediktiner in Rom.
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