Hoffnung ist das zentrale Thema des Heiligen Jahres. Was sie bedeutet, hat Bischof Joseph Maria Bonnemain bei der Eröffnung des Heiligen Jahres im Bistum Chur dargelegt. Das Jubiläumsjahr hält auch eine Aufgabe für alle bereit, sagte Bonnemain in der voll besetzten Kathedrale.
Barbara Ludwig
Der Himmel über Chur ist blau, die Temperatur frostig an diesem letzten Sonntag im Dezember. Um Viertel nach neun gibt ein Priester vor dem Eingang der Kathedrale Chur den Ministrantinnen und Ministranten Informationen zum Ablauf der Feier.
Auch Kirchgängerin Renate Strub ist schon da und wendet sich an die Journalistin: Ob das hier die Kathedrale sei und wo sich die andere Kirche befinde, in der die Eröffnungsfeier beginnt.
Gemeinsam steigen wir hoch zur Kirche des Priesterseminars St. Luzi. Es sind nur wenige Minuten. Strub ist reformiert und aus dem Kanton Zürich angereist. Durch eine Nachbarin sei sie in Kontakt gekommen mit der katholischen Kirche, für die sie sich sehr interessiere. «Ich komme zur Eröffnung des Heiligen Jahres, weil ich mir erhoffe, hier etwas zu hören, dass mich auf meinem Glaubensweg weiterbringt», sagt die 49-Jährige.
In der Kirche St. Luzi setzt sie sich in eine Bank, nach und nach kommen weitere Gläubige aus dem Bistum Chur.
Maria Ronchi aus Andeer GR, eine andere Gläubige, wartet noch einen Moment vor der Kirchentür, weil sie sich mit Schwestern des Dominikanerinnenklosters Cazis verabredet habe. Sie wolle an dem Anlass teilnehmen, um mehr über das Heilige Jahr zu erfahren und weil der Bischof da sei. Sichtlich stolz erzählt die ältere Frau, sie habe ein Foto, auf dem sie gemeinsam mit Bischof Bonnemain zu sehen sei.
Um 10 Uhr ziehen die Ministranten, mehrere Priester und der Churer Bischof Joseph Maira Bonnemain zu feierlichem Orgelspiel in die eher kleine Kirche ein, in der der erste Teil der Eröffnung mit einem kleinen Wortgottesdienst gefeiert wird.
Auch der Abt von Disentis, Vigeli Monn, ist da. Mit einem Gebet eröffnet der Bischof das Heilige Jahr im Bistum Chur und bittet Gott, den Beginn «unseres Pilgerweges» zu segnen.
Nach einer Lesung aus dem Johannes-Evangelium steigt Donata Bricci, die Kanzlerin der Diözese, auf den Hochchor und zitiert eine Passage aus der Verkündigungsbulle zum Heiligen Jahr, in der Papst Franziskus das Wesen der christlichen Hoffnung – ein zentrales Thema des Jubiläumsjahres – umschreibt.
Auf den Wortgottesdienst folgt eine Prozession von St. Luzi zur Kathedrale hinunter, wo mit der Eucharistiefeier der zweite Teil der Eröffnung stattfindet. Ministranten, Priester und der Bischof gehen zügig voran – was durchaus an der Kälte liegen könnte.
Wer vorne in St. Luzi Platz genommen hat, muss sich gedulden beim Verlassen der Kirche. Das steile Strässchen neben dem Priesterseminar ist feucht und etwas glatt, so dass vor allem ältere Personen vorsichtig gehen.
Vor dem Haupteingang der Kathedrale gibt es einen kurzen Halt. Bischof Bonnemain steht vor den weit geöffneten Flügeln der Türe, zu seiner Rechten haben sich die Ministranten und konzelebrierenden Priester aufgereiht. Dann tauscht der Bischof seinen einfachen Elfenbeinstab gegen das Vortragekreuz, hält dieses in die Höhe und sagt: «Sei gegrüsst, du Kreuz des Herrn». Dann überschreiten Ministranten, Priester und Bischof und schliesslich die übrigen Teilnehmer der Prozession die Türschwelle.
Diese Szene haben nicht alle Mitfeiernden erlebt. Denn die Kathedrale ist bei der Ankunft des Bischofs bereits ziemlich voll. Die Mehrheit der Gläubigen hat dem Wortgottesdienst in St. Luzi nicht beigewohnt.
Doch alle haben nun bei der Eucharistiefeier die Möglichkeit, noch mehr über das Wesen der christlichen Hoffnung zu erfahren – so wie sie der Churer Bischof versteht und in seiner Predigt erklärt.
Der 76-Jährige geht dabei, am Festtag der Heiligen Familie, von Maria und Josef aus, deren Leben kein einfaches war – «keine Märchengeschichte» – und in deren Herzen trotz allem die Hoffnung wuchs.
«Wir müssen die Hoffnung in jeden Winkel tragen.»
Das Jubiläumsjahr hält für die Gläubigen auch eine Aufgabe bereit. Dies macht Bonnemain mit klaren Worten deutlich – während seine Stimme laut und energisch wird: «Wir können, wir müssen fortwährend Pilger der Hoffnung sein. Die Hoffnung überall hin in unsere Welt tragen, in jeden Winkel, dorthin wo nicht mal mehr die Sonne scheint.» Dadurch würden Christinnen und Christen selber in der Hoffnung wachsen.
Er versuche nun, die Hoffnung in drei beziehungsweise vier Schritten «zu buchstabieren», sagt Bonnemain am Ambo. Es gehe zunächst um die «Hoffnung auf uns selbst». Darunter versteht Bonnemain die Überzeugung, dass Gott «uns so liebt, wie wir sind, ohne von etwas anderem zu träumen».
Zweitens gehe es um die «Hoffnung auf die anderen». In jedem Mitmenschen sei ein verborgener Schatz vorhanden. Christen seien berufen, die Mitmenschen «mit den Augen des Herrn zu betrachten» – und sich nicht auf «bestimmte Schwächen oder Mängel fixieren», sondern vielmehr auf das Wertvolle, das vorhanden sei und das wachsen und Frucht bringen könne.
Ein dritter Aspekt ist die «Hoffnung für die Welt». Die Welt sei aus den Händen Gottes entstanden und werde in seinen Händen getragen, so Bonnemain. Deshalb dürfe man trotz all dem, was in der Welt «hässlich und schief» gehe, auch zuversichtlich bleiben. Wenn Christinnen und Christen als Botschafter des Friedens wirkten, dürften sie auch die Hoffnung haben, dass «diese Saat aufgeht».
Schliesslich gehe es um die «Hoffnung auf Gott». Auch wenn dieser rätselhaft, eigenartig scheine, müsse man die Hoffnung haben, dass er dennoch «der Immanuel, der Gott mit uns und für uns ist». Mit einem Zitat eines orthodoxen Diakons bringt es der Bischof zuletzt auf den Punkt: «Geduld mit Gott zu haben, ist Glaube, Geduld mit den anderen zu haben, ist Liebe und Geduld mit sich selbst zu haben, ist Hoffnung.»
Von den Ausführungen begeistert ist Gottesdienstbesucherin Monika Schaub. «Die Predigt war der Hammer. Sie gefällt mir, weil der Bischof damit ein Gefühl des Miteinanders vermittelte», sagt die 60-Jährige beim Apéro im Rittersaal des Bischöflichen Ordinariats gegenüber kath.ch.
Schaub, die in der Bibliothek des Dominikanerinnenklosters Ilanz arbeitet, ist aus Sagogn angereist. Sie habe von dem Anlass erfahren und sei nach Chur gekommen, weil sie den Bischof «sehr spannend» finde und ihn schon mehrfach predigen hörte. Was sie von dieser Predigt mitnehme seien vor allem die Worte zum Thema Geduld.
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