Rund 140 wahlberechtigte Kardinäle werden den neuen Papst wählen. Die grosse Frage lautet: Wird es jemand, der die Linie von Papst Franziskus mit eigenen Akzenten weiterführt oder jemand aus der nach wie vor bedeutenden konservativen Fraktion? Einer der Kompromisskandidaten ist der Schweizer Kurt Koch.
Francesco Papagni
Da Franziskus viele Geistliche aus der Peripherie in den Kardinalsstand erhoben hat, die schwer einzuschätzen sind, präsentiert sich die Lage der Papstkandidaten unübersichtlich. Bei der Wahl muss ein Kandidat mindestens zwei Drittel der Stimmen erhalten, um schliesslich gewählt zu werden. Wählen dürfen Kardinäle unter 80 Jahren, gewählt werden können auch ältere.
Ein bekanntes römisches Sprichwort lautet: Man geht als Papst ins Konklave und kommt als Kardinal wieder heraus. Und doch sind es oftmals nicht Aussenseiter, die gewählt werden, sondern Kardinäle, die schon vorher als wählbar erachtet wurden.
Schauen wir uns einmal die Namen an und beginnen wir bei den Italienern. Das Gewicht Italiens hat eindeutig abgenommen, dennoch stellt das Bel Paese nach wie vor einige bemerkenswerte Figuren. Namentlich Kardinal Zuppi aus Bologna und der Kardinalstaatssekretät Parolin werden als «papabili», also zum Papst wählbar, gehandelt.
Matteo Maria Zuppi ist der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz. International bekannt geworden ist er als Sondergesandter des Papstes im Ukrainekrieg. Er steht Sant’Egidio nahe, jener katholischen Bewegung, die vor allem in der Armenfürsorge und in der Friedensarbeit aktiv ist. Sie geniesst einen guten Ruf und dementsprechend Ansehen. Kirchenpolitisch gilt Zuppi als progressiver als der verstorbene Papst Franziskus.
Geistig entstammt er dem norditalienischen Sozialkatholizismus, der so bedeutende Figuren wie Papst Johannes XXIII. und Kardinal Martini hervorgebracht hat. Wahlchancen: Wenn das liberal-progressive Lager im Konklave überwiegen sollte, stehen Zuppis Chancen gut.
Pietro Parolin ist international bekannt als geschickter Vermittler der päpstlichen Politik. Als Ministerpräsident arbeitete er eng mit Papst Franziskus zusammen, ist aber kein Bergoglianer. Da er die Verhandlungen mit der Volksrepublik China geleitet hat, die zu einem umstrittenen Abkommen mit der Diktatur geführt haben, trifft ihn auch die Kritik daran.
Wahlchancen: Parolin ist ein Diplomat und der Kurieninsider schlechthin. Zudem ist er weltweit sehr gut vernetzt. Nur schon deswegen muss man mit ihm rechnen.
Unter den Nicht-Italienern in der Kurie sticht der Vorsteher der Glaubenskongregation Kardinal Fernandez hervor. Der Argentinier ist ein Super-Bergoglianer und hat in der mächtigen Behörde für einen liberaleren Kurs gesorgt. Damit hat er sich unter den Konservativen viele Gegner gemacht.
Er trägt die Mitverantwortung für «Fiducia supplicans», jenes Dokument, das die Segnung homosexueller Paare erlauben sollte und dann wegen des vehementen Protests vor allem aus Afrika teilweise zurückgenommen wurde. Wahlchancen: Als einer der Leader des Bergoglio-Lagers hat er Chancen, wenn die Progressiven sich durchsetzen können. Allerdings hat diese Fraktion einige qualifizierte Kandidaten, die sich nicht so stark exponiert haben wie Victor Manuel Fernandez, und deshalb unter den Unentschlossenen besser ankommen dürften.
Schon am letzten Konklave zirkulierte der Name von Kardinal Tagle aus Manila. Zeitweise schien Franziskus ihn als Nachfolger aufbauen zu wollen, bis der Papst ihn wegen Unregelmässigkeiten bei Caritas Internationalis aus dem Vorsitz dieser wichtigen Institution entliess.
Luis Antonio Tagle, der Kantonesisch als Muttersprache spricht, ist der bekannteste Kardinal Asiens und hat die Einigung mit dem chinesischen Regime begrüsst. Wahlchancen: Schwer zu sagen, inwieweit die Caritas Internationalis-Affäre ihm noch anhängt. Er bleibt wegen seiner Bekanntheit und seinem entschiedenen Eintreten für Mission ein Mann, mit dem man rechnen muss.
Der Luxemburger Jean-Claude Hollerich ist einem grossen Publikum bekannt geworden, weil er einer derjenigen war, die die Weltsynode organisiert und geleitet haben. Er steht damit für die Vision einer synodalen Kirche.
Wahlchancen: Hollerich ist jetzt auch Kardinälen von der Peripherie ein Begriff. Das erhöht seine Chancen.
Ebenfalls zum Feld der Bergoglianer gehört der interessante Jean-Marc Aveline aus Marseille. Als spanischstämmiger Algerien-Franzose verkörpert er geradezu musterhaft die Migrationsgeschichte vieler heutiger Menschen. Er soll eine Frohnatur sein und setzt sich im Nord-Süd-Dialog namentlich auch mit dem Islam auseinander.
Wahlchancen: Wenn man weiss, dass der Dialog mit dem Islam einer der Schwerpunkte des Papsttums von Franziskus gewesen ist – die Enzyklika «Fratelli Tutti» ist ein Niederschlag davon –, dann wäre Aveline die perfekte Besetzung, um diesen Dialog weiterzuführen. Allerdings sehen viele Kardinäle die Annäherung an den Islam kritisch.
Grosser Gegenspieler der Progressiven ist der erzkonservative Kurienkardinal Sarah. Vor kurzem ist er durch ein Essay im englischen «Catholic Herald» hervorgetreten, das im Januar 2025 auf Deutsch auch in der katholischen Wochenzeitung «Die Tagespost» erschienen ist. In diesem Artikel tritt er gegen Subjektivismus und Relativismus an, zwei Schlüsselbegriffe der Zeitkritik Joseph Ratzingers. Als Befürworter der Alten Messe punktet er im konservativen Lager.
Wahlchancen: Robert Sarah ist eine Leitfigur für all jene, die die Kirchenpolitik von Franziskus als Irrweg betrachten. Als Afrikaner hat er den Bonus aus einem Kontinent zu kommen, der für den Katholizismus immer wichtiger wird. Als Kurienkardinal ist er zudem ein Insider. Mit ihm ist zu rechnen.
Der andere afrikanische Kardinal, der als «papabile» gehandelt wird, ist Fridolin Ambongo Besungu aus Kinshasa. Er ist der Vorsitzende der afrikanischen Bischofskonferenzen und Mitglied des K9, dem von Papst Franziskus eingeführten Kardinalsrat. Besungu hat den Widerstand gegen die Segnung von homosexuellen Paaren angeführt, aber auch dem Papst einen Ausweg aus der Situation nahegelegt, nämlich den Bischofskonferenzen offen zu lassen, ob sie «Fiducia supplicans» anwenden wollen oder nicht.
Wahlchancen: Als profilierter Afrikaner repräsentiert er einen aufstrebenden Kontinent. Dennoch wäre ein schwarzer Papst eine Sensation.
Kardinal Erdö aus Budapest wird unter den Konservativen hoch gehandelt. Der Ungar ist ein weltgewandter Intellektueller mit einem ausgesprochenen Sinn für die Pastoral. Er hat sich in der Ökumene mit den Ostkirchen hervorgetan – ein Thema, das seit Johannes Paul II. wichtig ist und im jetzigen Moment noch an Bedeutung gewonnen hat.
Wahlchancen: Peter Erdö wäre ein Mittler zwischen West und Ost. Als gemässigt Konservativer ist er auch für viele Zentristen wählbar, das erhöht seine Chancen. Andererseits fragt es sich, ob die vielen neuen Kardinäle aus der Peripherie jemanden zum Papst wählen werden, der an die Pontifikate Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. anknüpfen würde.
Geringe Wahlchancen werden den beiden erzkonservativen Schwergewichten Gerhard Ludwig Müller und Raymond Leo Burke eingeräumt. Kardinal Burke hat Sympathien für Donald Trump bekundet, was ihn auch für Zentristen unwählbar macht.
Und was geschieht, wenn sich weder die Konservativen noch die Progressiven durchsetzen können? Setzt sich kein Feld durch, schlägt die Stunde der Kompromisskandidaten. Der Schweizer Kardinal Kurt Koch wäre eine solche Figur, die gute Beziehungen zu beiden Seiten pflegt.
Genannt wird auch der lateinische Patriarch von Jerusalem Pierbattista Pizzaballa. Er bewegt sich mit grossem Geschick in der äusserst schwierigen nahöstlichen Situation. Eine andere Möglichkeit wäre Kardinal Tolentino de Mendonça, der als Kulturminister des Vatikans amtet. Mit dem Portugiesen würde ein Poet und Intellektueller Papst.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wer-wird-der-naechste-papst-ein-blick-auf-das-kandidatenfeld/