Der Abt des Klosters Saint-Maurice behält das Vertrauen des Vatikans – obwohl Rom den Geistlichen nach Belästigungsvorwürfen gerügt hatte. Die Betroffenenorganisationen sprechen von einem Rückschlag.
Missbrauchsopfer in der Schweiz haben mit Empörung auf die Rückkehr des Abtes von Saint-Maurice, Jean Scarcella, in sein Amt reagiert. Scarcella war nach Belästigungsvorwürfen vom Vatikan gerügt worden, durfte am vergangenen Sonntag jedoch die Leitung des traditionsreichen Klosters wieder übernehmen.
«Kulturwandel sieht definitiv anders aus! So kann kein Vertrauen geschaffen werden!», hiess es dazu am Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung der drei Betroffenenorganisationen IG-MikU (Deutschschweiz), SAPEC (Westschweiz) und GAVA (Tessin).
Die Rückkehr Scarcellas sei für Missbrauchsbetroffene verletzend und ein Rückschlag für all diejenigen Kirchenmitglieder, die aufrichtig an einem solchen Kulturwandel im Umgang mit sexuellen Übergriffen arbeiteten.
Die Betroffenenverbände betonten, die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Wallis habe die Einstellung diverser Verfahren rund um die Abtei Saint-Maurice 2024 ausdrücklich infolge Verjährung verfügt, «nicht weil die Vorwürfe unbegründet wären». Es sei deshalb unerklärlich, dass Scarcella die Einstellung der Ermittlungen gegen ihn als Anerkennung seiner moralischen Unschuld interpretiert habe.
«Abt Scarcella hätte es in der Hand gehabt, ein Vertrauen schaffendes Zeichen zu setzen, indem er das Amt nicht wieder aufnimmt.»
Der 73-Jährige hatte sich nach Bekanntgabe der Entscheidung der vatikanischen Bischofsbehörde erleichtert gezeigt: «Ich nehme das Vertrauen des Heiligen Stuhls mit Freude entgegen, der mir erlaubt, mein Amt als Abt wieder aufzunehmen, und ich danke meiner Gemeinde für ihre unerschütterliche Unterstützung», sagte Scarcella laut einer Mitteilung der Abtei am Dienstag.
Die Schweizer Bischofskonferenz, der Scarcella als Territorialabt nun wieder angehört, reagierte am Mittwoch mit einer knappen Mitteilung. Man habe die Entscheidung des Vatikans «zur Kenntnis genommen», hiess es.
Die Vertreter der Dachorganisation der Kantonalkirchen hingegen kritisierten den Schritt. «In Anbetracht der öffentlich verfügbaren Informationen über den Abt und verschiedene Mitglieder der Abtei St. Maurice im Unterwallis bedauern wir, dass Abt Jean Scarcella sich entschieden hat, sein Amt wieder aufzunehmen», schreiben Roland Loos, Präsident der RKZ und Urs Brosi, Generalsekretär der RKZ, in einer gemeinsamen Medienmitteilung.
«Denn einerseits sind viele Menschen, vor allem in der Westschweiz, unangenehm berührt durch das Wegwischen von Verantwortung. Andererseits beschädigt es die Glaubwürdigkeit der Massnahmen, welche die RKZ und die KOVOS zusammen mit der Schweizer Bischofskonferenz mit viel Engagement gegen den Missbrauch ergreifen, wenn Abt Scarcella wieder Mitglied dieser Bischofskonferenz wird.»
Nachdem im September 2023 Vorwürfe gegen Scarcella wegen sexueller Belästigung bekannt geworden waren, trat dieser vorübergehend zurück.
Im vergangenen Oktober rügte der Vatikan den Abt der Augustiner-Chorherren für unangemessenes Verhalten einem jungen Mann gegenüber. Gleichzeitig erklärte die zuständige Bischofsbehörde aber, es gebe «keine Beweise für Missbrauch oder Belästigung im eigentlichen Sinn». Dem Ordensmann wurde vorgeworfen, sich einem Jugendlichen gegenüber übergriffig verhalten zu haben. (kna/rp)
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