Vor gut einem Monat hat die Diözese Bozen-Brixen eine unabhängige Studie zum Umgang mit Missbrauchsfällen veröffentlicht. Seither haben sich mehr als 20 Betroffene an die diözesane Ombudsstelle gewandt. Eine Fachgruppe überprüft beschuldigte Priester.
Weitere Meldungen seien über andere Kontaktstellen eingegangen, teilte die Südtiroler Diözese am Donnerstag mit. Die meisten der berichteten Fälle lägen 30 bis 60 Jahre zurück.
«Jede Meldung wird kompetent und vertraulich bearbeitet und an die zuständigen diözesanen oder ordensgemeinschaftlichen Stellen weitergeleitet», versicherte die Diözese. «Die Betroffenen erhalten je nach Bedarf psychotherapeutische, rechtliche und spirituelle Unterstützung.»
Mit dem Gutachten zum Umgang mit Missbrauchsfällen in der Diözese Bozen-Brixen seit Mitte der 1960er Jahre hatte Ortsbischof Ivo Muser der Münchner Kanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl (WSW) beauftragt. Gleich mit der Veröffentlichung hatte er auch weitere Massnahmen zur Aufarbeitung angekündigt. Ausdrücklich ermutigte er zudem Missbrauchsbetroffene erneut, sich bei diözesanen Einrichtungen oder unabhängigen Stellen zu melden.
Unmittelbar nach der Präsentation des WSW-Gutachtens war eine interdisziplinäre Fachgruppe eingerichtet worden. Diese überprüfe derzeit die Situation von 14 noch lebenden Priestern, die des Missbrauchs beschuldigt werden, und erarbeite Massnahmen, die dem Bischof zur Entscheidung vorgelegt werden, gab die Diözese am Donnerstag ebenfalls bekannt.
Die Mehrheit der betroffenen Priester sei betagt und seit längerer Zeit nicht mehr im Dienst. Drei externe und drei interne Fachleuten – darunter eine Rechtsanwältin, eine Psychotherapeutin und ein Psychiater – bilden die interdisziplinäre Fachgruppe. «Ihre Aufgabe ist es, Massnahmen im Rahmen kirchlicher und zivilrechtlicher Vorgaben sowie pastoraler Erfordernisse zu erarbeiten», hiess es in der Mitteilung.
Die Überprüfung jedes einzelnen Falls sei aufwändig und erfordere eine differenzierte Herangehensweise. Als mögliche Massnahmen nannte die Diözese unter anderem das Verbot, öffentliche Gottesdienste zu feiern, eine psychologische Begleitung, die Einschränkung seelsorglicher Tätigkeiten, insbesondere im Kontakt mit Kindern und Jugendlichen, oder ein Monitoring durch beauftragte Personen mit regelmässigen Rückmeldungen. Bisher habe die Fachgruppe die Situation von sechs Priestern untersucht.
Die beschuldigten Priester würden über die Massnahmen informiert und zur Einhaltung verpflichtet, so die Diözese. Ebenso sollen die Verantwortlichen der betroffenen Pfarrgemeinden und Einrichtungen entsprechende Mitteilungen erhalten.
Als erste Diözese Italiens hatte die Diözese Bozen-Brixen am 20. Januar eine den Zeitraum von 1964 bis 2023 umfassende unabhängige Untersuchung zu Missbrauchsfällen in ihrem Bereich vorgelegt, die auch Empfehlungen zur Stärkung der Belange der Betroffenen, zum Umgang mit Beschuldigten und Tätern und präventiven Massnahmen enthält.
Für die vergangenen 60 Jahre ermittelten die Gutachter 67 Missbrauchsfälle und 59 Betroffene zwischen 8 und 14 Jahren. Hinzu kommen weitere 16 Fälle, die ungeklärt blieben. Von den 41 beschuldigten Priestern wurden bei 29 die Vorwürfe mit hoher Wahrscheinlichkeit oder sicher nachgewiesen.
Das mehr als 600 Seiten umfassende WSW-Gutachten ist Teil des mehrjährigen Projekts «Mut zum Hinsehen», bei dem Missbrauchsfälle im kirchlichen Bereich und ihr Umgang damit aufgearbeitet sowie die Prävention von Missbrauch in der Diözese weiter verbessert werden soll. Eine Ombudsstelle der Diözese für Missbrauchsfälle gibt es in der Südtiroler Diözese seit dem Jahr 2010. (kap)
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https://www.kath.ch/newsd/nach-bozner-missbrauchsstudie-beschuldigte-priester-werden-ueberprueft/