«Gott ist in Israel Mensch geworden»: Über christliche Ignoranz Jesus' jüdischer Identität

Jesus von Nazareth war Jude. Doch selbst Theologiestudierende sind manchmal überrascht über diese Tatsache, denn für sie ist Jesus der Christ schlechthin. Martin Steiner von der Universität Luzern spricht im Interview über die Ignoranz der jüdischen Bezüge des christlichen Gottessohns.

Francesco Papagni

Herr Steiner, ich möchte das Gespräch mit einer Erfahrung beginnen. Als ich vor Jahren Religionsunterricht erteilte, sagte einmal eine etwa dreizehnjährige Schülerin zu mir: jetzt gehe ich so lange in den Unterricht, und Sie sind der erste, der mir sagt, dass Jesus Jude war. Erstaunlich und auch wieder nicht. Es gibt eine Art Spaltung zwischen Akademie und kirchlicher Realität.

Martin Steiner*: Diese Beobachtung kann ich gut nachvollziehen. Auch Theologiestudierende sind manchmal überrascht, denn für sie ist Jesus der Christ schlechthin. Das ist eigentlich erstaunlich, denn die Studierenden kennen das Neue Testament: Jesus wird beschnitten, er pilgert nach Jerusalem, der Tempel wird genannt. Auch die Apostel gehen später zum Tempel, solange es ihn gibt.

Wie ist es möglich, dass die jüdischen Verbindungslinien ignoriert werden?

Steiner: Das ist das Resultat einer langen Geschichte, die das Judentum ausgeblendet hat. Und das wirkt nach. In der Dogmenentwicklung spielt das Judentum bald keine Rolle mehr. Im 2. Konzil von Nizäa – wir sind im achten Jahrhundert – fragt  man sich noch, wie man mit den sogenannten Hebräern umgeht, also Christen, die jüdische Riten beibehalten haben. Der Umgang mit Juden, die an Jesus glauben, ist auch im 21. Jahrhundert noch nicht geklärt. Wie geschieht jedoch heute Erinnerung? Man liest das Neue Testament, aber man ignoriert die jüdische Perspektive.

Wir sind in der Weihnachtszeit. Die Lesungen des Alten Testaments sprechen ständig von Zion, von Israel und Juda. Ich habe aber kaum je eine Predigt dazu gehört. Sei es, weil die Texte als schwierig gelten, sei es, weil der Aufwand dafür grösser scheint als derjenige für die Exegese des Neuen Testaments. Und dabei haben die Predigerinnen und Prediger ja ein Theologiestudium durchlaufen. Ist es Scheu oder ist es Trägheit?

«Die Geschichte des Verhältnisses von Judentum und Christentum ist eine Trennungsgeschichte, aber eben auch eine Verbindungsgeschichte.»

Steiner: Es braucht jedenfalls mehr Befähigung, diese Bezüge zu lesen. Im Neuen Testament begegnet uns das Judentum auch, oftmals in der Perspektive der Pharisäer. Wenn man dann Predigten dazu hört, stehen die Pharisäer da und Jesus hier. Es wird nicht als innerjüdischer Diskurs betrachtet, als könnte man sich nicht zurückerinnern. Die Geschichte des Verhältnisses von Judentum und Christentum ist eine Trennungsgeschichte, aber eben auch eine Verbindungsgeschichte.

Mit Blick auf das Neue Testament scheut man sich, die Verbindungslinien zum Alten aufzuzeigen. Ich weiss nicht recht, woran das liegt – mit Erinnerung, mit Hermeneutik, auch mit einer gewissen Scheu und mit Bequemlichkeit.

Es gab in den letzten Jahren verschiedene Versuche, die Beziehung zwischen Jesus von Nazareth zum damaligen Judentum zu klären. Drei Deutungen sind im Umlauf: Jesus war ein Pharisäer, Jesus war ein Essener, Jesus war ein Zelot. Sachlich zeigt das, dass diese Verhältnisbestimmung nicht einfach ist.

Steiner: Ich würde sagen, man kann ihn keiner von diesen drei Positionen zurechnen.  Wenn man von diesen drei Positionen eine nehmen möchte, dann würde ich Jesus im Austausch mit den Pharisäern sehen. Innerhalb dieser Gruppe würde ich ihn in der Nähe der Liebespharisäer, der Schule von Hillel verorten. Aber es ist keine Identifikation, Jesus ist gesondert zu sehen.

In der universitären Theologie hat sich diesbezüglich in den letzten siebzig Jahren ein fundamentaler Wandel vollzogen. Namentlich in der protestantischen Theologie galt früher das Differenzkriterium: jesuanisch ist das, was sich nicht auf die jüdische Umgebung zurückführen lässt. Man propagierte das als methodisches Prinzip, faktisch war es eine inhaltliche Aussage und eine antijüdische noch dazu. Heute gibt es die umgekehrte Tendenz, Jesu Verkündigung restlos auf die jüdische Umgebung zurückzuführen.

«Die Einbettung im Judentum ist richtig.»

Steiner: Man wollte Jesus hell erstrahlen lassen auf einer dunklen, jüdischen Umgebung. Das Differenzkriterium ist, wie Sie gesagt haben, kein methodisches sondern ein inhaltliches Kriterium. Die Einbettung im Judentum ist richtig. Jesus lebt in dieser jüdischen Umgebung, im Glauben Israels. Die Frage ist, wie aus dieser innerjüdischen Bewegung das Christentum entsteht. Ein langer, komplizierter Prozess.  Paulus war ja auch Jude und stolz darauf, ein Pharisäer zu sein. In den ersten Jahrhunderten waren die Gemeinsamkeiten viel stärker als das Trennende.

Wie wird das heute gesehen?

Steiner: Heute gibt es jüdische Forschende wie etwa Amy-Jill Levine, eine Bibelexegetin, die sagt: Wenn Christen die Inkarnation ernst nehmen, müssen sie auch ernst nehmen, wo Gott Mensch geworden ist. Im Volk Israel. Interessanterweise ist das jetzt eine jüdische Anfrage an das Christentum.

Es gibt eine jüdische Jesusforschung, die weitgehend ignoriert wurde von christlicher Seite, bis es darum ging, die Deutungshoheit über Jesus von Nazareth nicht zu verlieren. Übrigens löste ein klassisches Werk dieser Forschung: Jeshu Ha-nozri (Jesus von Nazareth) von Joseph Klausner, 1922 auf Hebräisch publiziert, einen Skandal aus – unter Christen wie unter Juden.

Nun gibt es verschiedene Formeln, um das Verhältnis von Christentum und Judentum auf den Begriff zu bringen. Eine stammt von Hans Küng: Christentum ist Reformjudentum. Tönt gut auf den ersten Blick, aber nur auf den ersten. Wenn das Christentum ein Reformjudentum ist, was ist denn das Judentum? Eine unreformierte Religion, was ein altes antijüdisches Stereotyp offenbart: die Verstocktheit der Juden. Die klassische Formel ist die der Wurzel.

Steiner: Die Verhältnisbestimmung läuft immer Gefahr, die andere Seite zu vereinnahmen. Mit dem paulinischen Begriff der Wurzel aus dem Römerbrief «Nicht du trägst die Wurzel, die Wurzel trägt dich» kann man theologisch  sehr weit gehen.  Noch bis ins Mittelalter ist man im Austausch und zwar in beide Richtungen. Da werden etwa christliche Melodien im Synagogengottesdienst übernommen. Dann kommt aber die Abschottung, besonders durch das IV. Laterankonzil 1215. Im Kanon 70 wird den getauften Juden wieder untersagt, jüdische Riten zu vollziehen. Zudem werden die Juden verpflichtet, eine Kleidung zu tragen, die sie als Juden erkennbar macht.

Und heute?

Steiner: Dialog bedeutet für die christliche Seite zuerst mal, dass man sich der eigenen Geschichte bewusst wird, dass man Antisemitismus sensibel wird. Das muss man lernen. 

Wenn es beispielsweise um die Pharisäer geht: die Juden sind nicht einfach die Pharisäer. Vielmehr weiss man zu differenzieren. Die frühe Kirche hat bezeichnenderweise den Versuch Markions, das Alte Testament aus der christlichen Bibel auszuschliessen, verurteilt.

Das war eine Grundsatzentscheidung der Alten Kirche…

Steiner: …und eine sehr weise.

Sie sind in die jüdisch-katholische Gesprächskommission gewählt worden. Was ist heute wichtig im jüdisch-christlichen Dialog?

Steiner: Zwei Dinge: die Shoah und ihre Auswirkungen. Dann die Auseinandersetzung mit dem Staat Israel. Von christlicher Seite muss hier ein Differenzierungsvermögen aufgebaut werden. Daran fehlt es. Es fehlt an der Fähigkeit,  in der Dämonisierung, in doppelten Standards und in der Delegitimierung Israels Antisemitismus zu erkennen. Theologinnen und Theologen müssen hier sprachfähig werden.

*Martin Steiner lehrt und forscht am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF) der Universität Luzern und ist Mitglied der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission, einem gemeinsamen Fachgremium der Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/gott-ist-in-israel-mensch-geworden-ueber-christliche-ignoranz-jesus-juedischer-identitaet/