Die Kathedrale Notre-Dame in Paris wurde durch einen katholischen Ritus wiedereröffnet und zugleich durch einen Staatsakt. Daraus lässt sich einiges über Frankreich – und auch einiges über den Zustand der westeuropäischen Gesellschaft lernen.
Francesco Papagni
Dem Vernehmen nach gab es im Vorfeld ein Gerangel zwischen dem Staatspräsidenten Emmanuel Macron und dem Erzbischof von Paris Laurent Ulrich: Natürlich wollte Macron die Hauptrolle spielen und dem Erzbischof die Kathedrale übergeben. Laurent Ulrich wehrte sich erfolgreich, so dass Notre Dame so wiedereröffnet wurde, wie es die Tradition will.
Der Erzbischof klopfte drei Mal an die verschlossene Türe und drei Mal erklangen Psalmen aus dem Inneren. Beim dritten Mal öffneten sich die Türflügel endlich. Ein starkes Symbol und ein sichtbares Zeichen, dass diese Kirche kein Museum sondern ein liturgischer Raum ist.
Dass Macron überhaupt auf die Idee kam, Hausherr spielen zu wollen, hängt mit rechtlichen Verhältnissen zusammen. Die Republik ist Eigentümerin der Kirche, ein Resultat der Säkularisation im Zuge der französischen Revolution, und überlässt sie der katholischen Kirche zum Gebrauch.
Der staatliche Teil der Zeremonie hätte auf dem Vorplatz von Notre-Dame stattfinden sollen, um die Trennung von Kirche und Staat, Kernstück des französischen Republikanismus, zu respektieren. Infolge schlechten Wetters wurde diese dann im Inneren abgehalten, was Emmanuel Macron ganz recht gewesen sein soll: Er hatte den Wiederaufbau zur Chefsache erklärt und wollte die Eröffnung als Bühne nutzen.
Notre-Dame, als «Metapher, was eine Nation ist und was die Welt sein sollte: die universale Brüderlichkeit…», wie er sagte. Erstaunliche Worte, gerade in Frankreich, wo die Republik gegen die Monarchie und die mit dieser verbündeten katholischen Kirche entstanden ist.
In der jakobinischen Phase der Revolution stürmten wütende viele Kirchen und zerstörten Heiligenfiguren. Mit dem Gesetz zur strikten Trennung von Kirche und Staat 1905 wurde die katholische Kirche aus dem öffentlichen Raum verbannt. Aber Emmanuel Macron ist bekannt dafür, dass er ein entspanntes Verhältnis zur katholischen Kirche hat. Für seine laizistischen Kritiker zu entspannt.
Dass Macron sich mit dem Wiederaufbau von Notre-Dame auch selber ein Monument setzen wollte, ist geschenkt. Das ist Usus unter Staatspräsidenten in unserem westlichen Nachbarland. Dies erklärt aber nicht, wieso der Brand und nachher der Wiederaufbau die Nation bewegt hat.
Der historisch-kulturelle Wert dieses Baus erklärt es auch nicht. Vielmehr hatte die Brandkatastrophe eine hohe symbolische Bedeutung: Der Brand als Sinnbild für den Zustand des Landes. Aber Kirche als Metapher der Nation? Offensichtlich sucht der Staatspräsident in der jetzigen politischen Krise eine einigende Erzählung, ein Projekt, in dem sich die widerstrebenden Teile der Gesellschaft finden können.
Die katholische Kirche in Frankreich wird das Engagement des Staates anerkennen, aber die Vereinnahmung von Notre-Dame für politische Zwecke ablehnen. Die französischen Katholikinnen und Katholiken wissen auch, dass der Staat enorme Summen für die Konsolidierung des nahen Pantheons, der weltlichen Ruhmeshalle Frankreichs, aufbrachte, aber für die Kathedrale nur Brosamen übrig hatte.
Die Technik war deswegen völlig unzureichend, was den Brand in diesem Ausmass möglich gemacht hat. Dass die Kirche nicht völlig abbrannte, war dem heldenhaften Einsatz der Feuerwehr zu verdanken, die auch die Dornenkrone Christi unter Lebensgefahr rettete. Der Staatspräsident füllte die Bühne aus und sonnt sich im Glanz, aber die Feuerwehrleute sind die wahren Helden in dieser Geschichte.
Papst Franziskus, der eingeladen war, kam vielleicht auch deswegen nicht nach Paris, weil er die Vereinnahmung der Kathedrale durch eine Politshow nicht goutierte. Seine Präsenz hätte an die Selbstkrönung Napoleons, die 1804 just in Notre Dame stattgefunden hatte, erinnert. Papst Pius VII war damals nur Zuschauer.
Frankreich ist wie ganz Westeuropa stark säkularisiert, aber die katholische Kirche bleibt eine Grösse: sozial, medial – La Croix ist eine der grössten Tageszeitungen – wie auch geistig. Und sie übt eine anhaltende Faszination aus.
So publizierte zum Beispiel Emmanuel Carrère, einer der wichtigsten Schriftsteller des Landes, 2011 eine seltsame Mischung aus historischer Recherche zum Neuen Testament und Tagebuch unter dem Titel «Le Royaume» (dt. «Das Reich Gottes», 2017).
Der Zyniker und Atheist Michel Houellebecq lässt den Protagonisten seines Romans «Soumission» (dt. «Unterwerfung») in einem von Bürgerkriegswirren zerrissenen Frankreich nach Rocamandour pilgern, dem alten Marienwallfahrtsort.
Der Funke springt zwar nicht über, aber als einziger Ausweg aus der Krise hofft die Romanfigur auf einen kämpferischen Katholizismus à la Charles Péguy. Mit der Säkularisierungstheorie, wonach Glaube und religiöse Praxis stetig abnehmen, bis Religion schlicht verschwindet, ist die Attraktivität des Katholizismus namentlich unter Intellektuellen jedenfalls nicht zu erklären.
Auf dem Hintergrund der nicht nur politischen sondern auch gesellschaftlichen Krise wird die wiederauferstandene Kathedrale zu einem Hoffnungszeichen. Ein Zeichen der Hoffnung für ein Land, dessen republikanische Staatsdoktrin erschöpft scheint. Die Kirchen in Frankreich werden sich deswegen nicht füllen, aber als geistige Grösse bleibt die katholische Kirche bedeutend.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant