In diesem Jahr feiern die christlichen Kirchen 1700 Jahre Konzil von Nizäa, einen Wendepunkt der Geschichte des Christentums. Unter anderem geht das christliche Glaubensbekenntnis, das «Nizäo-Konstantinopolitamum», im Wesentlichen darauf zurück. Gregor Emmenegger, Patristiker an der Universität Freiburg, ordnet das Konzil ein und spricht auch von Fake News.
Francesco Papagni
Herr Professor Emmenegger, wie ist es überhaupt zum Konzil von Nizäa gekommen?
Gregor Emmenegger: Das Konzil fand 325 n.Chr. statt, Kaiser Konstantin hat es einberufen. Der Kaiser hatte erst im Jahr zuvor überhaupt die Osthälfte des Römischen Reiches erobert. Und dabei hatte er, der lateinischer Muttersprache war, das Problem, sich im griechisch sprechenden Osten zu etablieren. Darauf antwortet er mit einer Reihe von klugen Schachzügen, zum Beispiel mit der Gründung von Konstantinopel (Istanbul, Red.) an der Grenze zwischen Europa und Asien. Und der andere ist eben Nizäa.
«Jetzt zeichnet sich ab: Man kann Christus wählen und muss den Kaiser nicht verraten.»
Das Christentum war ja eine verfolgte Religion, oder?
Emmenegger: Nicht mehr, seit 311 war das Christentum eine erlaubte Religion. Für das Christentum stellt sich die Frage: Wie halten wir es mit dem Römischen Reich? Bis dahin war die Sache klar: Christus oder der Kaiser. Wenn ich mich für Christus entscheide, muss ich Verfolgung und im Extremfall die Todesstrafe auf mich nehmen. Jetzt zeichnet sich eine neue Lage ab: Man kann Christus wählen und muss den Kaiser nicht verraten.
Für Konstantin auf der anderen Seite waren die Christen eine Minderheit, mittlerweile aber eine wichtige. Im Gerangel um die Macht spielen sie eine zentrale Rolle.
«Konstantin zeigt sich den Christen als Christ. Das ist seine Religionspolitik.»
War Konstantin zu diesem Zeitpunkt schon Christ?
Emmenegger: Seit der grossen Monographie von Jakob Burckhardt im 19. Jahrhundert streiten sich die Gelehrten. Was sich mit Sicherheit sagen lässt: Konstantin lässt diese Frage bewusst offen. Er zeigt sich den Apollo-Anhängern als Anhänger von Apollo, den Sonnenverehrern als Sonnenverehrer und den Christen als Christ. Das war seine Religionspolitik.
«In dem Moment, als das Christentum zur Religion wird, wird es in den staatlichen Machtapparat eingebaut.»
Fest steht aber, dass er das Konzil einberufen hat, oder?
Emmenegger: Auf jeden Fall. Und das hängt mit der Frage nach der Bedeutung der Religion in der Antike zusammen. Religion ist für antike Menschen kein Glaubensbekenntnis, sondern zunächst mal ein Tempel und ein Kult, der staatstragend ist. Das Christentum hat keinen Tempel, keinen Kult in diesem Sinne und ist schon gar nicht staatstragend. Aber in dem Moment, als die Herrscher das Christentum tolerieren, machen sie aus dem, was sie als Aberglauben einstuften, eine Religion im antiken Sinne. Für Konstantin war klar: Die Glaubensfreiheit für Christen bedeutet keine Kirchenfreiheit, im Gegenteil. Den versammelten Bischöfen sagt er: Ich bin Bischof für das Äussere, ihr seid Bischöfe für das Innere. In dem Moment, als das Christentum zur Religion wird, wird es in den staatlichen Machtapparat eingebaut.
Konstantin wird eine Art Bischof der Bischöfe?
Emmenegger: Die Frage, die die Christen zu beantworten haben, lautet: Wie halten wir es mit dem Staat? Die traditionelle Haltung diesbezüglich war klar: Das Reich der Götter ist das Römische Reich. Bezüglich des Christentums führt Konstantins Versuch einer umfassenden Integration ins Reich zu einer ganzen Reihe von Widerständen, die sich in heftigen Streitigkeiten entladen. Vom Evangelium her ist die Sache klar: Es kann kein Reich Gottes auf Erden geben. Die Vision Konstantins wird faktisch nie vollständig gelingen, bald beginnen die Abgrenzungsbestrebungen zwischen Kirche und Reich. Diese Integration widerspricht dem Christentum, aber zu dieser Zeit ist die Sache nicht klar.
«Das Konzil von Nizäa wird masslos überschätzt.»
Der Wandel von einem Glauben zu einer Religion hat ja viele Aspekte. Eine These besagt, dass die Weihe der Frau damals schon deshalb ausgeschlossen wurde, weil die christlichen Priester zu Reichsbeamten wurden und nur Männer Beamte werden konnten.
Emmenegger: Jetzt wird es kompliziert. Das Konzil von Nizäa gehört zu jenen Ereignissen, die masslos überschätzt werden. Das hängt mit der ganzen Kirche-und-Reich-Theologie zusammen, die in den folgenden Jahrhunderten entwickelt wird. Darin kommt Konstantin eine zentrale Rolle zu, er habe der Kirche die Hälfte des Reiches geschenkt, was dann «Konstantinische Schenkung» genannt wurde. Das mittelalterliche System mit den drei Ständen: Adel – Klerus – Bauern gründet auf diesem Mythos. Im 18. Jahrhundert, in der Aufklärung, wird diese Gesellschaftsordnung kritisiert, und aus dem «Heiligen» Kaiser Konstantin wird «le criminel», wie Voltaire schreiben wird. Das ist etwas, was im kollektiven Gedächtnis bis heute weiterwirkt: In Nizäa haben die Bischöfe das Christentum an die politische Herrschaft verraten.
«Der Dekadenz-Vorwurf ist absoluter Quatsch, Entschuldigung.»
Aus heutiger Sicht wird das Konzil von Nizäa oft verantwortlich gemacht für die Verstaatlichung des Christentums. In einer Art negativer Geschichtstheologie wird der Beginn der grossen Dekadenz des Christentums damit verknüpft.
Emmenegger: Das ist absoluter Quatsch, Entschuldigung. Das beruht auf der frühmittelalterlichen Überhöhung und späteren Pervertierung der ganzen Konstantinsgeschichte in der Aufklärung. Daher kommen die ganzen Behauptungen, in Nizäa sei der Kanon der heiligen Schrift festgelegt worden, sei diskutiert worden, ob Frauen eine Seele hätten, die Reinkarnation sei verboten worden…
«Jede Epoche muss sich die Frage nach der Beziehung Kirche-Staat neu stellen.»
…Fake News…
Emmenegger: Fake News, alles Legende. Die Frage: «Wie halten wir es mit dem Staat?» bewegt allerdings das 4. Jahrhundert besonders. Als Konstantius II, Sohn Konstantins, stirbt, ziehen die Christen vor allem im Westen jubelnd auf die Strasse, weil sie die Konstantinische Epoche für beendet sehen. Die Beziehung Kirche-Reich, wie in Nizäa etabliert, wird also schon bald kritisch gesehen. Es ist eine schreckliche Vereinfachung zu sagen, die Konstantinische Epoche komme heute zu Ende, wir würden zurück in die Vorkonstantinische Zeit kommen. Jede Epoche muss sich die Frage nach der Beziehung Kirche-Staat neu stellen, von Anfang an oszillieren die Antworten zwischen Widerstand und Anpassung.
Wenn ich Nizäa für etwas hochhalten würde, dann für diese Frage: Wie soll die Beziehung Staat – Religion gestaltet werden? Wenn tausend Menschen miteinander beten, dann ist das immer auch eine politische Aussage. Dies zu verneinen ist unglaublich dumm und auch unglaublich gefährlich. Um die Beantwortung der Frage kommt also niemand herum. In dieser Hinsicht ist Nizäa sehr aktuell.
Schauen wir konkreter auf das Konzil selbst. Wer war auf dem Konzil. Bischöfe aus West und Ost?
Emmenegger: Machen wir einen Schritt zurück. Als Konstantin 312 Herrscher über den ganzen Westteil des Reiches wird und 313 die Toleranz gegenüber den Christen bestätigt, will er der Kirche demonstrieren, was es heisst, eine Religion im antiken Sinn zu sein. Er beruft in Arles ein Konzil zusammen, weil er den Donatistenstreit, den wir hier mal beiseitelassen, schlichten will. Konstantin ruft die Bischöfe bewusst als Staatsbeamte zusammen, die ein Problem zu lösen hatten, welches ihr neuer Herr für gefährlich erachtete. Religion war der Kitt der antiken Gesellschaft, Streit auf diesem Gebiet bedrohte also den inneren Frieden. Die Diskussion eskaliert nach dem Konzil von Arles aber erst recht, weil der Kaiser aus diesem innerkirchlichen Streit eine Staatsaffäre gemacht hat. Und das Gleiche wiederholt er im Osten mit der innertheologischen Frage, in welchem Verhältnis Jesus Christus zu Gott-Vater steht.
Die Bischöfe des Westens hatten diese Lektion schon erfahren…
Emmenegger: …das ist der Grund, wieso sich kaum ein Bischof des Westteils nach Nizäa begeben hat. Der Bischof von Rom lässt sich durch zwei Priester vertreten. Es kommen Bischöfe aus dem Ostteil des Reiches, die die sehr griechische Frage diskutieren, wie Christus sich zu Gott-Vater verhält. Die Bischöfe reisen übrigens mit der Reichspost an, die nur Staatsbeamte benutzen durften.
«Der Kaiser zeigt sich als gelehriger Sohn der Kirche, ist aber letztlich Herr über die Versammlung.»
Welche Rolle hatte Konstantin während des Konzils? Steht er der Versammlung lediglich vor oder beteiligt er sich an den Diskussionen?
Emmenegger: Wir haben den Augenzeugenbericht von Eusebius von Cesarea: Der Kaiser zeigt sich als gelehriger Sohn der Kirche, ist aber letztlich Herr über die Versammlung. Die Bischöfe beginnen zu streiten, er ruft sie zur Ordnung. Er gibt die Struktur vor. Und das gehört zur kaiserlichen Propaganda. Konzilen werden als Staatsakte inszeniert.
«‹Homousios› ist ein schwieriger Punkt.»
Heute gibt es eine Tendenz, das Konzil von Nizäa zu entwerten, indem man die Beschlüsse als kaiserliche Vorgabe verunglimpft. Konkret das berühmte «Homousios», die Formel, die Jesus Christus als «wesensgleich» zu Gott-Vater deklariert und die ja Eingang in unser Glaubensbekenntnis gefunden hat.
Emmenegger: Das ist ein schwieriger Punkt. «Homousios» ist eine Formel, welche die Mehrheit der Konzilsbischöfe nicht geteilt hat. Sie hätten lieber eine weichere Formulierung gehabt. Es gilt, in dieser einen theologische Frage von Nizäa verschiedene Aspekte auseinanderzuhalten: Am Anfang haben wir einen theologischen Streit. Dann gibt es eine kirchenpolitische Ebene, denn der Kaiser will eine Ansprechperson. Welcher Patriarch soll der Ansprechpartner und folglich Oberhaupt der Kirche sein? Wessen Theologie setzt sich durch? Und dann gibt es eine dritte Schicht: Wie verhält sich die Kirche zum Reich? Darf der Kaiser in dieser theologischen Frage entscheiden?
Konstantin sieht die ganze Sache politisch: Wer sich aus theologischen Gründen gegen Nizäa stellt, stellt sich letztlich gegen den Kaiser. Paradoxerweise wird Kaiser Konstantin selbst später zu einer anderen Position tendieren, nämlich der arianischen. Es war ein arianischer Bischof, der Konstantin auf dem Totenbett getauft hat.
Unser grosses Glaubensbekenntnis heisst «Nizäo-Konstantinopolitanum». Nizäa klärt also nicht alle Fragen.
Emmenegger: Athanasius, die wichtige Figur unmittelbar nach dem Konzil, ist klug genug zu erkennen, dass das «Homousios» keinen Abschluss bildet. Es muss die Frage geklärt werden, inwiefern sich der Sohn vom Vater unterscheidet. Das wird dann in den Konzilien von Konstantinopel und Calcedon der Fall sein.
Die Kernfrage lautet: Wer begegnet mir in Christus? Ist Christus ein Freund, ein Weisheitslehrer? Oder begegnet mir in ihm Gott? Diese Fragen treibt die Christen seit dem 1. Jahrhundert um.
«Das ‹Homousios› hat sich zum Grundbestandteil des christlichen Glaubens entwickelt.»
Nizäa formuliert aber doch ein Glaubensbekenntnis, das die ganze Christenheit teilt, die protestantischen Bekenntnisse, die katholische und die orthodoxe Kirche.
Emmenegger: Auf jeden Fall. Das «Homousios» hat sich zum Grundbestandteil des christlichen Glaubens entwickelt: Es gibt nur einen Gott in Vater und Sohn. Das ist aber nur korrekt mit der späteren Erkenntnis, dass Vater und Sohn unterschiedliche Personen sind. Nizäa ist da nur eine Etappe auf einem langen Weg.
Zum Konzil von Nizäa gibt es in der Schweiz verschiedene Veranstaltungen. Unter anderem am 13. Mai leiter der emeritierte Professor Markus Ries ein Forum Ökumene an der Universität Luzern zum Thema: «Das Konzil von Nizäa vor 1700 Jahren – echt oder nur scheinbar ökumenisch?», 18.15 bis 20 Uhr.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant