Eine Reise im Postauto, ein lärmendes Handy und die Vorstellung eines durch New York spazierenden Propheten Kohelet, all das vereinigt Claudia Buhlmann in ihrer Radiopredigt von diesem Sonntag.
Claudia Buhlmann*
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Das neue Jahr hat angefangen. Noch ist es frisch und neu. So jung wie ein Baby und es wird für uns alle viel zu lernen geben. Wir werden unsere Lebensreise auch im Jahr 2025 fortsetzen. Wir werden neue Menschen treffen und alte Freundschaften pflegen. Wir werden neue Wege ausprobieren und alte Muster weiterstricken.
Eine meiner alten Gewohnheiten ist, dass ich immer viel zu früh auf den Zug oder den Bus gehe. Und so stand ich auch neulich «gäng wie gäng» viel zu früh an der Postautohaltestelle. Es blieben noch mehr als 10 Minuten bis zur Abfahrt. Erst nach und nach kamen andere Leute dazu. Da war ein junges Paar. Die Frau hatte einen Schirm aufgespannt, weil es leicht regnete. Sie und ihr Mann verbrachten die Wartezeit «beschirmt» mit herzen und küssen. Eine weitere Frau überquerte den Zebrastreifen, stellte sich zu uns, den Blick auf ihr Telefon gerichtet.
Mit ein wenig Verspätung rollte das Poschti heran. Es war nicht besonders voll an diesem Samstagmorgen. Die Türen gingen auf, wir stiegen ein und wurden mit lauter Musik empfangen, die aus dem Handy eines Mitreisenden kam. Die Leute im Bus, auch wir «Neuen», drehten sich nach ihm um. Die Musik war störend, aber niemand sagte etwas. Auch ich nicht. Ich beobachtete. Ich beobachtete, was um mich herum geschah und machte mir meine Gedanken.
Während das Postauto Richtung Bern fuhr, dachte ich daran, dass es vor langer Zeit auch «Kohelet» so gemacht hatte. Er hatte das Leben und die Menschen seiner Zeit beobachtet. «Kohelet» heisst übersetzt «der Versammlungsleiter» und seine vor ungefähr 2300 Jahren gemachten Beobachtungen stehen in der Bibel. Dort steht, dass in der Gesellschaft, in der dieser wohlhabende Mann aus Jerusalem lebt, gute Taten nicht belohnt werden und dass die, die es sich leisten können, ihre eigenen Regeln und Gesetze machen. Gott ist für ihn nicht der Lenker der Geschichte, sondern eine Schicksalsmacht. Für Geld ist damals, so schreibt er, «alles zu haben» (Koh 10, 19). Er sieht, dass dieses dem Geld «Hinterherlaufen» menschliche Beziehungen zerstört. Aber alles, was man dagegen tun kann, scheint ihm ein Kampf gegen Windmühlen zu sein.
Wüsste ich nicht, dass der «Kohelet» genannte Mann schon lange tot ist, dass so viel Zeit zwischen seinen Betrachtungen und meinen eigenen Leben liegt, könnte ich beim Lesen seiner Zeilen denken, dass er gerade durch Bern, Paris oder New York spazieren geht. Seine Gedanken treffen auch den Nerv unserer Zeit. Sie sind immer noch sehr aktuell. Einige von ihnen werden gern bei kirchlichen Übergangsritualen gewünscht. Vielleicht haben auch Sie die folgenden Worte schon einmal gehört. Ich lese aus der Lutherübersetzung, weil ich die alte Sprache bei diesen Worten sehr poetisch finde:
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreissen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. (Koh 3,1-8)
Manche Menschen sagen mir, dass ihnen diese Worte direkt aus dem Herzen sprechen, weil sie die Realität des Lebens, dieses Auf und Ab, dieses Kommen und Gehen beschreiben. Ich selbst habe ein gespanntes Verhältnis zu dem Text. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass alles seine Zeit hat und dass ich mir anhören muss, dass alles vergeht und dass der Wandel, dass einzig Beständige im Leben ist. Warum, frage ich trotzig, kann zum Donnerwetter nochmal das Gute nicht einfach bleiben? Warum, frage ich mit Traurigkeit in meinem Herzen, können wir Menschen nicht aufhören mit dem Töten, dem Hassen, dem Streit und dem Krieg? Warum frage ich mich, vergehen alltägliche Freundlichkeiten wie das Grüssen beim Einsteigen ins Postauto? Warum ist der Briefkasten, der gerade noch an der Haltestelle stand, seit einiger Zeit abgebaut und für immer verschwunden? Wahrscheinlich wüssten wir alle kleine oder grosse Dinge aufzuzählen, die wir vermissen oder gern behalten möchten.
Andererseits weiss ich, dass es gut ist, dass nicht alles so bleibt, wie es ist. Ich bin froh, dass auch Diktatoren ihre Macht verlieren. Es ist schön, dass ich mit den Freundinnen in der ganzen Welt günstig und schnell über Mails und Kurznachrichten kommunizieren kann. Ich finde es gut, dass Schmerzen, Angst und Kummer vergehen und natürlich auch, dass nach diesem Winter der Frühling kommt. Also schwanke ich – hin und her und her und hin – im Nachdenken über «Kohelets» Worte: Was kann ich halten, was muss ich loslassen? Kann ich mich über den Wandel freuen oder soll ich mich ärgern? Wo nehme ich die Veränderungen an und wo leiste ich Widerstand?
«Kohelet» hat gewusst, dass es nicht leicht ist, mit dem ewigen Wandel Freundschaft zu schliessen. Er schreibt darum weiter: Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. (Kohelet 3, 10f) Weil alles Grübeln nichts nützt, weil wir das Hin und Her des Lebens nicht begreifen können, schlägt er vor, dass wir es sein lassen, es ergründen zu wollen. Er meint, dass wir das Leben mit den Freuden, die es uns schenkt, in vollen Zügen geniessen sollen. Das finde ich auch und freue mich über die Fülle und den Frieden, in dem ich leben darf.
Aber wenn man aus Kohelets Worten eine «Nimm was du kriegen kannst» Mentalität ableitet, wie das heute in Mode ist, macht mir das Mühe. Mir ist es zu wenig, nur für mich zu geniessen. Ich möchte im Austausch sein, ich möchte das mir geschenkte Glück, Freud und Leid, den Frieden teilen. Wenn es mir gut geht, soll es auch anderen gut gehen. Nicht nur meinen Freunden und meiner Familie, nein auch den Menschen im Poschti, den Menschen in unserem Land und in der Welt. Und darum beschliesse ich, mich an das zu halten, was bleibt. Wie schrieb Paulus wenige Jahrhunderte nach «Kohelet» in einem Brief an die christliche Gemeinschaft in Korinth: «Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese Drei; die Liebe ist die Grösste unter Ihnen». (1 Korinther 13, 13)
Gottseidank, dachte ich, dass ich wieder bei der Liebe gelandet bin, als der Bus auf die Minute pünktlich in Bern anhielt. Wir stiegen aus und ich sah, dass die junge Frau mit dem Schirm schwanger war. Ihr Partner legte zärtlich den Arm um ihre Schultern. Den Mann mit der lauten Musik aus dem Handy lächelte ich beim Aussteigen an. Er hatte es während der Fahrt einfach so leiser gestellt. Alles hat seine Zeit – auch in diesem Jahr, das so frisch und neu ist, wie ein Baby ist. Wir werden viel lernen dürfen. Es wird viel zu sehen und zu erleben geben. Mögen wir mit den Wechseln schwingen. Im Bewusstsein, dass es die Liebe ist, die wächst, wenn man sie teilt. Amen.
*Claudia Buhlmann ist evangelisch-reformierte Pfarrerin und arbeitet in Münchenbuchsee-Moosseedorf.
Bibelstelle: Kohelet 3,1-10
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