Kirchenhistoriker Wolf: Warum Papst Pius XII. zum Holocaust schwieg

Neue Erkenntnisse aus vatikanischen Archiven belegen, dass Papst Pius XII. über den Holocaust Bescheid wusste. Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat auch herausgefunden, wieso das Kirchenoberhaupt die Verbrechen nicht öffentlich anprangerte.

Pius XII. leitete die katholische Kirche von 1939 bis 1958. Er ist der wohl umstrittenste Papst des 20. Jahrhunderts – weil er zur Ermordung der Juden durch Nazi-Deutschland schwieg. Nun zeigen neue Erkenntnisse aus vatikanischen Archiven, dass Pius XII. über die Judenverfolgung in Europa genau informiert war. Das schreibt der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf in einem Beitrag für die «Neue Zürcher Zeitung» vom Samstag.

Gewissheit im Winter 1942/43

Ende 1942 habe Papst Pius XII. Bescheid über die Existenz der Massenvernichtungslager Belzec und Auschwitz gewusst. Und im Winter 1942/43 sei die «Endlösung» der Judenfrage im Vatikan schreckliche Gewissheit geworden.

«Alle Versuche, das Schweigen Pius’ XII. mit seinem mangelnden Wissen über den Holocaust zu entschuldigen, werden durch die vatikanischen Akten eindeutig widerlegt», schreibt Wolf, der seit Jahrzehnten in den Archiven des Vatikans forscht. Seit fünf Jahren hat der Historiker Zugang zu den zuvor nicht einsehbaren Akten der vatikanischen Archive für die Zeit Pius’ XII.

Papst aus drei Quellen informiert

Der Papst sei auf dreifache Weise über die Entwicklung der Judenverfolgung informiert gewesen. Durch Hunderte von Berichten seiner diplomatischen Vertreter aus den einzelnen Ländern, durch rund 10’000 Bittschreiben jüdischer Menschen aus ganz Europa, die Pius XII. ihre Not und Verfolgung minutiös schilderten, und schliesslich durch ein geheimes jesuitisches Informationsnetzwerk, dessen Fäden beim Geheimsekretär des Papstes zusammenliefen.

Die vatikanischen Archive belegen auch, dass Pius XII. bereits während des Krieges zahlreiche Bitten erhielt, als Stellvertreter Christi auf Erden öffentlich gegen das Verbrechen der Shoa unter Nennung der Täter zu protestieren. Diese Bitten seien von allen Seiten gekommen, etwa von Diplomaten, Kurienkardinälen, Rabbinern, aber auch vielen Privatpersonen. Doch Pius XII. erhörte all diese Bitten nicht und schwieg beharrlich.

Strikte Neutralität

Als Gründe dafür seien oft seine angebliche Judenfeindschaft und sogar ein päpstlicher Antisemitismus angeführt worden, schreibt der Historiker. Dazu hat er allerdings keine Hinweise in den Archiven gefunden. Pius XII. habe nicht nur zur Ermordung der Juden geschwiegen, sondern auch nicht bei anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit protestiert. «Der erste Genozid, zu dem der Papst sich nicht äusserte, war die Ermordung von einer Million katholischer Polen durch die Deutschen in den Jahren 1939/40», schreibt Wolf.

Das Schweigen des Papstes müsse andere Gründe haben. «Diese erhellen aus innervatikanischen Diskussionen, die sich in internen Aktennotizen niedergeschlagen haben: Der Papst wollte über den Parteien stehen und strikte Neutralität wahren, zumal er nach seinem Selbstverständnis als ‹Padre comune› für Katholiken auf allen Seiten der Fronten da sein musste.» Laut Wolf fürchtete Pius XII., seine Äusserungen könnten von einer Kriegspartei instrumentalisiert werden. Weil er zum Genozid an den katholischen Polen geschwiegen hatte, habe er später nicht gegen den Genozid an den Juden protestieren können.

«Pius XII. war weder ‹Hitler’s Pope› noch der grösste Wohltäter des jüdischen Volkes.»

Ein weiterer Grund, der in den Quellen immer wieder angedeutet wurde, war offenbar die Sorge, dass öffentliche Proteste des Papstes die Lage der Juden nur noch schlimmer machen würden. Dokumentierte Gespräche, die der Historiker erwähnt, zeigen weiter, dass Pius XII. sich seines Schweigens und der damit verbundenen Probleme bewusst gewesen sei. «Es war ihm bewusst, dass er den Holocaust und die Täter eigentlich mit lauter Stimme verurteilen müsste.»

Das vorläufige Fazit des Kirchenhistorikers lautet: «Pius XII. war weder ‹Hitler’s Pope› noch der grösste Wohltäter des jüdischen Volkes. Die vatikanischen Quellen, die bisher ausgewertet werden konnten, verbieten eine Schwarz-Weiss-Malerei. Tausende von Schachteln harren noch der Bearbeitung und halten wahrscheinlich noch die eine oder andere Überraschung bereit.» (bal)


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