Matthias Wenk: «Ich lehne die Priesterweihe für Männer und Frauen ab»

Bis vor kurzem arbeitete Matthias Wenk als Cityseelsorger für die katholische Kirche in St. Gallen. Ab April macht er dasselbe für die reformierte Kirche. Über seine Gründe spricht er im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

In St. Gallen ist Matthias Wenk ein stadtbekannter Katholik, der sich für Reformen engagiert und in den Gottesdiensten neue Formate ausprobiert hat. National bekannt wurde er als römisch-katholischer Radioprediger bei SRF.

Doch jetzt ist Schluss: Seit März ist Wenk evangelisch-reformiert, und ab April arbeitet er für die reformierte Kirche in St. Gallen. Über die Gründe sagt der Seelsorger: «Für mich ist es die Struktur, hinter der ich nicht mehr stehen kann. Die Struktur, die Ungleichheit schafft durch die Weihe und Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt.»

Bleiben oder gehen?

Seit längerem beschäftigt sich der heute 48-Jährige mit der Frage, ob er bleiben oder gehen soll. Kurz nach der Veröffentlichung der Pilotstudie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche sagte er in einer Radiopredigt, dass der dringende Reformbedarf jetzt wissenschaftlich belegt sei. 

Und weiter: «Der für mich persönlich entscheidende Grund, warum ich bleibe, hat genau damit zu tun. Es braucht in der Kirche Menschen, die auf den Reformbedarf aufmerksam machen.»

Inzwischen hat sich Wenk anders entschieden. Im Podcast «Laut + Leis» sagt er: «Ich will meine Kraft als gläubiger Christ nicht mehr dafür einsetzen, Veränderungen in einem starren System zu erwirken. Das ist vergeudete Energie.» Vielmehr sei es ihm wichtig, seine Kraft für «Gottes Neue Welt» einzusetzen.

Mystisch aufgeladene Machtstrukturen

Zurück zur Pilotstudie: Auch bei den Reformierten ist es puncto Missbrauch kein bisschen besser, wie eine Studie in Deutschland gezeigt hat. «Das stimmt», sagt Wenk. 

Doch die Begründung sei eine andere: «In der katholischen Kirche sind die Machtstrukturen mystisch aufgeladen.» Ganz deutlich werde das in der Eucharistiefeier: «Ich kann schon lange keine Eucharistiefeier mehr mitfeiern, weil das Tor für einen Machtmissbrauch sehr weit offen ist. Alles ist auf den Priester hin zentriert.»

Wenn er sich die Liturgie der Priesterweihe in der römisch-katholischen Kirche genau anschaue, so stelle er fest: «Das ist eine Überhöhung von uns als Menschen und eine mystische Begründung, die keinen Widerspruch duldet.»

Christkatholische Kirche war keine Option

Matthias Wenk geht noch einen Schritt weiter: Er, der in Bayern aufgewachsen ist und als Bub Priester werden wollte, lehnt die Weihe mittlerweile ganz ab – für Männer und für Frauen.

Diese Meinung begründet er mit dem Taufritus in der römisch-katholischen Kirche: «Da werden Kinder gesalbt und getauft zu König:innen, Priester:innen und Prophet:innen. Das ist unser Amt als glaubende Christ:innen.» Deshalb brauche es kein zusätzliches Priestertum. Es stecke in jedem Menschen, der an Christus glaube. 

Das ist auch der Grund, weshalb er nicht zur christkatholischen Kirche wechselt, die er für ihre Synodalität durchaus schätzt. 

Probeverfahren von zwei Jahren

Mit seinem Wechsel zur evangelisch-reformierten Kirche beginnt auch ein sogenanntes «Probeverfahren», das zwei Jahre dauert. Danach kann ihn die Kirchgemeindeversammlung zum Pfarrer wählen.

Er wird einzelne Vorlesungen in reformierter Theologie besuchen – insbesondere in den Bereichen, die sich unterscheiden: «Dogmatik, Ethik, Kirchengeschichte. Ich absolviere die Weiterbildungskurse für die Pfarrpersonen in den ersten Amtsjahren und schliesse mit einer Prüfung ab.»

Cityseelsorge ist konfessionell

Wenk startet im April als Pfarr-Stellvertreter in einer St. Galler Kirchgemeinde und übernimmt ein Teilpensum in der neu geschaffenen reformierten Cityseelsorge. 

Das heisst, die katholische und die reformierte Cityseelsorge in St. Gallen spannen nicht zusammen, sondern konkurrenzieren sich. Oder, so formuliert es Wenk: «Sie ergänzen einander.» 

Eigentlich wolle man auf beiden Seiten ökumenisch zusammenarbeiten. Weshalb das noch nicht funktioniert, erklärt er so: «Die Ressourcen und Finanzen sind ungleich verteilt. Kommt hinzu, dass Cityseelsorge ein öffentliches Prestigeprojekt ist, und da wollen sich beide profilieren.»

Ökumenisches Bindeglied

Gerade in der Cityseelsorge sollte die Konfession eigentlich keine Rolle spielen. Das sieht auch Matthias Wenk so und sagt: «Ich glaube, dass ich durch meine bisherige Tätigkeit ein ökumenisches Bindeglied sein kann. Gerade in der Arbeit der Cityseelsorge, aber auch in der ökumenischen Arbeit unter den Seelsorgenden in St. Gallen.»

Die Voraussetzungen dafür hat er: Wenk hat als katholischer Theologe in seiner Berufspraxis schon manche ökumenische Erfahrung gesammelt. Jetzt eignet er sich das theologische Rüstzeug der Reformierten an und schafft damit neue Brücken auf dem Weg zu einer gelebten Ökumene.


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