Regelmässig zu Hochfesten oder jetzt zusammen mit dem Ausrufen eines Heiligen Jahres taucht der Ablass auf. Es ist ein altes Kleid mit lauter Flicken. Passen die Flicken? Können sie das alte Kleid retten? Oder reissen sie wieder ab und hinterlassen zugleich im alten Kleid einen noch grösseren Riss (vgl. Mt 9,16)? Das fragt sich Eva-Maria Faber in ihrem Gastkommentar für kath.ch.
Eva-Maria Faber*
«Der Ablass ist Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind», so lautet die kirchliche Definition, die im Katechismus der katholischen Kirche nachzulesen ist (Nr. 1471). Sie unterscheidet Schuld und Strafe in der Einsicht, dass jede Sünde – jede böse und als böse gewollte Einstellung, Haltung, Tat – Ursprung einer mehrschichtigen negativen Wirklichkeit ist.
Zu unterscheiden ist die Schuld von den mit der Sünde angerichteten negativen Sündenfolgen. Die Schuld löst bestenfalls Reue aus und bedarf der Vergebung. Der Ablass dient nicht der Vergebung, sondern zielt auf die Sündenfolgen, die mit der Vergebung nicht ausgelöscht sind und nach Bearbeitung verlangen. Die Definition des Ablasses spricht hierfür von Strafe, worauf gleich zurückzukommen ist.
Die Unterscheidung von Schuld und Sündenfolgen hat Voraussetzungen in der Praxis des Sakraments der Versöhnung, wie es sich lange vor dem Ablass gestaltete. Denn auch dieses Sakrament unterscheidet die zugesprochene Vergebung der Schuld (heute durch die Lossprechung) von einer aufgetragenen Wiedergutmachung (in Bussauflagen). Solche Bussauflagen hatten zu manchen Zeiten hohes Gewicht, bis dahin, dass das Sakrament selbst als «Busssakrament» galt.
Im Laufe der Zeit entwickelten sich Praktiken, das geforderte Busswerk (zum Beispiel eine lange Busszeit oder die die Auflage einer aufwändigen und gefährlichen Wallfahrt) aufgrund der Fürsprache von angesehenen Christen abzumildern oder sogar zu delegieren. Formen der Solidarität wurden möglich. Sehr früh wurde solche Solidarität auch über den Tod hinaus praktiziert, insofern die Kirche für Verstorbene, die offenkundig oder eventuell ihre Bussleistungen noch nicht erbracht hatten, stellvertretend eintrat.
Als die Praxis des Ablasses sich seit dem 11. Jahrhundert entwickelte, verstand man die Aufarbeitung der Sündenfolgen im Sinne einer Strafe: Gott vergibt die Schuld, aber er lässt keine Sünde ungestraft. Die Sündenstrafen müssen auch nach geschenkter Vergebung abgeleistet werden, seien es die Bussauflagen im Sinne kirchlicher Sündenstrafen, seien es die weniger gut abschätzbaren Sündenstrafen, die Gott vorsieht.
Hierfür bieten die Ablässe Entlastung, weil sie versprechen, solche Sündenstrafen abzuwenden. Dies kann für die eigene Person oder im Sinne einer kirchlichen Solidarität für andere, sogar verstorbene Personen geschehen, dies auch unter Inanspruchnahme des «Kirchenschatzes» der Verdienste der Heiligen. Vorstellungen über die im sogenannten «Fegfeuer» abzuleistenden Strafen verbanden sich mit Aussagen über deren Verkürzung. Bekannterweise war es in der Reformationszeit nicht zuletzt die Ökonomisierung des Ablasswesens, die Martin Luther skandalisierte.
Die heutigen kirchlichen Normen zum Ablass haben viel Anstössiges beseitigt. Insbesondere sind Ablässe nicht mehr käuflich. Quantitative Aussagen hinsichtlich der Verkürzung von Sündenstrafen im Fegfeuer sind der offeneren Rede von «Erleichterung» der Busse gewichen. Die Zueignung an Verstorbene gilt nicht mehr als rechtlicher, sondern als fürbittender Akt der Kirche. Sie tritt für die Verstorbenen ein im Blick darauf, dass niemand von uns im Tod schon gänzlich «himmelsreif» ist.
Wenn Papst Franziskus die Austauschbarkeit der Begriffe «Barmherzigkeit» und «Ablass» betont, tritt er dem Bild eines strafenden Gottes entgegen. Gott steht Menschen nicht strafend gegenüber, sondern begleitet sie barmherzig in ihrem Ringen mit dem Unheilvollen.
Allerdings, trotz solcher «Flicken» bleibt vieles fragwürdig. So sind die Bestimmungen darüber, wie häufig ein «vollkommener Ablass» erlangt werden kann (ob einmal pro Tag oder zweimal am selben Tag), weiterhin dem quantitativen Denken verhaftet. Während der vollkommene Ablass einerseits ganz routiniert täglich erworben werden kann, verlangt seine Erlangung gemäss den Normen andererseits den «Ausschluss jeglicher Neigung zur Sünde». Wer die Gebrochenheit menschlichen Lebens ernst nimmt, wird das als ein irdisch kaum erreichbares Ziel ansehen.
Manche der neueren Bestimmungen beschreiben die Formen, in denen Ablässe gewonnen werden können, nicht nur rituell, sondern auch zum Beispiel im Sinne von Formen sozialen Engagements. Es sind also eher Beschreibungen von Weisen der Lebenserneuerung. Damit aber wird die Ablasstheologie diffus. Geht es um die Einübung neuen Lebens durch Busse? Dann wäre es besser, den Ablass beiseitezulassen, denn er bezeichnet gerade nicht ein Busswerk, sondern dessen Ablösung.
Genau hier liegt das jeder Ablasstheorie immanente Problem. Existentiell ist es unverzichtbar, den negativen Folgen des Bösen bei sich selbst und im sozialen Bereich entgegenzutreten. Dies aber ist gewissermassen ein biografischer und therapeutischer Prozess, der sich nicht abkürzen oder ersetzen lässt. So muss im Fall von Lüge und Täuschung die Person, die sich mit jeder Lüge mehr an Unaufrichtigkeit gewöhnt, wieder zu Wahrhaftigkeit finden. Zugleich muss – soweit möglich – das verletzte Vertrauen anderer Personen geheilt werden.
Hier liegt tatsächlich ein höchst bedeutsames Thema: Wie gelingt gutes Leben unter den Bedingungen der Gebrochenheit von Freiheit? Wie können Formen von Busse und Versöhnung der tatsächlichen Lebenserneuerung dienen? Das mit dem Ablass einhergehende Versprechen, dass Sündenfolgen sich durch definierte Ersatzhandlungen tilgen lassen, ist irreführend. Manche Flicken sind sorgfältig angefertigt, aber sie zerreissen das Kleid, das der Sache noch nie ganz gerecht wurde.
* Eva-Maria Faber ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/eva-maria-faber-ueber-den-ablass-altes-kleid-mit-lauter-flicken/