«Die Radiopredigt ist aktuell, weil viele Menschen am Sonntag nicht mehr in einen Gottesdienst gehen»

Die SRF-Radiopredigt hat jüngst ihr 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Wie ist es eigentlich für Seelsorgende im Radio zu predigen – im Unterschied zur Predigt in der Kirche? Der Jesuit Christian Rutishauser, ehemaliger SRF-Radioprediger, gibt Einblicke.

Wolfgang Holz

Herr Rutishauser, die SRF-Radiopredigt hat jüngst ihr 100-Jahr-Jubiläum gefeiert. Wie wertvoll und wichtig ist aus Ihrer Sicht diese Sendung heutzutage?

Christian Rutishauser*: Die Radiopredigt ist ein einmaliges Format, einen Glaubensinhalt in einer zeitgemässen Sprache, für ein Publikum, das auch weit vom kirchlichen Vollzug entfernt sein mag, zu formulieren. Sie ist deshalb gerade so aktuell, weil viele Menschen am Sonntag morgen nicht mehr in einen Gottesdienst gehen, aber dennoch an Glaubensfragen interessiert sind. Doch es geht nicht nur um Glaubensfragen. Vielmehr wird in der Radiopredigt auch das aktuelle Geschehen aus einer religiösen Perspektive beleuchtet. Neue Perspektiven und Horizonte sollen eröffnet werden.

«Bei einer Predigt im Gottesdienst gibt es mehr Freiheit.»

Sie selbst haben auch schon oft im Radio gepredigt. Wie haben Sie das gemacht? Vom Manuskript abgelesen und ins Mikrofon gesprochen oder haben Sie sich dabei auch vorgestellt, Sie würden von der Kanzel oder vom Ambo in der Kirche zu den Gläubigen sprechen?

Rutishauser: Die Zeit für eine Predigt im Radio ist ganz genau festgelegt. Der Text muss mit den Verantwortlichen eines öffentlichen Senders abgestimmt sein. Daher ist die Radiopredigt immer ein ausgeschriebener Text, der lebendig vorgetragen wird. Bei einer Predigt im Gottesdienst gibt es mehr Freiheit. Da lerne ich Gedankengänge zu formulieren, repetiere sie, um danach aber frei sprechen zu können.

«Die Radiopredigt trifft auf einen Hörer oder eine Hörerin zu Haus, beim Frühstück, im Auto oder sonst wo.»

Was ist der Unterschied von einer Radiopredigt zu einer Live-Predigt in der Kirche?

Rutishauser: Eine Predigt von einer Kanzel ist etwas ganz anders als eine Radiopredigt. In der Kirche sind die Worte eingebettet in die Liturgie, nehmen direkt Bezug auf biblische Lesungen, die man zuvor gehört hat. Neben dem Wort habe ich als Sprecher Blickkontakt und Gestik. Wer in die Kirche geht, ist zudem religiös motiviert. Anders bei der Radiopredigt: Sie trifft auf einen Hörer oder eine Hörerin zu Hause, beim Frühstück, im Auto oder sonst wo. Sie muss in sich selbst stehen. Zugleich muss eine Radiopredigt Menschen erreichen, die weniger religiöses Vorwissen mit sich bringen.

«Eine Predigt muss anregen, inspirieren, herausfordern, zu denken geben.»

Was war und ist Ihnen in Ihren Radiopredigten immer wichtig?

Rutishauser: Wichtig scheint mir, nicht eine formelhafte oder kirchliche Insidersprache zu sprechen. Dabei habe ich jede Predigt immer auf eine Grundgedanken und eine Grundbotschaft konzentriert. Manchmal versuchte ich, eine Aktualität zu deuten, manchmal eine menschliche Grundwahrheit in Erinnerung zu rufen, manchmal eine Glaubenswahrheit, die dem Menschen hilfreich ist, darzulegen, manchmal ein Gedicht oder einen biblischen Text auszulegen. Immer soll der Hörer und die Hörerin etwas Praktisches und Konkretes mit sich nehmen können. Eine Predigt muss anregen, inspirieren, herausfordern, zu denken geben.

*Seit August 2024 ist der Jesuit Christian Rutishauser Professor für Judaistik und Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern.


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