Askese-Expertin: «Heute wird in der Gesellschaft mehr und strenger gefastet als in den Klöstern»

Isabelle Jonveaux (41) hat zu neuen Formen des Fastens geforscht. Im Interview mit kath.ch sagt die Religionssoziologin, was neu daran ist, wer diese Formen praktiziert und was sie über die Fastenpraxis in Klöstern herausgefunden hat.

Barbara Ludwig

Frau Jonveaux, Sie haben neue Formen des Fastens erforscht. Was ist denn neu bei diesen Formen des Fastens?

Isabelle Jonveaux*: In den letzten Jahrhunderten haben religiöse Institutionen vorgeschrieben, dass und wie gefastet werden muss. Man fastete, weil die Kirche das vorgab. Die neuen Formen des Fastens hingegen werden frei gewählt. Die Menschen entscheiden selbst, ob sie fasten oder nicht und wie sie es tun. Verändert hat sich zweitens das Ziel oder die Motivation.

«Man fastete zwar auch mit dem Körper, doch das Ziel war ein geistliches.»

Das christliche Fasten in Europa war hauptsächlich religiös motiviert. Man fastete zwar auch mit dem Körper, doch das Ziel war ein geistliches, nämlich Gott. Heute will man mit dem Fasten etwas für den eigenen Körper tun und seine Gesundheit. Heute ist die Idee einer ganzheitlichen Reinigung wichtig. Vom Verzicht auf Nahrung erhofft man sich eine Reinigung von Körper, Geist und Seele.

Sie haben die neuen Formen des Fastens also mit alten Fastentraditionen verglichen?

Jonveaux: Ich habe zunächst untersucht, wie asketisch heutige Mönche und Nonnen leben. Dabei habe ich festgestellt, dass die Mönche gar nicht so viel fasten. Die Mönche selbst haben den Eindruck, das Fasten sei im Kloster nicht mehr so wichtig. In der Benediktsregel heisst es zwar, dass man im Kloster eigentlich kein Fleisch isst und nur die Kranken Fleisch essen dürfen. Und trotzdem essen in den Benediktinerklöstern die Mönche heutzutage Fleisch. In Österreich gibt es Klöster, wo die Mönche sogar in der Fastenzeit Fleisch essen. Heute wird in der Gesellschaft mehr und strenger gefastet als in den Klöstern.

«Fleisch galt als Verstärker der sexuellen Energie.»

Haben Sie herausgefunden, warum das so ist?

Jonveaux: Ursprünglich bezog sich das Fleischfasten im Klosterleben sowohl auf sexuelle Enthaltsamkeit als auch auf Armut. Fleisch galt als Verstärker der sexuellen Energie, war aber auch, da teuer, ein Symbol für Macht und Reichtum. Heutzutage haben sich diese Ansichten geändert, und Fleisch ist manchmal billiger als Fisch. Ausserdem wird der Verzicht auf Fleisch nun stärker aus ökologischer Perspektive begründet.

Zurück zu den Formen des Fastens: Welche Unterschiede zwischen traditionellen und neuen Formen des Fastens haben Sie gefunden?

Jonveaux: Heutige Formen können den vollständigen Verzicht auf feste Nahrung beinhalten. Man nimmt nur Flüssigkeit zu sich, trinkt Gemüsebrühen, Säfte oder Tee. Die Ärzte Otto Buchinger und Hellmut Lützner haben diese Methode entwickelt beziehungsweise verbreitet.

«Die neuen Gruppen fasten auch am Sonntag.»

Unterdessen gibt es auch Christinnen und Christen sowie Mönche, die diese Art von Fasten in der Fastenzeit praktizieren. Ein weiterer Unterschied betrifft den Sonntag: Bei den Katholiken muss am Sonntag während der Fastenzeit nicht gefastet werden. Wichtiger ist, an diesem Tag die Auferstehung Christi zu feiern. Doch die neuen Gruppen fasten auch am Sonntag.

Wieso?

Jonveaux: Ein Unterbruch würde dazu führen, dass die positiven Wirkungen des Fastens verloren gehen.

Können Sie ein Beispiel für eine solche positive Wirkung nennen?

 Jonveaux: Man sagt, dass diese Form von Fasten dazu beiträgt, den Körpern zu reinigen, und ihm ganz viel Energie bringt. Es trainiert den Stoffwechsel und ist gut für die Zellerneuerung.

Wer praktiziert die neuen Formen des Fastens?

Jonveaux: Ganz unterschiedliche Menschen. Zum Beispiel Katholikinnen und Katholiken, die versuchen, den Körper in ihre religiöse Praxis zu integrieren, ihren Glauben auch körperlich zu erleben.

Dann gibt es auch Menschen, die an neuen Formen von Spiritualität interessiert sind. Das sind eher Frauen über 50. Viele von ihnen haben eine Lebenskrise durchgemacht, nach einem Todesfall in der Familie, wegen einer schweren Krankheit oder weil sie ihren Job verloren haben.

Für eine weitere Gruppe von Menschen gehört das Fasten zur persönlichen Entwicklung. Das sind nicht unbedingt Leute, die eine Krise hatten. Sie sind vielmehr auf der Suche nach sich selbst und glauben, dass ihnen das Fasten dabei hilft. Im Allgemeinen haben Menschen, die fasten, eine höhere Bildung. Und es sind Menschen, die sich das leisten können – nicht solche, die sich ständig fragen, ob das Geld noch bis Ende Monat reicht.

Sie haben über die neuen Formen des Fastens Ihre Habilitationsschrift verfasst. Woher das grosse Interesse an diesem Thema?

Jonveaux: Das hängt ursprünglich mit meiner Dissertation über Klosterwirtschaft und Arbeit im Kloster zusammen. Bei der Arbeit daran habe ich festgestellt, dass die Mönche nie über Askese sprachen. Das gab den Anstoss, die Entwicklung der klösterlichen Askese zu erforschen. Dabei hat sich – wie vorhin erwähnt – gezeigt, dass die Mönche nicht mehr fasten, das Fasten hingegen in der Gesellschaft im Trend ist. Und so kam ich auf die Idee, die neuen Formen des Fastens in der Gesellschaft zu untersuchen.

«Die neuen Formen des Fastens finden nun auch den Weg in die Klöster.»

Ich kam also von den Klöstern zur Gesellschaft. Und heute stelle ich fest, dass die neuen Formen des Fastens nun auch den Weg in die Klöster finden. Zum einen bieten externe Trainer Fastenwochen im Kloster an. Zum andern tun dies auch Mönche und Ordensfrauen. Sie haben das Fasten wieder entdeckt und wollen es im Kloster praktizieren.

*Isabelle Jonveaux (41) ist Religionswissenschaftlerin und Religionssoziologin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem das Klosterleben in Europa und Afrika sowie neue Formen von Askese. Seit September 2023 ist die gebürtige Französin Leiterin des SPI Suisse Romande in Lausanne. Kürzlich wurde Jonveaux an den Lehrstuhl für Globales Christentum und interreligiöse Theologie der Universität Freiburg berufen.


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