Jesus wurde im Stall von Bethlehem geboren – wie wir es an Weihnachten im Evangelium lesen. Was sagt eine Hebamme dazu? Und sind Neugeborene immer ein Glücksfall? Kath.ch unterhielt sich mit Lotte Gisler.
Wolfgang Holz
Frau Gisler, Maria, die Mutter Gottes hat Jesus laut biblischer Geschichte an Weihnachten in einem Stall in Bethlehem zur Welt gebracht. Was sagen Sie dazu aus der Sicht einer Hebamme?
Lotte Gisler*: Das Kind bestimmt die Geburt mit. Egal, ob eine Frau ihr Kind im Spital, im Geburtshaus oder zuhause auf die Welt bringt – sie alleine gebärt das Kind. Im Idealfall, dort wo sie sich am wohlsten fühlt, mit ihren Begleiterinnen und Begleitern.
Wenn Jesus in einem Stall in Bethlehem auf die Welt gekommen ist, ist das sicher für die Mutter und für das Kind eine besondere Situation. Aber für die erfolgreiche Geburt eines Kindes in einem Stall besteht im Prinzip kein höheres Risiko als in einem Zimmer. Die Mutter, in diesem Fall Maria, hält es nach der Geburt beschützend in ihrem Arm – unabhängig des Ortes.
«Ich habe als Kind mit offenen Augen erlebt und gespürt, wie die Geburt Jesu mit Weihnachten zusammenhängt, und welche Bedeutung Weihnachten dadurch erhält.»
Apropos. Was bedeutet Weihnachten und die Geburt Jesu für Sie persönlich?
Gisler: Ich bin als Kind konfessionslos aufgewachsen und habe mich später als Erwachsene nicht taufen lassen. Dennoch habe ich als Kind mit offenen Augen erlebt und gespürt, wie die Geburt Jesu mit Weihnachten zusammenhängt und welche Bedeutung Weihnachten dadurch erhält. Obwohl ich nicht gläubig bin, gehe ich mit meiner Familie an Weihnachten in die Kirche, genauer gesagt ins Krippenspiel. Weihnachten ist für mich und meine Familie etwas Wichtiges und sehr Traditionelles. Wir feiern es mit Baum, Kerzen und Geschenken.
«Es ist positiv anstrengend, eine Geburt zu begleiten.»
Was empfinden Sie bei der geglückten Geburt eines Kindes, die Sie als Hebamme begleiten, ganz persönlich?
Gisler: Im Allgemeinen empfinde ich sehr viel Freude und Erleichterung, wenn ein Kind auf die Welt kommt. Es ist jedes Mal aufs Neue etwas Besonderes. Auch das Zusammensein mit den Eltern birgt viele emotionale und intensive Momente. Es ist positiv anstrengend, eine Geburt zu begleiten.
Kann man deshalb sagen: Der Beruf der Hebamme ist der schönste der Welt, weil es ja immer die Freude über die Geburt eines Kindes gibt?
Gisler: Hebamme zu sein, ist sicher ein schöner Beruf, der gleichzeitig anstrengend sein kann und sehr viel Flexibilität erfordert.
«Nicht für alle ist eine Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes das Glück der Welt.»
Man muss sich auf die jeweilige Situation und die Menschen einlassen, gerade wenn es sich um eine Begleitung durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett handelt und man somit die Familien eine längere Zeit lang begleitet. Andererseits läuft bei einer Geburt nicht immer alles positiv. Nicht für alle ist eine Schwangerschaft oder die Geburt eines Kindes das Glück der Welt.
Zurück zur Bibel. Maria ist durch den Heiligen Geist schwanger geworden. Was sagen Sie dazu als Hebamme?
Gisler: Ich in meinem Denken sehe bei einer Schwangerschaft auf jeden Fall den biologischen Prozess der Entstehung. Aber ein Kind zu bekommen beziehungsweise eine Schwangerschaft festzustellen, ist sicher für jede Frau eine Art des «Empfangens». Dass quasi aus nichts ein ganzes Kind entsteht, hat etwas von einem Wunder und ist etwas Wunderbares.
«Es ist genauso anstrengend für eine Hebamme, ein Kind auf die Welt zu bringen wie für jede andere Frau auch.»
Sie selbst haben neulich ihr zweites Kind geboren. Wie erlebt man das als Hebamme, die ja genau weiss, wie eine Geburt abläuft?
Gisler: Es ist genauso anstrengend für eine Hebamme, ein Kind auf die Welt zu bringen wie für jede andere Frau auch. Es wird einem nichts geschenkt und es ist genauso emotional.
Eine Geburt ist wirklich sehr intensiv und sehr viel Arbeit. Auch wenn man als Hebamme weiss, wie eine Geburt abläuft und was in welchem Moment passieren kann, habe ich meine Geburten persönlich vor allem als sehr emotional empfunden.
«Die Wahrheit ist, es gibt viele Wege ans Ziel, ein Kind auf die Welt zu bringen.»
Heutzutage wählen viele Frauen bewusst einen Kaiserschnitt für die Geburt ihres Kindes. Es heisst immer wieder, eine natürliche Geburt sei für Kinder gesünder und vorteilhafter. Stimmt das?
Gisler: Da gibt es aus meiner Sicht kein falsch oder richtig. Die Wahrheit ist, es gibt viele Wege ans Ziel, ein Kind auf die Welt zu bringen. Fakt ist: Nicht alle Kinder können durch eine natürliche Geburt auf die Welt kommen – wenn zum Beispiel das Kind mit dem Po nach unten in der Gebärmutter ist oder vor dem Baby noch die Plazenta liegt. In manchen Situationen ist es die «Rettung», dass es die Möglichkeit eines Kaiserschnittes gibt. Der Kaiserschnitt ist ein chirurgischer Eingriff, welcher genauso Heilung und Erholung im Wochenbett benötigt.
«Die Weihnachtszeit hat für uns schon mit dem Advent begonnen. Ich empfinde sie stets als eine sehr wertvolle Zeit.»
Zurück zu Weihnachten. Freuen sich Ihre Kinder schon darauf?
Gisler: In diesem Jahr ist es wohl für unser dreijähriges Kind das erste Mal, dass es Weihnachten bewusst miterlebt. Deshalb sind wir als Eltern gefordert, Weihnachten zu gestalten und zu erklären. Die Weihnachtszeit hat für uns schon mit dem Advent begonnen. Ich empfinde sie stets als eine sehr wertvolle Zeit.
Wie feiern Sie in Ihrer Familie Weihnachten? Sind Sie persönlich ein Weihnachtstyp?
Gisler: Absolut. Wie gesagt, wir gehen am Heiligen Abend immer in die Kirche ins Krippenspiel. Und wir feiern Weihnachten gerne zusammen mit unseren Eltern und unseren Geschwistern, und sind so jedes Mal eine grosse Familie. Wir gestalten das Abendessen mit vielen verschiedenen Gängen. Es gibt einen Christbaum, Kerzen und Weihnachtslieder. Weihnachten sind für uns schöne Familientreffen.
*Lotte Gisler (28) ist seit 2020 in der Schweiz und seit fünf Jahren Hebamme. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebt mit ihrer Familie in Cham ZG.
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