Mit Simon Lauer ist ein bedeutender Wissenschaftler zur jüdisch-christlichen Literatur in der Schweiz mit 95 Jahren gestorben. Lauer hat das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern mitbegründet, das heute der Jesuit Christian Rutishauser leitet.
Regula Pfeifer
Simon Lauer hat gemeinsam mit Professor Clemens Thoma die Judaistik an der Theologischen Fakultät Luzern begründet, heisst es in der Todesanzeige der Universität Luzern. Der jüdische Wissenschaftler habe international vernetzt und wesentliche Forschungsbeiträge zum Verhältnis von rabbinischer und frühchristlicher Literatur geschaffen. « Für diese einzigartige akademische Pionierarbeit bleibt das IJCF (Institut für jüdisch-christliche Forschung, die Red.) dem Verstorbenen in Dankbarkeit verpflichtet.»
Unterzeichnet ist die Todesanzeige von fünf Wissenschaftlern, allen voran Christian Rutishauser, dem aktuellen Professor für Judaistik und Theologie der Universität Luzern.
Auf Nachfrage erklärt Rutishauser die Institutsgründung folgendermassen: «Clemens Thoma hatte die Idee und das Herzensanliegen, einen Lehrstuhl für Judaistik und später ein Institut für jüdisch-christliche Forschung zu gründen. Doch für einen Dialog braucht es auch einen Partner. Es ist das grosse Verdienst von Lauer, dass er sich auf die Initiative einer theologischen Fakultät eingelassen hat. Das war keine Selbstverständlichkeit.»
Erstmals getroffen hat Rutishauser den jüdischen Wissenschafter bereits in jungen Jahren: «Er war in den 1980er Jahren Gymnasiallehrer an der Kantonsschule St. Gallen, wo ich Gymnasiast war. Er war aber nicht mein Lehrer. Ich bin ihm damals nur im Treppenhaus begegnet und habe ihn von weit wahrgenommen.»
Ab 1998 machte Rutishauser sein Doktoratsstudium in Judaistik in Luzern. Dabei sei es «zu einigen Begegnungen und Gesprächen» mit Simon Lauer gekommen. «Er hat sich sehr für meine Doktorarbeit zu Rav Soloveitchik interessiert», sagt Rutishauser. Und er sei auch mit der Jesuitenkommunität in Zürich freundschaftlich verbunden gewesen.
«Simon Lauer war ein Gelehrter klassischen Stils mit einer ausgezeichneten humanistischen Bildung.»
Christian Rutishauser
«Simon Lauer war ein Gelehrter klassischen Stils mit einer ausgezeichneten humanistischen Bildung», sagt Rutishauser. «In uns Jesuiten sah er Gesprächspartner, die sich für Kultur und Bildung, für Literatur und Lyrik, für philosophische, theologische und gesellschaftspolitische Themen interessierten.»
Sie hätten das Anliegen einer Erneuerung der Sicht der Kirche auf das Judentum geteilt, sagt Rutishauser. Dabei sei es um Errungenschaften der Theologie nach «Nostra aetate» und um Beziehungen zum Vatikan gegangen. Bei «Nostra aetate» handelt es sich um eine Erklärung der römisch-katholischen Kirche über ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen, die aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil hervorging.
Als wissenschaftlichen «Meilenstein» bezeichnet Christian Rutishauser die Arbeit an den rabbinischen Gleichnissen, die Clemens Thoma, Simon Lauer und Hanspeter Ernst unternommen haben. «Sie mit den zahlreichen Gleichnissen Jesu zu vergleichen, hat bewusst gemacht, wie neutestamentliche und rabbinische Literatur sich gegenseitig beeinflusst haben.»
Simon Lauer ist der nationalsozialistischen Judenverfolgung knapp entkommen. Im November 1938 erlebte er als Neunjähriger in Mannheim die Reichsprogromnacht, wie die «Neue Zürcher Zeitung» schreibt. Die jüdische Familie mit Schweizer Bürgerrecht flüchtete in die Schweiz. In Biel wirkte sein Vater als Rabbiner. Lauer studierte in Bern und Jerusalem, spezialisierte sich auf Judaistik. Er unterrichtete an Gymnasien – und wurde 1981 als Judaist an die Hochschule Luzern berufen.
Lauer war nicht nur aktiv an der Gründung des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung beteiligt. Er wurde 1982 auch Gründungspräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Judaistische Forschung. 1990 bis zu seiner Emeritierung 1996 war er nebenamtlicher Professor für Judaistik in Luzern und veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Lauer ist am 27. Januar in Zürich gestorben und in Biel beigesetzt worden.
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