Morgen jährt sich der Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine zum dritten Mal. SRF-Radioprediger Peter Zürn macht sich in seiner Predigt Gedanken über Trümmer und Träumen, über Widerstand und Hoffnung und er ruft den Zuhörenden in Erinnerung, «Erinnere dich an das Gute, das Widerständige, das Befreiende.»
Peter Zürn*
«Texte zwischen Trümmern und Träumen». Das ist der Untertitel des neuen Buches von Jacqueline Keune, der Dichterin und Theologin aus Luzern, das in diesen Tagen erscheint.
Viele der Texte in diesem Buch sind entstanden angesichts des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Der gewaltsame Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine jährt sich morgen zum dritten Mal. Aber auch andere Erfahrungen in unserer Welt liegen den Gedichten und Gebeten des Buches zugrunde. Jacqueline Keune fragt:
Wie die Hoffnung nicht verlieren
in einer Welt
in der die Trümmer an die Wolken kratzen
in der die Bäume nach Atem ringen
die Gletscher sich verabschieden?
Wie noch an das Gute glauben
in einer Welt
in der die Gier keine Scham kennt
in der die Lüge den Sieg davon trägt
die Kriegsverbrecher ungeschoren bleiben?
Wie am Vertrauen festhalten
in einer Welt
in der die Menschlichkeit im Meer ertrinkt
in der die Hand den Müll durchwühlt
die Solidarität zerbricht?
Und wie nicht am Vertrauen festhalten
in einer Welt
die in Güte gründet
die in Verheissung wurzelt –
Alle Trauer getröstet
alle Tränen getrocknet
alle Wunden geheilt.
Das ist einer der «Texte zwischen Trümmern und Träumen». Trotz aller Nacht: Es werden wieder Tage sein. «Es werden wieder Tage sein» – das ist der Titel des Buches. Ich glaube, dass Titel und Untertitel des Buches von Jacqueline Keune auch die Bibel ganz gut beschreiben. Von der Bibel sind ihre Gedichte und Gebete ganz stark geprägt. Auch die Texte der Bibel sind Texte zwischen Trümmern und Träumen.
Die Texte des neuen Testamentes entstehen nach dem Tod Jesu am Kreuz. Menschen hatten in ihn Hoffnungen gesetzt, mit ihm Erfahrungen von aufrechtem Gang und heilsamem Miteinander, von Gottes Nähe gemacht. Alle Hoffnungen in Trümmern. Mehr noch: Die Kreuzigung, diese entsetzliche Hinrichtungsart, drohte allen, die sich gegen die Herrschaft des römischen Imperiums stellten. Sie sollte den Opfern alle Würde nehmen und den Überlebenden jeden Mut zum Widerstand. Die Herrschenden zertrümmern, was ihrer Macht im Wege steht. Die Texte des Neuen Testamentes versuchen, dem zu widerstehen. Sie geben die Würde der Opfer nicht auf. Gott ist beim Gekreuzigten, bei diesem einen und bei allen. Die Gewalt und der Tod haben nicht das letzte Wort. Der Gekreuzigte ersteht zu neuem Leben. Die Hoffnung lebt. Worte werden erinnert. Geschichten entstehen. Briefe gehen hin und her und verbinden Menschen. Texte zwischen Trümmern und Träumen.
Grössere Schriften wie die Evangelien entstehen wohl erst später. Und wieder in Trümmerlandschaften. Sie entstehen nach einem jüdischen Aufstand gegen das römische Imperium, der brutal wiedergeschlagen wurde. Die Legionen Roms ziehen durch Galiläa und nach Jerusalem, verbrennen, ermorden, vergewaltigen, versklaven Tausendfach. Ich stelle mir Jerusalem damals vor wie Gaza heute.
Was soll der Glaube an die Auferstehung eines Einzelnen angesichts der Zehntausenden Toten?
Die Evangelien versuchen sich dieser Frage zu stellen und trotzdem die Hoffnung und das Vertrauen ins Leben nicht zu verlieren. Es nach und nach wieder aufzubauen. Die Jesusgeschichten erzählen von Begegnungen mit von Krieg und Gewalt traumatisierten Menschen. Sie fragen, was trotz allem und gerade jetzt heilsam sein kann. Es sind Texte zwischen Trümmern und Träumen. Und das gilt nicht nur für die christliche Bibel.
Es gilt auch für die jüdische Bibel. Auch die entstand zwischen Trümmern und Träumen. Nach der Zerstörung Jerusalems durch die babylonische Armee und der Deportation vieler Menschen ins Exil. Der Tempel und die Stadt zerstört, das Land verloren, angesichts dieser Trümmer hätte es vorbei sein können mit dem Glauben an Gott. Aber aus den überlieferten Worten und Geschichten wird jetzt ein Buch. Sie werden gesammelt, neu gedeutet, neue entstehen. Die Geschichte von der Erschaffung von Himmel und Erde in sieben Tagen zum Beispiel. Aus der Erde, die wüst und wirr ist, entsteht eine neue Welt, die Raum bietet für alle in all ihrer Vielfalt. Von der die Menschen ein Teil sind und für die sie besondere Verantwortung übernehmen. Gott sieht, dass das gut ist. Und in Menschen wächst wieder Vertrauen. Sie setzen die Geschichte sogar an den Anfang der Heiligen Schrift. Als Ouvertüre in der alles schon anklingt, was nachher entfaltet wird. Es geht um die Welt, die in Güte gründet.
Trauernde werden getröstet. Tränen werden getrocknet, Wunden heilen. Daraus wächst die Verheissung, dass das für alle gilt. Alle Trauer getröstet, alle Tränen getrocknet, alle Wunden geheilt. Eine Welt, die in Güte gründet, die in Verheissung wurzelt. Angesichts der Trümmer in dieser Welt und in unserem Leben bewahrt die Bibel die Erinnerung an diesen grossen Traum.
Erinnere dich, gedenke, hebräisch zachor! Ist ein immer wiederkehrender Aufruf in der Bibel.
Erinnere dich – auch an entsetzliche Verbrechen und Gewalttaten. Verschliess davor die Augen nicht. Wir tun das in diesen Tagen. Aber vor allem: Erinnere dich an das Gute, das Widerständige, das Befreiende. In der Bibel ist das in der Erinnerung an den Exodus verdichtet, an die Befreiung aus der Versklavung durch den Pharao in Ägypten. Der Pharao und Ägypten stehen stellvertretend für alle Gewalttäter und Unterdrücker durch die Geschichte hindurch. In der Geschichte des jüdischen Volkes für das römische Imperium, für die christliche Kirche, die lange, viel zu lange von Antisemitismus geprägt war und besonders für den deutschen Nationalsozialismus. Aber auch in den Liedern versklavter Menschen für die Profiteure des transatlantischen Sklavenhandels. Go down Moses, go down to egypts land, tell ole pharao, let my people go, heisst es in einem der bekanntesten Gospel. Gott führt aus Versklavung heraus, weil Gott Menschen will, die in Freiheit und in solidarischer Verbundenheit leben. Miteinander und mit der ganzen Schöpfung. An Erfahrungen, in denen das Wirklichkeit wurde, sollen wir uns erinnern, denn das Gute und Befreiende vergessen wir allzu leicht. Und so viel spricht dagegen.
Wie die Hoffnung nicht verlieren
in einer Welt
in der die Trümmer an die Wolken kratzen
in der die Bäume nach Atem ringen
die Gletscher sich verabschieden?
Wir noch an das Gute glauben
in einer Welt
in der die Gier keine Scham kennt
in der die Lüge den Sieg davon trägt
die Kriegsverbrecher ungeschoren bleiben?
Wie am Vertrauen festhalten
in einer Welt
in der die Menschlichkeit im Meer ertrinkt
in der die Hand den Müll durchwühlt
die Solidarität zerbricht?
Und wie nicht am Vertrauen festhalten
in einer Welt
die in Güte gründet
die in Verheissung wurzelt –
Alle Trauer getröstet
alle Tränen getrocknet
alle Wunden geheilt.
Das Gedicht von Jacqueline Keune hat noch eine letzte Zeile. Es ist eine Zeile, die in der Bibel immer wieder vorkommt: Fürchte dich nicht.
Trotz der Güte in der alles gründet, trotz der Verheissung, in der alles wurzelt, fürchten wir uns offenbar. So sehr, dass uns immer fremder wird, was für die Bibel so wichtig ist: Gott sieht, dass es gut ist, wenn alle leben können und Menschen Verantwortung dafür übernehmen. Gott ist bei den Gekreuzigten und ihrer Würde. Wovor fürchten wir uns? Ich glaube, diese Frage ist entscheidend in unseren Tagen. Die Frage verbindet uns mit den Menschen der Bibel. Denn auch die sagen sich immer wieder: Fürchte dich nicht Und geben dieser Ermutigung als Wort Gottes besonderes Gewicht. Sich zu fürchten ist menschlich. Zuzugeben, dass wir uns fürchten, ist verbindend. Auch früher haben viele Menschen es nicht gewagt, über die Furcht hinauszugehen. Haben die Augen geschlossen. Haben die Hoffnung aufgegeben. Haben für sich das Beste herausgeholt. Die Menschen der Bibel sind wie wir. Aber sie haben etwas bewahrt, was über sie und ihre Furcht hinausging. Und Wunder möglich macht. Wir sind trotz aller Entfremdung noch immer geprägt von diesem biblischen Erbe. Es prägt immer noch unsere Kultur. Es lädt immer noch und immer wieder ein. Erinnere dich. Und fürchte dich nicht.
*Peter Zürn ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in Klingnau.
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