Eine repräsentative Umfrage zur Reputation der katholischen Kirche zeigt: Der Ruf ist stark ramponiert, bei der allgemeinen Bevölkerung, aber auch bei den Mitgliedern. Gleichzeitig gibt es überraschende und positive Befunde. Die Katholische Kirche im Kanton Zürich will ihre Kommunikation künftig danach ausrichten.
Barbara Ludwig
Allgemein bekannt dürfte sein, dass es um den Ruf der katholischen Kirche nicht sehr gut bestellt ist. Dazu haben die Nachrichten über sexuellen Missbrauch im kirchlichen Umfeld nicht unwesentlich beigetragen. Die Katholische Kirche im Kanton Zürich wollte es aber genauer wissen und hat deshalb bei der Forschungsstelle Sotomo eine repräsentative Bevölkerungsumfrage in Auftrag gegeben.
Angaben von rund 2900 Personen in der Deutschschweiz konnten verwertet werden, darunter 705 Mitglieder der katholischen Kirche und 517 ehemalige Mitglieder; auch Reformierte und ehemalige Mitglieder der reformierten Kirche wurden im vergangenen Herbst befragt. Dabei wurden auch Fragen zum Image der reformierten Kirche gestellt.
Am Dienstag wurde die Ergebnisse in der Kirche St. Josef im Zürcher Kreis fünf vorgestellt – an einem für eine Pressekonferenz ungewöhnlichen Ort, wie Simon Spengler, Bereichsleiter Kommunikation, eingangs bemerkte, um dann hinzuzufügen. «Der sakrale Raum steht symbolisch für das, was die Menschen an der Kirche nach wie vor wichtig finden. Hier, mitten im früheren Industriequartier, lebt Kirche.» Das war eine Andeutung auf die positiven Befunde der Umfrage.
Dann präsentierte Studienleiter Michael Hermann indes die ganze Breite der Ergebnisse – mit einem «harten Einstieg» zum Image. Nur 15 Prozent der Befragten haben ein positives Bild von der katholischen Kirche. Die reformierte Kirche kommt mit 37 Prozent deutlich besser weg.
Auch unter den Mitgliedern haben viele eine negative Sicht der katholischen Kirche. So sehen nur 38 Prozent die eigene Kirche positiv; bei den Reformierten sind es mit 64 Prozent deutlich mehr. «Bei den Katholiken brodelt es auch an der Basis», stellte Michael Hermann fest.
Bei Mitarbeitenden und Migranten, die gesondert befragt wurden, zeigt sich allerdings ein anderes Bild. So haben 65 Prozent der Mitarbeitenden und 86 Prozent der Mitglieder mit Migrationshintergrund ein positives Bild von der katholischen Kirche.
Die Umfrage wollte auch wissen, welche Emotionen mit Kirche verbunden werden. Hier zeigt sich ein klarer Unterschied zwischen den Konfessionen. «Heftige negative Emotionen wie Enttäuschung, Frustration und Wut finden sich deutlich stärker bei den Katholiken als den Reformierten», sagte Hermann.
Spannend sei aber, dass trotz der negativen Emotionen der Anteil der Mitglieder, die sich stark mit ihrer Kirche verbunden fühlen, bei den Katholiken höher ist. Nämlich 40 Prozent, während der Anteil bei den Reformierten 35 Prozent beträgt.
Ein überraschender Befund ist auch, dass die Unterschiede zwischen den Konfessionen punkto Austrittswilligkeit gar nicht so gross sind, wie der Studienleiter feststellte. Angesichts der deutlichen Unterschiede beim Image würde man eher erwarten, dass Reformierte kaum über einen Kirchenaustritt nachdenken. Dem ist nicht so.
Bei den Katholiken haben 27 Prozent schon einmal daran gedacht, aus der Kirche auszutreten. Bei den Reformierten sind es immerhin 21 Prozent. «Viele Katholikinnen und Katholiken haben eine starke Bindung zur Kirche – trotz negativer Emotionen», erklärte Hermann.
Die Umfrage dokumentiert auch die Ursachen der schlechten Reputation. Hier stechen insbesondere der Umgang mit Missbrauchsfällen und religiöse Positionen ins Auge. 76 Prozent bzw. 69 Prozent der katholischen Kirchenmitglieder bewerten diese Aspekte negativ. Bei der übrigen Bevölkerung ist der Anteil noch höher.
Auch die kirchliche Haltung zur Frauenordination und zu gesellschaftspolitischen Fragen kollidiert mit den Ansichten der Befragten. Da geht es etwa um Homosexualität und Abtreibung. Als wichtigste Gründe für einen Kirchenaustritt wurden Missbrauch, veraltete Vorstellungen und die Diskriminierung von Frauen angegeben. Hierzu äusserten sich Personen, die bereits ausgetreten sind oder die austrittswillig sind.
Die negativen Ergebnisse sind ernüchternd. Gleichzeitig prägen positive Elemente das Image der katholischen Kirche, auch das zeigt die Umfrage. Geschätzt werden vor allem das soziale Engagement der Kirche. 71 Prozent der Mitglieder und 40 Prozent der restlichen Bevölkerung bewerten es positiv.
Insbesondere die Mitglieder schätzen religiöse Feiern sowie das Zusammenleben und die Aktivitäten in der Kirchgemeinde. «Die Kirche ist auch Gemeinschaft, bietet Heimat. Auch Menschen, die verärgert sind, schätzen das», sagte Michael Hermann vor den Medienvertretern.
95 Prozent der Mitglieder und 88 Prozent der restlichen Bevölkerung finden es wichtig, dass sich die Kirche sozial engagiert. Laut der Umfrage sind nicht alle sozialen Angebote der Kirche gleichermassen bekannt, zu den bekanntesten zählen die Seelsorge, die Jugendarbeit in Jubla und Pfadi, die Dargebotene Hand sowie die Caritas.
Die katholische Kirche löst auch positive Emotionen wie Geborgenheit, Dankbarkeit, Respekt und Freude aus. «Diese sind ähnlich ausgeprägt wie die negativen Emotionen», sagte der Studienleiter.
Mitglieder der Kirche gaben zudem an, was für den Verbleib in der katholischen Kirche spricht. Am häufigsten genannt werden der Erhalt der Tradition, die kirchliche Bestattung, der Einsatz der Kirche für die Bedürftigsten und die Kirche als Ort, um den Glauben zu leben. Letzteres ist insbesondere für Migrantinnen und Migranten bedeutsam. Ebenfalls sehr wichtig für diese Gruppe sind die Freundschaften, die sie in der Kirche pflegen können.
Für die grossen Lebensereignisse wie Trauerfeier, Taufe, Firmung, Hochzeit und religiöse Bildung der Kinder wollen die meisten der katholischen Kirchenmitglieder die Angebote der eigenen Kirche in Anspruch nehmen. «Für sie bleibt die katholische Kirche wichtig», sagte Hermann zum Ende der Präsentation.
Die Katholische Kirche im Kanton Zürich wolle sowohl die negativen als auch die positiven Ergebnisse ernst nehmen, sagte Simon Spengler im Anschluss. «Wir wollen das Gemeinschaftliche und das Solidarische – den Wesenskern der Kirche – in der Kommunikation stärker berücksichtigen.» Das Sakrale und die Welt seien keine Gegensätze, sondern gehörten zusammen – wie das Beispiel der Kirche St. Josef zeige.
Die Kirche werde als eine «Konstante in einer schnelllebigen Gesellschaft» wahrgenommen, sagte seinerseits Generalsekretär Luis Varandas. Über 20 Kirchen, die allen Menschen offen stünden, gebe es in der Stadt. Kirchenraum, der Begegnung und Seelsorge ermögliche. Orte, wo sich Menschen für eine kurze Zeit aus dem Alltag nehmen, zurückziehen könnten. «Es ist unsere Pflicht, unsere Mitglieder zu stärken. Die Ergebnisse der Umfrage sind ein wichtiger Beitrag, der uns das aufzeigt.»
Raphael Meyer, Synodalratspräsident, sagte gegenüber kath.ch, es werde einen «Mix aus Kommunikationsmassnahmen» geben. Etwa Massnahmen, die an Austrittswillige gerichtet sind, wie zum Beispiel die bereits laufende Kampagne «Kirchensteuer wirkt». Es brauche aber auch kommunikative Botschaften an konservativere Gruppierungen. «Damit sie sehen, die katholische Kirche ist immer noch authentisch und kann ihnen eine spirituelle Heimat bieten.»
Meyer sagte zudem, dass es auf Dauer nicht ausreiche, das soziale Engagement der Kirche bekannter zu machen. Wichtig sei auch, sich auf die biblische Grundlage des sozialen Engagements zu besinnen, die den Unterschied zu NGOs ausmache. «Wir sind als Christinnen und Christen zur Nächstenliebe aufgerufen, weil wir in jedem Menschen ein Abbild Gottes sehen. Diese Überlegungen müssen wir wieder populärer machen.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant