Philipp Roth: Es ist genug

Eine zufällige Begegnung im Treppenhaus ist für Radioprediger Philipp Roth Ausgangspunkt über das Loslassen im Alter nachzudenken. Er kommt zum Schluss: Loslassen braucht oft mehr Kraft als das «Weiterlaufenlassen» und «machen-wie-bisher».

Philipp Roth*

Er wohnte gleich über uns. Wir sahen uns nicht oft. Ich hörte ihn die Treppe hochsteigen, an unserer Tür vorbei. Zu den langsamen Schritten atmete er schwer. «Schön dich zu sehen», sagte ich als wir uns wieder mal begegneten. Er fischte gerade die Post aus dem Briefkasten. «Wie geht es dir?» «Du, mir geht’s gut,» lachte er. «Weisst du, ich bin glücklich. Nicht gesund. Aber glücklich.»

Der erzählfreudige Nachbar

Ich glaube, er wollte es dabei belassen. Ich wusste, dass er es mit den Knien hatte und mit dem Herzen. Doch er gehörte nicht zu den Menschen, die auf die geringste Nachfrage oder sogar ohne den ganzen Gesundheitscheck herunterbeten. Lieber erzählte er mir von seinen Grosskindern, der letzten Etappe seiner Wanderung über den Jura nach Genf oder was seine von ihm umschwärmte Frau gerade wieder am Kochen war. Er holte dann jeweils den Wein aus dem Keller.

Was mache ich mit allem Wissen?

«Schön, dass es dir gut geht!» sagte ich. «Ich höre dich manchmal die Treppe hochkommen. Wie meinst du das denn mit dem ,nicht gesund aber glücklich’?» «Ach, weisst du,» sagte er und zog die Schultern hoch. «Ich war halt auch schon jünger. Und zum Alter gehört, dass der Tod immer näherkommt. Ist einfach so.
Nun bin ich da neuerdings bei einer jungen Ärztin. Medizinisch superfit und immer frisch motiviert. Sie will mich von Kopf bis Fuss untersuchen. Blutanalyse, CT, Leistungstest… Doch ich weiss gar nicht, ob ich das noch will. Ich weiss ja gar nicht, ob ich das alles wissen will, was man da wissen kann. Was mache ich dann mit diesem Wissen? Und ich habe den Eindruck, sie versteht das nicht. Wenn’s doch möglich ist und die Kasse alles übernimmt. Für sie ist es selbstverständlich, immer alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Doch für mich nicht mehr. Ist nicht mal genug und anderes steht an? Wer sagt denn, dass man immer so weiter machen muss? Ich bin glücklich. Auch mit weniger.»

Leben kommt auf den Punkt

Lebensweisheit zuhause im Treppenhaus. Plötzlich blitzt sie auf und nimmt mich in ihr Nachdenken hinein. Ich liebe junge Menschen, wenn sie begeistert aufbrechen. Und alte Menschen, wenn sie besonnen einkehren. Da kommt viel Leben kommt auf den Punkt.

Die Weisheit

In der Bibel nimmt Weisheit viel Raum ein. Eine eigene Textgattung bildet sie. Und fristet doch ein Schattendasein. Vielleicht weil sie so prosaisch ist. Fast unreligiös. Wer da explizit Gott sucht, Wunder oder Heiliges, sitzt auf dem Trockenen. Man muss nicht fromm sein und nimmt doch etwas mit. Die Erfahrungen des Lebens werden hier verdichtet. Die Siege und Niederlagen.
Das Glück und der Schmerz. Und die Erfahrungen des Zusammenlebens: Wie mein kleines Ich mit dem grossen Wir verhängt ist, nicht nur jetzt, ringsum, weit über die eigene Nasespitze hinaus, sondern auch durch die Zeit hinweg, über Generationen. Ich weiss: Ich komme, andere gehen. Ich weiss: Ich gehe, andere kommen. Was bedeutet das?

Bescheidenheit ist eine Kunst

Wer von euch ist weise und klug? fragt Jakobus in seinem Brief ganz hinten in der Bibel. Er ist für seine rigorose Moral bekannt. Für Martin Luther war er streng und trocken wie Stroh. Doch manchmal finde ich Jakobus ganz entspannt weise.
Wer von euch ist weise und klug? Der soll es durch seinen guten Lebenswandel zeigen und in weiser Bescheidenheit handeln. (Jakobus 3, 13) Bescheidenheit ist die Kunst, genug genug sein lassen zu können. Man erkennt, dass man nicht alles haben muss, was man kann. Man lässt sich nicht länger mitreissen vom Verlangen, aus allem das Maximum herauszuholen. Bescheidenheit ist die hohe Schule des Sich-zurücknehmen-Könnens. Das braucht oft mehr Kraft als das Weiterlaufenlassen und «machen-wie-bisher». Und mehr Mut. Man sagt: Weniger ist mehr. Und tut es auch. Heute. «Nicht gesund, aber glücklich!»

Was ist an diesem Punkt des Lebens richtig?

Ich blieb noch etwas mit meinem Nachbarn im Gespräch. Es zog ihn deutlich mehr zum «glücklich» als zum «nicht gesund». Es beeindruckte mich, dass er so offen über sein Alter und über das Näherkommen des Todes reden konnte. Er wollte damit nicht Mitleid fischen. Auch Angst war nicht das Thema. Er wollte einfach lernen, was jetzt, an diesem Punkt des Lebens, richtig war. Das Erkennen, dass man sterben muss, als Weisheitsschlüssel. «Memento mori.»  Wann ist genug genug? Und was an der Zeit?

Vom Loslassen

Der alte Patron einer Traditionsfirma geht mir durch den Kopf. Er war schon weit im Rentenalter. Die Blütezeit der Firma war vorbei. Für die drängenden Reformen brauchte es Jüngere. Er zieht die Kinder nach. Selber will er nicht weichen. Schliesslich sagen die Kinder: Entweder du oder wir. Wenn du willst, dass es bleibt, musst du lassen. Doch wie kann man sich ein Leben lang Macht, Reichtum, Wachstum, Anerkennung antrainieren – und dann spüren: Jetzt ist das Gegenteil dran?

Wer schützt mich vor meinen Wünschen? Vor meinem Willen, alles tun zu wollen, was möglich ist, alles nehmen und haben und brauchen zu wollen, was ich kann?
Wer schützt meine Kinder davor und die kommenden Generationen? Wer schützt unsere Welt vor unserem Immermehrhabenwollen? Wann ist genug genug?

Macht geht über Leichen

Es gibt diese kleine Episode in der Geschichte des grossen Königs David in der Bibel. David ist bereits alt. Hat Kinder und Grosskinder. An seine Nachfolge denkt er nicht. Absalom, einer seiner Söhne, mag nicht warten. Er putscht und steigt selber auf den Thron. König David flieht über den Fluss Jordan. Dort lebt Barsillai. Er nimmt ihn auf. Wieder bei Kräften, nimmt David Soldaten und schlägt zurück. Absalom wird getötet. David ist wieder König. Das grösste Comeback aller Zeiten! jubeln seine Anhänger. Und David strahlt und ist im Innersten erschüttert. Macht geht über Leichen. Manchmal die eigenen Kinder.

Ich gehe an meinen Ort, dort ist genug

David trifft nochmal Barsillai. Er will sich bedanken. «Komm du nun mit mir,» sagt er. «Dann kann ich dir alles zurückgeben.» Doch Barsillai sagt: «Ach David! Was soll ich denn da? Ich bin über achtzig. Weiss ich denn noch, was gut ist und was nicht? Kann ich dein Essen noch geniessen, die Hofmusik, deinen Prunk?
Das ist nicht mehr meine Sache. Ich gehe an meinen Ort. Dort ist genug. Schau, da ist ein junger Mensch. Was du mir geben willst, gib ihm.» Und dich frage mich: Wer ist nun der wahre König? Man sagt, aller Anfang ist schwer. Das Aufhören ist oft noch schwerer. Auf jeden Fall für die Macht. Für die Männermacht.

Der Nachbar und ich im Treppenhaus wünschten uns einen guten Tag. Er ging die Treppe hoch. Er trug nicht schwer. Nicht an der Post. Nicht am Alter. Er hatte nicht alles. Doch das war ihm mehr als genug. «Nicht gesund. Aber glücklich.»

Ich wünsche Ihnen einen einfach schönen Sonntag.

*Philipp Roth ist evangelisch-reformierter Pfarrer und arbeitet in Binningen-Bottmingen

Bibelstellen: Jakobus 3, 13; 2. Samuel 19, 32-39

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