Noch im April soll der «Influencer Gottes», Carlo Acutis, heiliggesprochen werden. Schon jetzt florieren der Handel und Verkauf von Reliquien des 2006 im Alter von 15 Jahren verstorbenen italienischen Teenagers. Auch andere Reliquien sind zuhauf im Internet zu erwerben. Wie kommts? Schliesslich ist der Reliquienhandel kirchenrechtlich verboten.
Wolfgang Holz
Eine Doppelreliquie der Heiligen Bernadette und der Heiligen Teresa 1. Klasse mit Originaldokumenten für 2031 Euro auf eBay gefällig? Oder lieber einen Reliquienschrein mit Reliquie, Dokument des Heiligen Pater Pio und einem Kelch für 1726 Euro? Oder doch lieber «1. Klasse Haar» von Carlo Acutis mit Dokument für rund 1800 Euro? Sozusagen als ganz aktuelle Reliquie des 2006 im Alter von 15 Jahren verstorbenen «Influencer Gottes» beziehungsweise «Cyber-Apostels».
Acutis, der an Leukämie starb, soll Ende April vom Papst heiliggesprochen werden. Der italienische Teenager hat weltweit viele Anhänger, seine Herz-Reliquie war schon in Deutschland zu sehen.
Die katholische Kirche mag es sinnlich. Denn Reliquien sind im Prinzip materielle Überbleibsel. Überbleibsel von Heiligen. Sie verkörpern eine besondere Art der Erinnerungskultur in der katholischen Tradition. Körperteile wie Knochen, Haare oder Kleidungsstücke von Menschen, die durch ihr Leben und Wirken besondere Verehrung in der Kirche erfahren, werden in besonderen Gefässen – meist in Kirchen ausgestellt – und sollen Gläubigen eine Nähe zu den verehrten Personen ermöglichen.
Der religiöse Brauch der Reliquien, die Reformator Martin Luther als «tot Ding» kritisierte, hat in seiner Geschichte auch einige Skurrilitäten hervorgebracht. Die ägyptische Finsternis etwa wurde einst in Säcken aufgefangen und vermarktet. Im italienischen Calcata verehrten Gläubige über Jahrhunderte sogar die heilige Vorhaut von der Beschneidung Jesu, bis sie 1983 unter ungeklärten Umständen verschwand.
Schon im Mittelalter war mit Gebeinen, Haaren und Nägeln viel Geld zu machen – sofern sie von einem Heiligen stammten. Kirchliche Massregelungen halfen wenig, zumal die Händler oft aus den eigenen Reihen kamen. Dabei ist der Reliquienhandel bis heute nach katholischem Kirchenrecht streng verboten.
Erlaubt seitens der Kirche sind lediglich der Tausch von Reliquien – auch gegen Gebete von Mönchen und Nonnen –, die Schenkung sowie ihr Ankauf von ‘Ungläubigen’, um sie der Kirche zu übergeben. Da solche Gegenstände eine gewinnbringende Handelsware darstellten, war es üblich, Reliquiengeschäfte als Schenkung oder Diebstahl zu tarnen. Freilich handelte es sich bei vielen Gegenständen um Fälschungen. Der Heilige Bernhard von Siena meinte etwa in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, es seien derart viele Stücke des Christuskreuzes im Umlauf, dass sie zwölf Ochsen nicht tragen könnten.
Im Reliquienhandel waren historisch gesehen vor allem Kleriker tätig, da sie Zugang zu den Kirchen und Klöstern hatten und über den Wert der Gegenstände Bescheid wussten. Kirchenhistorikerinnen und -historiker nehmen an, dass sich die Preise in «astronomischen Höhen» bewegten. Die Gebeine des Heiligen Antonius wurden im frühen Mittelalter beispielsweise in Gold aufgewogen. Der Käufer bzw. die Käuferin wollte schliesslich keine Sünde begehen, indem man den Wert einer Reliquie zu geringschätzte.
Was den modernen Online-Handel mit Reliquien angeht, protestiert der Vatikan schon seit Jahren gegen den Handel mit falschen Reliquien im Internet. Auf eBay werden täglich Fragmente von Knochen und andere Reliquien von Heiligen angeboten. Wer sich online zum Kauf entschliesst, erhält auch ein Zertifikat, das die Echtheit der Reliquie bestätigen soll.
Das Geschäft mit falschen Reliquien hat unterdessen ein derartiges Ausmass erreicht, dass Kardinal Jose Saraiva Martins, 2008 als Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen zurückgetreten, vor Jahren schon Alarm schlug. Martins kritisierte den «gotteslästerlichen Handel» mit Reliquien.
«Es ist absolut verboten, Reliquien zu verkaufen. Die Echtheit der Reliquien muss von den kirchlichen Behörden bestätigt werden. Ohne schriftliches Attest ist eine Reliquie eine Fälschung», so der Kardinal damals. «Im Internet werden Knochenteile von Heiligen oder Seligen angeboten. Viele könnten gestohlen worden sein.»
Martins warnte damals auch davor, dass die Reliquien in die Hände satanischer Sekten fallen und ihr Missbrauch Aberglauben nähren könnte. Reliquien seien eine ernsthafte Sache. Seit 2017 verschärfte der Vatikan die Regelungen bezüglich Reliquien deutlich. Strengstens verboten ist im Kirchenrecht der Verkauf und der Handel mit ihnen.
Apropos Zertifikate: Heute ist es in der katholischen Kirche gang und gäbe, Reliquien nach modernen forensischen Methoden auf ihre Echtheit zu überprüfen. Aus der Kirchengeschichte weiss man allerdings, dass in früheren Jahrhunderten Echtheitszertifikate tausendfach und ohne tatsächliche Prüfung der Stücke ausgestellt wurden.
So kommt es nicht selten vor, dass sich ein vermeintlicher Knochensplitter eines Heiligen bei moderner Untersuchung nicht einmal als menschlich herausstellt, sondern etwa von einem Schaf oder anderen Tieren stammt.
Der heutige Internethandel mit zertifizierten Reliquien scheint auf jeden Fall weiter zu blühen – es ist ein gutes Geschäft. Kein Wunder angesichts der vielen lukrativen Angebote und der sakralen Sammelfaszination von Gläubigen – von sich denen manche zuhause regelrechte Hauskapellen voller Reliquien eingerichtet haben.
Und zwar nicht nur über eBay. Auch auf Websites wie der französischen Plattform Relics oder bei «Fluminalis» in Holland finden Interessierte fast alles, was das Herz begehrt: ein Knochensplitter des Apostels Petrus, Haare der Heiligen Bernadette Soubirous oder ein Stück des «echten» Kreuzes Jesu.
Hunderte Reliquien beliebter Heiliger lassen sich hier im Onlineshop in etwa genauso schnell und einfach bestellen wie ein Zehnerpack Socken. Versendet wird weltweit und sicher verpackt, versprechen die Händler. Für das Petrus-Knöchelchen muss man bereits 695 Euro berappen – für man auch die sogenannte Authentica erhält, die die Echtheit belegen soll. Das Kreuzstückchen kostet dagegen schon satte 1680 Euro.
Doch woher stammen die ganzen Reliquien? Im Fall der niederländischen Antiquitätenhändlers Fluminalis etwa hat dieses Unternehmen – als erstes in Europa – seit 1972 komplette Kircheninventare sowie Material und Gegenstände aus abgerissenen Kirchengebäuden gekauft.
Firmengründer Joannes Peters (76) war schon als junger Ministrant fasziniert von all dem Drum und Dran in Kirchen und Kapellen. Nach seinem Studium am franziskanischen Gymnasium entdeckte er auf einem Dachboden einer Klosterkirche einige alte Statuen.
Mittlerweile wurden von Fluminalis, so die Firma auf ihrer Homepage, über 50 Klöster in Holland, Belgien und Frankreich vollständig geräumt. 26 grosse Kirchen und 81 Kapellen verkauften ihr gesamtes Inventar an die Firma. Und von 231 religiösen Gebäuden erwarb Fluminalis grössere Teile des Inventars. Von 39 Kirchtürmen entfernte das Unternehmen sogar 87 Glocken.
«Wir verkaufen nur die Reliquiare, also die Reliquiengefässe, die Reliquien darin sind eine Spende», versichert Fluminalis-Gründer Joannes Peters auf Anfrage von kath.ch. «Die Kirchen und Klöster rufen bei uns einfach an.» Er könne aber nur verkaufen, was ihm keine schlaflosen Nächte bereite, wie er in dem YouTube-Video «Heilige Knochen» von ARD und WDR erklärt.
Der gläubige Katholik hatte beispielsweise auch schon Reliquien von Heiligen im Angebot, die kleine konservierte Fleischteile von Heiligen beinhalten. Etwa Innereien. «Das ist das Innerste eines Heiligen», meint er – was eine besondere Nähe zu den verehrten Personen herstelle.
Seine sakralen Antiquitäten verkauft und verschifft er zu 90 Prozent nach Übersee, wie er gegenüber kath.ch verrät: «Nach Amerika, Kanada, Vietnam beispielsweise, wo neue Klöster und Konvente gegründet werden – und zwar grosse Mengen an sakralen Antiquitäten, quasi ganze Kollektionen.»
Absolut wichtig für den Verkauf und die Preisgestaltung der Reliquien seien die Zertifikate, die die Echtheit der Gegenstände beurkunden. «Zum Teil werden sie von Generalvikaren und von Bischöfen ausgestellt», so Joannes Peters. Es gebe aber auch so manche Fake-Zertifikate im Reliquienhandel, die «in Indien oder Italien hergestellt wurden.»
«Die empfangen mich dann jeweils an der Hintertür, um ihre Geschäfte abzuwickeln.»
Ein anderer niederländischer Reliquienhändler, der selbständig jeden Tag Reliquien online anbietet, erklärt in besagtem YouTube-Video, dass er immer wieder E-Mails von Klöstern, Konventen und Kirchen erhalte, die Reliquien im Angebot hätten. «Die empfangen mich dann jeweils an der Hintertür, um ihre Geschäfte abzuwickeln.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant