In den 1960er und 70er Jahren haben zwei Benediktiner am Kollegium Karl Borromäus in Altdorf UR Schüler sexuell missbraucht. Das haben Journalisten der SRF-Sendung «Rundschau» aufgedeckt. Die Vorfälle wurden vertuscht. Heute zeigt sich das Kloster Mariastein «bestürzt und beschämt». Es bedauert, dass die damalige Klosterleitung den Opfern nicht geholfen hat.
Barbara Ludwig
Das Kollegium Karl Borromäus war ein Gymnasium mit Internat, in dem von 1906 bis 1981 Mönche der Benediktinerabtei Mariastein als Lehrer arbeiteten. In den 1960er und 1970er Jahren kam es zu sexuellen Übergriffen auf Schüler durch Mönche. Das haben Journalistinnen und Journalisten der Sendung «Rundschau» des Schweizer Fernsehens SRF herausgefunden, am Mittwochabend wird die Sendung ausgestrahlt.
Über die wichtigsten Ergebnisse der Recherchen berichtete SRF am Mittwochmorgen vorab. Demnach haben zwei Pater die sexuellen Übergriffe begangen. Pater Felix habe nach dem Duschen alle Schüler auf ihre Zimmer geschickt. Nur einen nicht, Benedikt Hänggi, damals 14-jährig. Ihm habe der Pater befohlen, nackt die Dusche zu putzen. Dabei kam es zum Missbrauch. «Er hat sich entblösst und masturbiert vor mir, er hat mich gezwungen, sein Glied in den Mund zu nehmen, bis er in mich eingedrungen ist», zitiert SRF den Mann, der den Missbrauch jahrzehntelang verdrängt habe.
Pater Notker leitete neben dem Unterricht die Schüler Blasmusik. Dokumente, die der «Rundschau» vorliegen, belegen, dass dieser Mönch mehrere Schüler nackt fotografierte – unter dem Vorwand, er brauche Abzüge für den Aufklärungsunterricht. Ein ehemaliger Schüler schreibt: «Ich fühlte mich irgendwie sehr wehrlos. Vor allem, als er mir auch noch die Vorhaut über die Eichel schob.»
Der damalige Rektor, Pater Hugo Willi, wusste seit 1975 von mehreren Fällen, weil sich Eltern an ihn gewandt hätten, schreibt SRF im Vorabbericht. Trotzdem habe er zwei Jahre später einem empörten Vater, der die sofortige Suspendierung von Pater Notker verlangte, geschrieben: «Der betreffende Lehrer beging einen einmaligen Fehltritt mittlerer Schwere (…). Eine Wiederholung konnte nicht festgestellt werden. Wir haben also keinen Grund, von einer krankhaften Veranlagung zu sprechen.»
Der Rektor habe laufend den damaligen Erziehungsdirektor informiert. Josef Brücker hatte die Oberaufsicht über das Schulwesen. Brücker habe «von Anfang an zumindest über die Nacktfotos» Bescheid gewusst. Auch er sei der Meinung gewesen, die «Verfehlungen» würden einen sofortigen Ausschluss aus dem Schuldienst nicht rechtfertigen. Das Verhalten des Paters müsse «zwar als unschicklich» bezeichnet werden, dürfte aber «kaum strafbar» sein.
Brücker erfuhr offenbar neun Monate nach dieser Aussage, dass der Pater die Schüler auch am Penis berührt hatte. Pater Notker war dann doch noch suspendiert worden, nachdem der empörte Vater gedroht hatte, die Sache öffentlich zu machen und eine Strafanzeige einzureichen.
Beide Pater sind unterdessen verstorben, Pater Felix bereits 1984, Pater Notker im vergangenen Jahr. Nach seiner Suspendierung im Kanton Uri sei er an eine Oberstufenschule im Kanton Solothurn versetzt worden, ohne von der Justiz behelligt worden zu sein. Dort habe er auch Schülerlager mitbetreut, aus dieser Zeit seien keine Missbräuche bekannt, so SRF.
In der Sendung kommt Peter von Sury zu Wort. Er war von 2008 bis im Januar 2025 Abt der Benediktinerabtei Mariastein im Kanton Solothurn. «Ich bitte um Entschuldigung. Für unsere Klostergemeinschaft, für die Pater, die das damals angerichtet haben.»
Das Kloster Mariastein reagierte bereits am Mittwochvormittag auf die bevorstehende Ausstrahlung der Sendung. «Die Klostergemeinschaft von Mariastein ist bestürzt und beschämt über die Tragweite von dem, was sich damals an ihrer Schule in Altdorf zugetragen hat. Sie distanziert sich entschieden von den Taten der beiden Mönche, die sich an Schutzbefohlenen vergriffen und ihnen dadurch schweres Unrecht und Leid zugefügt haben», heisst es in einer Mitteilung.
Sie bedaure auch das Verhalten der damaligen Klosterleitung, «das den Taten nicht angemessen war und den Opfern nicht geholfen und Recht geschaffen hat». Die Benediktiner von Mariastein nehmen die Sendung zum Anlass, «sich aktiv mit den dunklen Seiten ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und den Opfern jede mögliche Unterstützung anzubieten», kündigen sie in der Mitteilung an. Ehemalige Schülerinnen und Schüler des Kollegiums werden gebeten, sich bei einer Opferhilfestelle zu melden, falls sie Übergriffe oder Missbrauch erlitten hätten.
Die Klostergemeinschaft gibt zu, die sexuellen Übergriffe seien der damaligen Schul- und Klosterleitung in den 1960er und 1970er Jahren «offenbar» bekannt gewesen. In einem Fall sei nicht reagiert worden, im anderen habe sich die Leitung erst unter Druck eines betroffenen Vaters an den Urner Erziehungsdirektor gewandt. Der betreffende Pater sei 1978 nach Mariastein versetzt worden.
Ob und in welchem Umfang einzelne Mönche der Klostergemeinschaft Kenntnis von den Vorfällen hatten, lasse sich heute nicht mehr feststellen, schreibt das Kloster. «Jedenfalls wurde in der Gemeinschaft nie offen darüber gesprochen und eine Aufarbeitung, wie sie heute selbstverständlich wäre, unterblieb.»
Das Kloster betont nun, dass sich Peter von Sury für eine «umfassende Aufklärung» der Fälle einsetze und eng mit dem Team der «Rundschau» zusammengearbeitet habe. Die Sendung zeigt offenbar, dass auch er nicht genug unternahm in Sachen Aufklärung.
Denn Peter von Sury müsse sich die Frage gefallen lassen, «warum er sich in seiner Funktion als Abt von Juni 2008 bis Januar 2025 nicht konsequent und entschlossen um restlose Aufklärung bemühte, hatte er doch von einem Fall bereits im Frühjahr 2010 Kenntnis erhalten». Im Rückblick sei ihm «die Schwere dieser Unterlassung voll bewusst» – und er bereue sie ausserordentlich, so die Mitteilung. Der ehemalige Abt ist innerhalb der Konferenz der Vereinigungen der Orden und weiterer Gemeinschaften des gottgeweihten Lebens (Kovos) für das Thema Missbrauch zuständig.
Auch der Kanton Uri nimmt die Sendung zum Anlass, die Missbräuche am Kollegium Borromäus aufzuarbeiten. Dies teilte er am Mittwoch in einem Communiqué mit. Dabei will er mit der Universität Zürich zusammenarbeiten, die in einer Studie die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche untersucht. Es handelt sich um die von der Kirche selbst in Auftrag gegebene Folgestudie, der die 2023 publizierte Pilotstudie vorausging.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/gymnasium-im-kanton-uri-benediktiner-pater-haben-schueler-missbraucht/