Resilienz ist das Wort der Stunde. Der Mensch muss heute offenbar widerstandsfähig und robust sein, um die Fährnisse der Zeit zu überstehen. Welche Angebote können eigentlich Glaube und Religion dem Menschen bescheren, um ihn resilienter zu machen? Abt Urban Federer vom Kloster Einsiedeln liefert im Interview mit kath.ch bestechende Argumente.
Wolfgang Holz
Abt Urban, sind Sie resilient?
Abt Urban Federer: Sicher mehr als früher, was wohl mit der Erfahrung und vermutlich auch mit dem zunehmenden Alter zu tun hat. Wörtlich resilient möchte ich aber nicht werden. Lateinisch «resilire» heisst nämlich «zurückspringen» oder «abprallen». Weder möchte ich einfach die Zeit zurückdrehen noch alle Probleme an mir abprallen lassen. Eine gute Widerstandsfähigkeit sollte mich nicht abstumpfen lassen, sondern mich weiterhin offen für Herausforderungen machen.
«Resilienz» ist zurzeit ein riesiger Trend in den westlichen Industriegesellschaften. Resilienz bedeutet so viel wie Robustheit, Widerstandsfähigkeit, Zähigkeit. Könnte dies aus Ihrer Sicht ein Indikator dafür sein, dass das Leben heutzutage für uns Menschen härter geworden ist?
Federer: Die verstärkte Popularität des Resilienzbegriffs hängt wohl mit einem zunehmenden Krisenbewusstsein zusammen, das vor allem auch durch die Corona-Pandemie und durch die aktuellen Kriege in der Ukraine und in Gaza verstärkt wurde.
«Anschaulich gesprochen kann er wie ein Regenschirm aufgespannt werden, um uns etwas vor den Stürmen des Lebens zu schützen.»
Im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung hat heute eine Nachricht Auswirkungen, die nicht mehr nur die eigene Region oder Nation betreffen. Informationen über Anschläge, Kriege und Pandemien erreichen heute in Windeseile alle Gebiete unserer Welt. Auf das dadurch verbreitete Lebensgefühl, in einer Krisenzeit zu leben, scheint der Resilienzbegriff besonders gut zu antworten. Anschaulich gesprochen kann er wie ein Regenschirm aufgespannt werden, um uns etwas vor den Stürmen des Lebens zu schützen. Dieses Bild zeigte sich mir, als ich im Internet eine Darstellung für «Resilienz» suchte.
Wenn Resilienz von verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft als Überlebensmodus eingefordert wird, geht es zunächst meistens um die menschliche Physis: Angefangen von harmlosen Vitamintabletten über Ernährungs-, Diät- und Fitnessprogramme bis hin zu körperlich-mentalen Extremleistungen wie Iron-Man-Events, die unseren Körper und unseren Willen stärken sollen. Ist dies aus Ihrer Sicht ausreichend für eine gesunde Resilienz?
Federer: Wenn ich in einer Suchmaschine das Wort «Resilienz» eingebe, werden mir nicht nur Vorschläge gemacht, die meinen Körper betreffen.
«Dass auch der Körper gesund sein muss, ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens.»
Vielmehr werden mir sieben Pfeiler der Resilienz gezeigt, die mit Stichwörtern wie «Positive Grundhaltung» oder «Zukunftsorientierung» durchaus darauf abzielen, meine eigenen Kräfte zu entdecken und zu stärken, um widerstandsfähiger zu sein. Dass dabei auch der Körper gesund sein muss, ist ein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens, der davon ausgeht, dass in Jesus Christus Gott Mensch – wörtlich: Fleisch – geworden ist. Schön fasst diesen Glauben die heilige Teresa von Avila in einfache Worte, wenn sie ausruft: «Tu deinem Leib etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.»
Wenn von Resilienz gesprochen wird, geschieht dies sehr selten in Zusammenhang mit spirituellen Erfahrungen oder mit Religion. Kann denn aus Ihrer Erfahrung als Klosterabt nicht vor allem auch der Glauben an Gott dem Menschen eine belastbare Resilienz bescheren?
Federer: Der Begriff der Resilienz mag noch nicht viel an den Glauben und die Kirche herangetragen werden. Was damit gemeint ist, ist aber so alt wie die Bibel selbst. Abraham und Sarah wären nie aus Harran nach Kanaan ausgezogen, hätten sie nicht daran geglaubt, dass Gott auch in schwierigen Zeiten an ihrer Seite ist.
«Die Wüstenerfahrung, in Glaubenskrisen nicht davonzulaufen, hat vor allem auch die Tradition der Mönche und Nonnen geprägt.»
Erst recht hätten Mose und Aaron das Volk Israel nicht aus der Sklaverei in die Freiheit führen können ohne den Glauben, Gottes Hilfe auf ihrer Seite zu haben.
Die Wüstenerfahrung, in Glaubenskrisen nicht davonzulaufen, hat vor allem auch die Tradition der Mönche und Nonnen geprägt. Mein Ordensvater, der heilige Benedikt, schreibt schon vor 1’500 Jahren im Vorwort zu seiner Regel als Ermutigung zur Widerstandsfähigkeit: «Wir wollen also eine Schule für den Dienst des Herrn einrichten. Bei dieser Gründung hoffen wir, nichts Hartes und nichts Schweres festzulegen. Sollte es jedoch aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.»
«Der Glaube lässt mich bewusster werden, was wirklich zählt und was mich trägt, sodass mich nicht jedes Ereignis sofort aus der Bahn wirft.»
Welche positiven Effekte können Religion und Glauben aus Ihrer Sicht für die menschliche Resilienz haben?
Federer: Das Vertrauen in Gott kann das, was mir geschieht, in einem guten Sinn relativieren. Der Glaube lässt mich bewusster werden, was wirklich zählt und was mich trägt, sodass mich nicht jedes Ereignis sofort aus der Bahn wirft. In Krisensituationen besteht die Gefahr, dass Menschen sich abschotten und nichts mehr an sich heranlassen, um sich nicht weiteren Verletzungen auszusetzen. So höre ich in meinem Umfeld immer öfter, dass Menschen keine Nachrichten mehr konsumieren, weil sie die heutige Weltsituation nicht aushalten.
Das Christentum wählt da einen anderen Weg, wenn es in unserem Alltag das Kreuz Jesu Christi aufstellt und damit Leiden, Angst und Zweifel nicht verdrängt, sondern zur Betrachtung zur Verfügung stellt. Darum sagt der heilige Benedikt auf das eben wiedergegebene Zitat hin, das von der Erfahrung von Enge und Angst spricht: «Darum wollen wir uns Gottes Unterweisung niemals entziehen und in seiner Lehre im Kloster ausharren bis zum Tod. Wenn wir so in Geduld an den Leiden Christi Anteil haben, dann dürfen wir auch mit ihm sein Reich erben.»
Wie lassen sich Glauben und Religion für den Einzelnen intensivieren bzw. attraktiver machen, gerade auch für Menschen, die nicht mehr an Gott glauben?
Federer: Wesentlich in einer Krise ist, dass der Mensch seine Ängste und auch seine Fehler akzeptiert und lernt, damit umzugehen.
«Für Menschen, die nicht an einen persönlichen Gott glauben, dürften es vor allem die Stille, die Meditation oder das Auftanken in der Natur sein, die neue Kräfte hervorbringen können.»
In meiner Tradition ist es die Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes und das Gebet, das mir die Kraft gibt, schwierige Situationen auszuhalten und mich nicht gegen die Krise zu stellen, sondern in der Krise nach neuen Wegen zu suchen. Für Menschen, die nicht an einen persönlichen Gott glauben, dürften es vor allem die Stille, die Meditation oder das Auftanken in der Natur sein, die neue Kräfte hervorbringen können.
Es wird in unserer Gesellschaft fast immer nur der individuellen Stärke gehuldigt. Ist Schwächezeigen nicht eine der stärksten Formen von Resilienz, weil man sich selbst dann auch im Krisenmodus persönlich akzeptieren und zurechtfinden kann?
Federer: Krisen können wir am besten bestehen, wenn wir zumindest eine Bezugsperson haben, der wir vertrauen können und die an uns glaubt. Von dem her ist die Kirche nicht nur ein Raum, in dem Schwächen eingestanden werden dürfen, sondern auch ein Gegenseitiges-Beistehen, worin uns unsere Taufe bestärkt. Wir können einander als Kirche Heilung zusprechen, Vergebung und Hoffnung auf einen Gott, der uns bedingungslos liebt. Wir können einander sagen: «Ich bete für Dich.» Ein solcher Gebets-Zuspruch tut vielen Menschen gut. Nicht die Selbstdarstellung und -Optimierung hilft uns im Krisenmodus, sondern das Öffnen auf andere und anderes hin.
Gibt es neben der individuellen Stärke auch eine gemeinschaftliche, die Resilienz hervorbringen kann?
Federer: Als Kirche haben wir die Chance, dass Resilienz nicht vom Individuum allein entwickelt werden muss. Wir leben in einem Hoffnungsraum, den uns andere erschliessen oder auf den sie zumindest hindeuten können.
«Dieser Weg ist für die Kirche steinig und niemand weiss, wo und wie er endet.»
Wenn die Welt sich heute in ein Blockdenken zu entwickeln scheint, in dem das Gespräch kaum mehr möglich ist, und die eigene Position hemmungsloser als früher als die einzig richtige propagiert wird, scheint mir der Weg von Papst Franziskus wichtig nicht nur für die weltweite Kirche, sondern auch für die Welt zu sein: Er gibt der Kirche vor, synodaler zu sein, wörtlich: miteinander auf dem Weg.
Dieser Weg ist zwar für die Kirche steinig und niemand weiss, wo und wie er endet. Er ist für mich aber richtungsweisend in der Bewältigung von globalen Krisen. Einsam getroffene Lösungswege in diesen globalen Krisen verstärken bei den Menschen den Eindruck, einzelnen Personen und Krisenherden ausgeliefert zu sein. Der synodale Prozess eröffnet schon fast gegenläufig zur heutigen Weltlage einen Horizont der Hoffnung, den Menschen gemeinsam betreten und auf den sie sich gegenseitig aufmerksam machen. Synodalität führt für mich zu mehr Resilienz.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/abt-urban-federer-synodalitaet-fuehrt-fuer-mich-zu-mehr-resilienz/