Bernarda Brunovic ist blind geboren. Zweimal ist die Sängerin am «Marsch fürs Läbe» aufgetreten – Veranstalter haben sie deswegen jüngst ausgeladen. Im Interview erzählt Brunovic, warum sie sich für das ungeborene Leben einsetzt, wie sie das Angewiesensein auf andere Menschen erlebt und wie sie ihren Glauben durch die Musik transportiert.
Barbara Ludwig
Sie sind mehrfach an Pro-Life-Veranstaltungen als Sängerin aufgetreten. Wie kamen Sie in Kontakt mit der christlichen Lebensschutzszene?
Bernarda Brunovic*: Kaplan Thomas de Bayer, der «Welcome On Earth» geschrieben hatte, suchte für 2020 eine Stimme für den Song. Da ich mich schon seit längerer Zeit mit dem Lebensschutz befasst habe und mit der Position der Kirche dazu, willigte ich ein, den Song einzusingen.
Aus welchem Grund haben Sie 2022 und 2023 am «Marsch fürs Läbe» in der Schweiz, und vorher schon in Berlin, teilgenommen?
Brunovic: Ein Grund war meine persönliche Geschichte: Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie von Anfang an ihr Ja zu mir gesagt haben. Wenn es nach den Ärzten gegangen wäre, hätte ich nämlich nicht auf die Welt kommen sollen. Ein anderer Grund: Ich wollte eine Stimme sein für die Wehrlosen unserer Gesellschaft, die Ungeborenen, aber auch für die Familien, die in diesem Punkt in grosser Not sind.
Warum hätten Sie nicht auf die Welt kommen sollen?
Brunovic: Es wurde damals eine körperliche Schwerstbehinderung vermutet.
«Ich weiss von Leuten, die den Marsch und ähnliche Events für ihre nicht gerade reinen Absichten benützen.»
Welche Lieder haben Sie jeweils für die Pro-Life-Veranstaltungen ausgewählt? Und warum genau diese?
Brunovic: Neben «Welcome On Earth» hatte ich immer eine Kombination von meinen eigenen Songs, die von meinem Leben und Glauben erzählen, und ausgewählten Covers, die ebenfalls eine Botschaft des Glaubens, der Lebensfreude und der Liebe vermitteln. Ich weiss von Leuten, die den Marsch und ähnliche Events für ihre nicht gerade reinen Absichten benützen. Ich selbst hatte immer zum Ziel, im Auftrag des Evangeliums aufzutreten, im Auftrag Christi, der der Weg, die Wahrheit und das Leben selbst ist.
Was meinen Sie mit «nicht gerade reinen Absichten»?
Brunovic. Ich möchte nur sagen, dass gewisse Leute im Namen des Glaubens andere Menschen ganz überheblich, selbstgefällig und selbstgerecht verurteilen und diskriminieren.
«Mein Anliegen ist es, die Botschaft zu vermitteln, dass jedes Leben lebenswert ist.»
Seit Ihrer Geburt sind Sie blind. Inwiefern motiviert Sie das, sich für das ungeborene Leben einzusetzen?
Brunovic: Menschen mit einer Beeinträchtigung werden vielerorts noch heute mehr oder weniger als minderwertig stigmatisiert. Mir haben meine Eltern ein erfülltes Leben ermöglicht. Dafür werde ich immer dankbar sein. Mein Anliegen ist es, die Botschaft zu vermitteln, dass jedes Leben lebenswert ist. Jeder Mensch hat seine unantastbare Würde. Wie das konkret ermöglicht werden kann, vor allem bei Menschen, die es noch schwieriger haben könnten als ich – daran sind wir als Gesellschaft aufgefordert zu arbeiten.
Den Alltag als blinder Mensch stelle ich mir schwierig vor. Haben Sie nie mit Ihrem Schicksal und mit Gott gehadert?
Brunovic: Eigentlich nicht. Ich hatte schon früh meine Ziele, gut in der Schule zu sein, viel Sport treiben zu können, mich musikalisch zu entfalten, irgendeinen positiven Unterschied in dieser Welt zu bewirken… einfach mich nicht mit weniger zu begnügen, mich nicht in irgendwelche Schubladen hineinzwängen zu lassen. Klar musste ich mir im Leben beinahe alles hart erkämpfen, doch ich habe auch am Wort Jesu festgehalten, wie es im Johannesevangelium heisst: «Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben.» Und die Fülle des Lebens fängt für mich eben schon hier an, und nicht erst im Jenseits.
«Ich würde schon viel lieber sehen können, und ich bete darum.»
Wie stark sind Sie aufgrund Ihrer Blindheit in Ihrem alltäglichen Leben auf Hilfe anderer Menschen angewiesen?
Brunovic: Ich beharre auf Selbständigkeit, wo immer dies möglich ist. Doch heisst das nicht, dass ich die Hilfe der anderen nicht schätze. Gerade beim Haushalt, beim Einkaufen, beim Vorbereiten auf die Auftritte – in Bezug auf Styling, Frisur und Transport – bin ich sehr froh und dankbar, dass mich meine Familie und mein Team unterstützen, und zugleich meine Unabhängigkeit fördern, wo dies möglich ist.
Wie erleben Sie dieses Angewiesensein auf andere Menschen?
Brunovic: Ich würde schon viel lieber sehen können, und ich bete auch darum. Doch für die Hilfe von anderen bin ich immer dankbar. Und es ist mir auch bewusst, dass schliesslich wir alle ein Stück weit aufeinander angewiesen sind, so wird das Ganze auch zu einem gegenseitigen Geben und Empfangen.
Sie sind katholisch, haben Theologie studiert. Was hat Sie zum Studium motiviert?
Brunovic: Mein Glaube zuallererst, dann der interdisziplinäre Approach im Fach selbst. Ethik, Philosophie, Kirchengeschichte, Kirchenrecht, Religionspädagogik, all dies gehört zum Theologiestudium. Da kommt man schnell mit anderen Wissenschaften in Kontakt.
«Der Heilige Geist bringt das gewisse Etwas hinein.»
Transportieren Sie Ihren Glauben auch durch die Musik? Wie tun Sie das?
Brunovic: Der Glaube lässt sich eigentlich ganz einfach transportieren, durch die Schönheit der Musik, durch das Gute und Wahre in den Texten, durch die Freude in der Gemeinschaft: Ich mit der Band auf der Bühne und das Publikum davor, und der Heilige Geist bringt das gewisse Etwas hinein, dass es zu einer schönen, bereichernden Interaktion kommt. Dann muss es auch nicht zwingend ein offensichtlich christlicher Song sein. Schliesslich kommt alles Gute von Gott, und wir können in seinem Plan mitwirken. Das ist schon ein Privileg.
Sie mussten kürzlich auf zwei Auftritte verzichten. Dies Absagen standen im Zusammenhang mit Ihrem Engagement für den Marsch fürs Läbe. Was macht das mit Ihnen?
Brunovic: Es macht mich unglaublich traurig. Einerseits wird so viel von Inklusion, Meinungsfreiheit, Toleranz etc. gesprochen. Und dann bleibt es eben leider doch nur beim gesprochenen Wort. Ich möchte alle Menschen verstehen, die aus irgendeinem Grund kirchenfeindlich oder glaubensfeindlich sind. Es gibt Leute, die haben leider wirklich schlimme Erfahrungen gemacht, aber ich sage es ganz klar: Nicht Christus und seine Lehre haben versagt. Wir Menschen machen Fehler, und das Christsein als eine Ehrfurcht gebietende Verantwortung ist uns allen leider zu wenig bewusst.
«So viel Hass, so viel Not, und eigentlich könnte doch alles anders sein.»
Dann ist noch zu beachten, was uns Jesus im Evangelium sagt: Die Welt hasst ihn und schlägt ihn ans Kreuz, den Jüngern ergeht es nicht anders. Es macht mich traurig, dass sich die von Gott geschaffene Welt vom Schöpfer abwendet, in die Diktatur des Relativismus schlittert und sich auf diese Art und Weise beinahe selbst zerstört. So viel Hass, so viel Not, und eigentlich könnte doch alles anders sein – und es wird auch anders sein, weil Christus uns verheisst: «Siehe, ich mache alles neu.» Ich gehe meinen Weg weiter, standhaft mit Gottes Hilfe, und ohne Groll auf irgendjemanden.
*Bernarda Brunovic lebt in Dietikon ZH. Die schweizerisch-kroatische Sängerin mit Jahrgang 1993 hat an der Universität Luzern katholische Theologie studiert. 2010 hat sie an der Schweizer Ausscheidung des Eurovision Song Contest teilgenommen. 2018 schaffte sie es an der Castingshow «The Voice of Germany» bis ins Halbfinale. Ihr Musikstil ist eine Kombination von Pop, Soul, Gospel, Blues und Jazz.
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