Kardinal Koch: «Die Einheit der Christen ist der Wille von Jesus Christus»

Der Schweizer Kardinal Kurt Koch setzt sich als Präfekt des Dikasteriums für die Förderung der Einheit der Christen ein. Erschwerend sind aktuelle Spannungen in der orthodoxen Kirche aufgrund des Ukraine-Kriegs. Der Kardinal empfängt auch Schweizerinnen und Schweizer in Rom. Ein Gespräch vor seinem 75. Geburtstag.

Regula Pfeifer

Wie feiern Sie Ihren 75. Geburtstag am 15. März?

Kardinal Kurt Koch: Ich werde den Geburtstag nicht gross feiern. Denn bis am Tag davor dauern die Exerzitien an der römischen Kurie, an denen ich selbstverständlich teilnehme. Was am 15. ist, weiss ich noch nicht genau.

«Die unmittelbare Begegnung ist viel wichtiger und auch fruchtbarer.»

Sie sind seit 2010 Kurienkardinal in Rom. Wie leben Sie als Kurienkardinal und Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen?

Koch: Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, ob ich in Rom bin oder nicht. In Rom bin ich viel im Büro, habe viele Gespräche und Begegnungen und führe eine grosse Korrespondenz. Ganz anders sieht es aus, wenn ich auswärts bin. Ich reise viel, weil man Gespräche und Dialoge nicht am Pult führen kann, sondern nur, indem man den Menschen begegnet. Sogenannte Zoom-Sitzungen sind nur in der Not ein Ersatz. Die unmittelbare Begegnung ist viel wichtiger und auch fruchtbarer.

Was bedeutet Ihnen diese Aufgabe zugunsten der Einheit der Christen?

Koch: Es ist der Wille von Jesus Christus, wie man es in seinem Hohepriesterlichen Gebet im 17. Kapitel des Johannesevangeliums liest. Da betet Jesus, dass seine Jünger eins seien, damit die Welt glaubt, dass er gesandt ist in die Welt. Das ist der Wille von Jesus und dazu gibt es keine Alternative als die zu versuchen, mit unseren Kräften dazu beizutragen.

Wo sehen Sie Ihren bisher grössten Erfolg?

Koch: Martin Buber, der österreichisch-israelisch jüdische Religionsphilosoph, hat einmal gesagt: Erfolg ist keiner der Namen Gottes. Auch die Einheit der Christen ist nicht etwas, was wir einfach machen könnten. Vielmehr ist sie letztlich ein Geschenk des Heiligen Geistes. Die beste Vorbereitung dafür ist das Gebet. Wir müssen alle Kräfte einsetzen, damit das gelingt. Aber letztlich ist es ein Geschenk.

So verhält es sich auch bei menschlichen Beziehungen: Menschen müssen dabei viel investieren. Man spricht heute oft von Beziehungsarbeit. Aber ob eine Beziehung wirklich gelingt, hat man letztlich auch nicht in der Hand. Dasselbe gilt für die Einheit der Christen: Es braucht all unsere Arbeit, unsere Anstrengung, unser Bemühen. Aber die Einheit ist letztlich ein Geschenk des Heiligen Geistes. Dafür müssen wir immer wieder beten.

«Im Gespräch mit den orthodoxen Kirchen ist der Konflikt immer präsent.»

Wo liegt die Schwierigkeit im Moment auf dem Weg zur Einheit der Christen? Wo harzt es?

Koch: Bezüglich den Ostkirchen sind wir im Dikasterium aktuell auch mit den Spannungen innerhalb der orthodoxen Welt konfrontiert, vor allem zwischen dem russisch-orthodoxen Patriarchat von Moskau und dem ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel. Nachdem der ökumenische Patriarch Bartholomaios die Autokephalie, die Unabhängigkeit der Kirche, in der Ukraine erklärt hat, hat Moskau die Beziehungen mit Konstantinopel abgebrochen. Dies überschattet auch unseren Dialog mit den orthodoxen Kirchen. Die Orthodoxen wünschten, dass wir keine bilateralen Gespräche führen, sondern multilaterale, also mit allen orthodoxen Kirchen. Damit ist der Konflikt immer präsent.

Bei den westlichen christlichen Kirchen besteht die grosse Herausforderung darin, dass wir noch kein gemeinsames Ziel für die Ökumene haben. Wir haben über verschiedene Glaubensfragen einen Konsens finden können. Aber was eigentlich das Ziel ist, was Einheit bedeuten würde und wie viel Einheit möglich und nötig ist: Darüber gibt es noch keinen Konsens. Darüber müssen wir weiterreden.

«Ich habe in Horw noch einen Bruder.»

Wie sind Sie noch mit der Schweiz verbunden?

Koch: Ich habe immer wieder Besuche aus der Schweiz. Wenn einzelne Schweizerinnen oder Schweizer mir schreiben und anfragen, ob sie mich treffen können, mache ich das gern, sofern es mir möglich ist. Dann habe ich in Horw noch einen Bruder. Ich versuche, ihn wieder einmal zu besuchen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft, persönlich oder in Sachen Einheit der Kirchen?

Koch: Persönlich wünsche ich mir, dass mir weitere Gesundheit geschenkt wird. Damit ich noch einiges tun kann im Dienst der Verkündigung des Evangeliums.

Was die Einheit der Kirchen betrifft, hoffe ich, dass wir immer wieder neue Schritte dahin machen können. Wir haben zwei grosse Ereignisse vor uns. Einerseits das 1700-Jahr-Gedenken ans Konzil von Nizäa. Das hat 325 nach Christi Geburt stattgefunden, also in einer Zeit, da die Kirche noch nicht durch die vielen Spaltungen verwundet war. Darum können alle christlichen Kirchen und Gemeinschaften das Gedenken gemeinsam begehen. Das Konzil von Nizäa hat den gemeinsamen christlichen Glauben verkündet, also dass Jesus Christus Gottes Sohn und wesensgleich mit dem Vater ist. Es wäre eine gute Gelegenheit und ein wesentlicher Schritt, gemeinsam das Gedenken ans Konzil zu begehen und gemeinsam den christlichen Glauben zu verkünden.

Im Jahr 2030 feiern wir 500 Jahre Augsburger Reichstag und Verkündigung des Augsburger Bekenntnisses, der «Confessio Augustana». Das war damals der letzte Versuch, die Einheit der Christenheit noch zu retten. Ich denke: Wenn wir heute die «Confessio Augustana» wieder gemeinsam lesen würden, dann ergäben sich daraus neue Möglichkeiten von mehr Einheit unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/kardinal-koch-wir-muessen-alle-kraefte-einsetzen-aber-letztlich-ist-die-einheit-ein-geschenk/