Ortstermin Sakristei: Wo und wie der neue St. Galler Bischof gewählt wird

Endlich hat Rom die Kandidatenliste für die Wahl des St. Galler Bischofs ans Domkapitel zurückgeschickt. Wahltag ist am 23. April. Die Wahl durch das Domkapitel findet seit jeher in der Sakristei der Kathedrale statt. Warum das so ist, sagt Domdekan Guido Scherrer beim Augenschein vor Ort.

Barbara Ludwig

Beim Besuch an einem Tag im Februar ist es noch ziemlich kalt hinter den dicken Mauern des St. Galler Doms. Die Sakristei befindet sich ganz vorne an der Spitze der ehemaligen Stiftskirche, am Fusse der beiden Kirchtürme. Ein annähernd halbkreisförmiger Barocksaal mit dunklen Holzschränken, Stuckaturen und einem grossen Deckengemälde. Tageslicht dringt aus drei schmalen Fenstern in den Raum, in dem Kelche, Hostienschalen und Messbücher aufbewahrt werden.

Hier wählen am 23. April die Domherren den künftigen St. Galler Bischof. Knapp fünf Monate sind vergangen, seit Markus Büchel Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten hat. Unterdessen ist die vom Domkapitel erstellte Sechserliste für die Nachfolge in Rom geprüft und ans Wahlgremium zurückgeschickt worden.

Päpstliche Zustimmung nötig

Wer im Falle einer Wahl eine Ernennung erhält oder faktisch gestrichen wurde, bleibt ebenso geheim wie die Wahlliste insgesamt. Gestrichenen Priestern verweigert der Papst die Anerkennung. Deshalb könnten sie vom Domkapitel nicht gewählt werden, sagt Domdekan Guido Scherrer (*1960) beim Besuch von kath.ch vor Ort. Seit 1938 ist das Recht der freien Bischofswahl des St. Galler Domkapitels nämlich eingeschränkt.

Der Toggenburger hat bereits an der Wahl von Büchel teilgenommen, nun ist er zum zweiten Mal als Bischofswähler mit dabei. Doch warum findet die Wahl in der Sakristei statt? Es gäbe doch bestimmt genug andere Lokalitäten im Stiftsbezirk, der nebst der Kathedrale verschiedene ehemalige Konventbauten umfasst.

Volk begleitet Wahl mit Gebet

«Das hat wohl damit zu tun, dass in St. Gallen das Volk jeweils die Wahl mit seinem Gebet begleitet. Noch heute ist es so, dass sich das Domkapitel am Wahltag in der Kathedrale versammelt und gemeinsam mit den Gläubigen für eine gute Wahl betet», sagt Scherrer. Der Anlass beginnt um halb drei Uhr nachmittags. Domherren und Gläubige werden Lieder mit Psalmtexten singen und Fürbittgebete sprechen. Gegen drei Uhr ziehen sich die Domherren in die Sakristei zurück, um den neuen Bischof zu wählen, während das Volk im Gebet versammelt bleibt.

Früher sei das Domkapitel nach dem Wahlakt wieder in die Kathedrale gezogen, um den Gläubigen den Namen des soeben Gewählten zu verkünden, erzählt Guido Scherrer. Doch dies geschah letztmals 1976 bei der Wahl von Otmar Mäder (1921-2003). Seither besteht der Vatikan darauf, dass die Ernennung durch den Papst abgewartet wird, bevor die Öffentlichkeit informiert wird. «St. Gallen wählt und der Papst ernennt», dies sei nun mal der Standpunkt Roms, so der Domdekan.

Kelch dient als Wahlurne

Am Wahltag werden in der Sakristei Tische aufgestellt für die 13 Domherren. Domdekan Scherrer wird am einen Kopfende Platz nehmen. Ein weiteres Tischchen kommt in die Nische des mittleren Fensters. Darauf wird der Kelch platziert, in den die Domherren die Wahlzettel einwerfen. Nach dem Einzug der Domherren in den barocken Saal werden zwei Stimmenzähler bestimmt, Domdekan Scherrer wird eine Ansprache halten.

Anschliessend legen die Domherren einen Eid ab. «Darin gelobt ein jeder, dass er jenen wählen wird, von dem er überzeugt ist, dass er der Beste sei; dass er nicht auf freundschaftliche oder verwandtschaftliche Beziehungen achtet. Und dass er sicher den nicht wählen wird, von dem er weiss, dass er für seine Wahl gearbeitet hat», sagt Scherrer. Dann beginnt die Wahl.

Absolutes Mehr nötig

Wie lange sie dauern wird, kann der Domdekan nicht sagen. «Beim letzten Mal brachte bereits der erste Wahlgang das Resultat.» Ob der Nachfolger von Markus Büchel auch so schnell oder erst nach mehreren Wahlgängen gewählt wird, darüber lässt sich nur spekulieren. Klar ist einzig: Es braucht das absolute Mehr, um zum Bischof von St. Gallen gewählt zu werden. Sind alle 13 Domherren anwesend, wären dies sieben Stimmen. Sollte einer der Domherren sich entschuldigt haben – etwa wegen Krankheit, findet die Wahl trotzdem statt.

Abgesehen von der Ansprache hat der Domdekan keine besondere Rolle bei dem Geschehen in der Sakristei. Seine Aufgabe ist es jedoch, die Einladungen an die Domherren zu verschicken und den Wahltermin zu koordinieren.

Domkapitel darf «mindergenehme» wählen

Gleichentags, noch vor der Bischofswahl, trifft sich nämlich auch das Katholische Kollegium, das Kirchenparlament des Katholischen Konfessionsteils. Es kann in einer Abstimmung maximal drei Kandidaten als «mindergenehm» erklären und damit signalisieren, dass es diese nicht gerne als Bischof von St. Gallen sähe.

Die Stellungnahme des Kirchenparlaments geht anschliessend noch vor der Wahl ans Domkapitel. «Das Domkapitel darf die Mindergenehmen aber trotzdem wählen, falls keine anderen übrig wären – im Gegensatz zu den Kandidaten, die Rom gestrichen hat», sagt Scherrer.

Geheime Wahl

Sich selbst die Stimme geben, ist aus Sicht von Scherrer unzulässig. «Dies würde dem Wahleid widersprechen», ist er überzeugt. Die Domherren geben ihre Stimme geheim ab. «Sie bekommen einen Wahlzettel mit den Namen der Kandidaten und kreuzen ihren Favoriten mit Bleistift an. So kann man verhindern, dass später aufgrund der Schrift Rückschlüsse gezogen werden, wer wen gewählt hat.» Bei der letzten Bischofswahl hat es laut Scherrer keine Diskussionen mehr über die Kandidaten gegeben. Ausgeschlossen sei dies aber nicht, etwa wenn es zu einer Pattsituation käme.

«Es könnte ja sein, dass einer unterdessen kalte Füsse bekommen hat.»

Nach erfolgreicher Wahl wird Markus Büchel als nunmehr emeritierter Bischof in die Sakristei gerufen, um den frisch gekürten Bischof zu fragen, ob er das Amt annehme. «Die Statuten schreiben dies zwar nicht vor. Aber es ist eine Ehre für ihn, diese Frage stellen zu dürfen», sagt Scherrer. Die Kandidaten auf der Sechserliste haben zwar schon versichert, sie würden das Amt im Falle einer Wahl annehmen. Trotzdem ist das Ritual mehr als Formsache. «Es könnte ja sein, dass einer unterdessen kalte Füsse bekommen hat», erklärt der Domdekan.

Nicht-Domherren warten an geheimem Ort

Und wie läuft es, wenn der Gewählte nicht Domherr ist und sich am Wahltag nicht in der Sakristei befindet? Auch das ist möglich, hat jedoch Seltenheitswert. Bislang gehörten nämlich bis auf zwei alle bisherigen St. Galler Bischöfe vor ihrer Wahl dem Domkapitel an.

Früher hätten diese Kandidaten in der Wohnung des Domdekans auf das Wahlergebnis gewartet, erzählt Scherrer. Auf die Frage der Journalistin, wo sie denn am kommenden Wahltag das Resultat erwarten, sagt Scherrer: «Das kommunizieren wir nicht.»

Sichere Übermittlung an Nuntius

Hat der Kandidat angenommen, werden die Wahlprotokolle in deutscher und lateinischer Sprache unterzeichnet und mit einer sicheren Übertragungsmethode an den päpstlichen Botschafter in der Schweiz, Erzbischof Martin Krebs, übermittelt. Ganz bestimmt nicht per Telefon, sondern über einen von Diplomaten genutzten Kanal, sagt Scherrer. Die Öffentlichkeit darf erst nach der Ernennung durch den Papst erfahren, wer der neue Bischof von St. Gallen ist. «Wir müssen garantieren, dass der richtige Name genannt wird. Falschmeldungen wären für alle Beteiligten peinlich», sagt Scherrer.


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