Maria von Magdala war die Osterzeugin, die verkündigte: «Ich habe den Herrn gesehen». Doch die Apostel taten dies erst als Geschwätz ab. Jahrhundertelang blieb ihr die Anerkennung verwehrt, ebenso wie anderen Frauen mit apostolischer Sendung. «Wir haben noch viele österliche Wege vor uns», schliesst Eva-Maria Faber.
Eva-Maria Faber*
Binnen weniger Stunden von den Kartagen im Osterjubel ankommen zu sollen überfordert mich jedes Jahr. Das nächtliche, melancholische Osterhalleluja liegt mir näher als der Siegestaumel, der in manchen Osterliedern steckt. Hilfreich ist die Ostersequenz, ein poetischer Gesang der Osterliturgie. Sie fragt Maria von Magdala, was sie auf dem Weg gesehen hat («Dic nobis, Maria: Quid vidisti in via?»). Die deutschsprachige Fassung unterschlägt den Weg, obwohl davon – angefangen in der vorösterlichen Zeit (vgl. Lukas 8,1–3) – zum Mitgehen einiges hilfreich wäre.
Im Umfeld des Passionsweges Jesu war Maria von Magdala eine der Frauen, die sahen, wie Jesus gekreuzigt wurde, weil sie zu jenen gehörte, die weder wegliefen noch wegschauten. Die synoptischen Evangelien thematisieren auffällig dieses Sehen, während es für die Frauen doch naheliegend gewesen wäre, vor lauter Entsetzen die Hände vor die Augen zu legen. Sie sind geblieben und haben das Gewaltszenario an sich herankommen lassen, obwohl es sich tief einbrennen würde.
Maria Magdalena ist dann die Osterzeugin, die verkündigt: «Ich habe den Herrn gesehen» (Johannes 20,18). In der johanneischen Erzählung sah sie zuvor zwei Engel in weissen Gewändern, dann sah sie Jesus, ohne ihn zu erkennen. Erst Jesu Anrede lässt sie den Auferstandenen sehen. Mit dem Sehen scheint es also nicht so einfach zu sein.
Auch Maria von Magdala kommt nicht gleich strahlend im Ostergeschehen an. Noch deutlicher wird dies in der markinischen Ostererzählung. Ihr zufolge geschah die Flucht, die angesichts des Kreuzes erwartbar gewesen wäre, am Ostermorgen.
«Maria von Magdala ist nicht schlechthin die souveräne Heldin.»
Maria von Magdala, die zusammen mit anderen Frauen an das Grab gekommen war, um Jesus zu salben, sah den weggewälzten Stein, sah auch einen jungen Mann mit weissem Gewand, sah die leere Stelle, wohin man ihn gelegt hatte – aber statt der Botschaft des Weissgekleideten zu folgen, «verliessen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt» (Markus 16,8). Maria von Magdala ist nicht schlechthin die souveräne Heldin.
Nach anderen Zeugnissen macht sie sich jedoch auf, um die Botschaft auszurichten. Es kann Ostern werden! Oder doch nicht? «Die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht» (Lukas 24,11). Selbst als sie es dann doch glaubten, ist die Welt nicht schon österlich anders. Während Maria Magdalena gemäss manchen Texten die Erstzeugin oder eine der Erstzeuginnen ist, taucht sie und tauchen Frauen in der paulinischen Zeugenliste (1. Korintherbrief 15,5–8) gar nicht auf.
Das neue Leben im Auferstandenen, durch das es «nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich» gibt (Galaterbrief 3,28), kam nicht über Nacht, kommt auch nicht in der Osternacht. Über Jahrhunderte blieb die Bedeutung der Maria von Magdala in Typologisierungen stecken, die sich einer Anerkennung der apostolischen Sendung von Frauen in der nachösterlichen Kirche verschlossen.
Ist es nicht zum Verzweifeln? Und was ist mit all dem anderen, was in Welt und Kirche verstörend bleibt, auch in der Osternacht? Die Ostersequenz formuliert den Osterglauben der Maria als Hoffnung. «Auferstanden ist Christus, meine Hoffnung» / «Er lebt, der Herr, meine Hoffnung».
Maria von Magdala fasst hier ihren Glauben und ihre Hoffnung nicht gleich in ein kirchliches «Wir». Ostern bricht für sie auf höchstpersönliche Weise an, so wie die Evangelien sie nicht nur mit anderen Frauen zusammen auftreten lassen, sondern auch allein und sehr persönlich, im Weinen um ihren Herrn (Johannes 20,11–18). Ohne diesen sehr persönlichen Weg des Glaubens und der Hoffnung lassen sich weiterhin vorösterliche und karsamstägliche Erfahrungen nicht durchstehen.
Die verächtliche Zurückweisung der Osterbotschaft als Geschwätz und die Rangeleien um die Frage, wem Jesus zuerst erschienen ist, sind deswegen nicht weniger ärgerlich und verletzend. Es bleibt die Hoffnung, dass der Auferstandene den Seinen vorangeht. Als Kirche und als einzelne haben wir viele österliche Wege noch vor uns.
* Eva-Maria Faber ist Professorin an der Theologischen Hochschule in Chur, sie hat den Lehrstuhl für Dogmatik und Fundamentaltheologie inne und ist Rektorin.
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