Pater Martin Werlen ist Leiter der Propstei St. Gerold in Vorarlberg. Im Interview mit kath.ch sagt der Schweizer Benediktiner, wie er die Karwoche erlebt, wie er Karfreitag und Ostern versteht, wofür der Karsamstag steht – und wie er sich die eigene Auferstehung vorstellt.
Wolfgang Holz
Propst Martin, die Karwoche hat begonnen. Freuen Sie sich schon auf den liturgisch dichten Wechsel von Gefühlen und unterschiedlichen biblischen Botschaften?
Pater Martin Werlen*: Freuen wäre zu viel gesagt. Diese Woche fordert mich immer ganz gehörig heraus. Alles, was das Leben mit sich bringen kann, kommt hier zur Sprache: Freude, Verrat, Heilung, Tod, Glaube, Versuchungen, Gewalt, Vergebung, Streit, Schaulust, Hilfsbereitschaft, Auferstehung.
Wie erleben Sie persönlich die Dramaturgie der Karwoche?
Werlen: Unser ganzes Leben kommt vor Gott zur Sprache. Da geht mir immer neu auf, dass Glaube Leben ist. Es geht um das Drama des Lebens – in der Gegenwart Gottes, der oft aber als nicht anwesend wahrgenommen wird.
«Das, was wir am Karfreitag und an Ostern feiern, nehme ich alles andere als abstrakt wahr.»
An Karfreitag wird Christus gekreuzigt, am Ostersonntag steht Christus von den Toten auf – zwei Erlebnisse, die für uns Christen prägend sind, die aber auch irgendwie sehr abstrakt sind. Wie kann man diese gewaltigen Botschaften für uns Gläubige in unserem Alltag verständlich machen?
Werlen: Das, was wir am Karfreitag und an Ostern feiern, nehme ich alles andere als abstrakt wahr. Weil es mir konkret begegnet, fordern mich diese Tage sehr heraus. Karfreitag ist uns so präsent: in Menschen, die – ohne dass ihnen Hilfe zuteil wird – von Kriegsverbrechern gequält und hingerichtet werden; in Verantwortlichen in Demokratien, denen es bis zur Peinlichkeit nur um die eigene Macht geht; vor dem Klimawandel werden die Augen verschlossen, um keine Verantwortung zu übernehmen in der Sorge für das gemeinsame Haus; Elend und Not so vieler Menschen; Perspektivenlosigkeit in so vielen Herausforderungen; Krankheit und Tod in den eigenen Reihen.
«Der Karsamstag wird zu wenig thematisiert.»
Kann man sagen, der Karfreitag ist auch ein Art Ausdruck von menschlicher Lebenskrise, und Ostern der Tag oder das Wissen, dass am Ende alles wieder gut kommt?
Werlen: Das tönt mir nun doch zu einfach. Karfreitag ist die tiefste Not des Menschseins, die Gott selbst in Jesus Christus mit uns teilt. Selbst in der grössten Not ist Gott mit uns. Wie viele Menschen durften das in ihrem Leben schon erfahren! Und Ostern ist nicht ein Wissen, sondern aus der Erfahrung gewachsenes Vertrauen, dass Gott uns trotz allem nicht verlässt. Seine Liebe ist grösser als alles, grösser auch als der Tod. Den Tag zwischen Karfreitag und Ostern sollten wir allerdings nicht vergessen. Der Karsamstag fordert uns, die Leere auszuhalten, das Alleinsein, die Hoffnungslosigkeit. Viele Menschen wissen, wie fürchterlich das sein kann. Der Karsamstag wird zu wenig thematisiert.
Karfreitag und Ostern wird einmal im Jahr gefeiert. Der Mensch ist aber ein Wesen, das in kurzfristigeren Zyklen sein Dasein erlebt, vor allem in unseren digitalen Zeiten. Wie können wir uns als Gläubige diesen wunderbaren Turnus von Christi Leiden und Erlösung immer wieder vergegenwärtigen und das Osterwunder neu spüren?
Werlen: Das, was wir in der Heiligen Woche feiern, begegnet mir jeden Tag im Gebet, in den verschiedensten Begegnungen, in den Gottesdiensten, über die Medien. Und besonders in der Eucharistiefeier am Sonntag feiern wir miteinander das Geheimnis unseres Glaubens: Leben, Tod und Auferstehung. Genau das darf ich hier in der Propstei St. Gerold erfahren – zusammen mit vielen Menschen, die gerade deswegen hierher kommen.
«Gottes Liebe können wir uns nur zu klein vorstellen, nie zu gross.»
Zum Schluss noch eine ganz persönliche Frage: Wie stellen Sie sich Ihre eigene Auferstehung vor?
Werlen: Eine nicht vorstellbare Überraschung. Einfach ganz anders, als wir das in unserer Beschränktheit vorstellen können. Gottes Liebe können wir uns nur zu klein vorstellen, nie zu gross. Einem bekannten befreundeten Atheisten habe ich einmal gesagt: «Eines bin ich mir gewiss: Ich werde nicht weniger überrascht sein als du!»
*Pater Martin Werlen lebt seit 2020 in Österreich. Der ehemalige Abt des Klosters Einsiedeln leitet die Propstei St. Gerold in Vorarlsberg.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/martin-werlen-die-karwoche-fordert-mich-immer-ganz-gehoerig-heraus/