Markus Ries: «Ablass und Fegefeuer müssen aktualisiert werden»

An Heiligabend eröffnet Papst Franziskus das Heilige Jahr. Der Kirchenhistoriker Markus Ries ist im Podcast «Laut + Leis» Gast. Wir schauen in die Geschichte, Gegenwart und Zukunft dieser über 700-jährigen katholischen Tradition.

Sandra Leis

Heilige Jahre gibt es seit mehr als 700 Jahren. Das erste hat Papst Bonifatius VIII. im Jahr 1300 eröffnet. Was er damit bezweckte, erklärt der Kirchenhistoriker Markus Ries so: «Es ging um einen spirituellen Impuls, eine Mobilisierung im Dienste der Frömmigkeit, und es ging darum, die Position des Papstes in Erinnerung zu rufen.»

Zur DNA eines Heiligen Jahres gehöre bis heute, «dass es auf Rom, auf die Hauptkirchen und eine Art gedachtes Zentrum der Christenheit fokussiert ist. Es dauert ein Jahr und ist mit speziellen liturgischen Praktiken verbunden, die vom Papst vorgegeben werden.»

Einen Tag lang auf Social Media verzichten

Der Papst ist es auch, der die Bedingungen für einen «vollständigen Ablass der Sündenstrafen» definiert. Dazu gehören auch sogenannte «Werke der Barmherzigkeit». 

Damit sind zum Beispiel Besuche von kranken Menschen gemeint. «Neu kann man auch einen Tag lang auf Social Media verzichten als Busswerk», sagt Ries. 

Umstrittene Ablass-Praxis

Im Heiligen Jahr 1525 haben reformatorische Kräfte scharfe Kritik geübt an der damals herrschenden Ablasspraxis. «Den Protest ausgelöst hat der Umstand, dass die guten Werke Geldleistungen waren für den Bau des Petersdoms», so der Kirchenhistoriker. Wie damals könne man auch heute Menschen mobilisieren, sagt Ries und verweist auf die millionenschwere Restaurierung der Notre-Dame in Paris.

«Solche Spendenfreudigkeit hat man Anfang des 16. Jahrhunderts ausgenützt und mit dem Ablass verknüpft.» Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht. 

Für Reformatoren wie Martin Luther kann der Gläubige für sein Seelenheil nichts machen. «Es ist die Gnade Gottes allein, die mich rettet», fasst Ries den reformatorischen Grundgedanken zusammen. Und deshalb sei es aus Luthers Sicht eine perverse Idee, von den Menschen gute Werke zu verlangen.

Das persönliche Beispiel

Wie kann heute Ablass verstanden werden? Markus Ries, der bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Monaten Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern gewesen ist, bringt ein persönliches Beispiel: Als Teenager war er bei der Jungwacht und hat bei einem Spiel das Dach eines Treibhauses zerstört. Die Jungwachtleiter haben den Schaden auf die gemeinschaftliche Kasse genommen und von ihm verlangt, Material zu reinigen. «Das heisst, die Gemeinschaft übernimmt eine Pflicht, die jemand durch Fehlverhalten leisten muss, und auferlegt ihm eine andere.»

Gleichwohl habe er den Gärtner um Verzeihung bitten müssen, so Ries. «Von der Schuld losgesprochen werden muss man trotzdem. Es ist nur die Strafe, welche die Gemeinschaft auf sich nimmt und stattdessen eine Ersatzleistung verlangt. Das ist die Idee von Ablass.»

Die Eidgenossen beim Rütlischwur

Wobei Ries betont: «Begriffe wie Ablass, Fegefeuer und zeitliche Sündenstrafen muss man aktualisieren.» Man könne das nicht mehr so ausdrücken wie im Jahr 1300. 

«In Bern ist jetzt Session: Die Nationalrätinnen sprechen auch nicht so wie beim Rütlischwur, der, wenn es ihn gegeben hätte, 1291 war. Es ist eine andere Zeit.»

Maskottchen und olympischer Eifer

Mit der Zeit will auch der Vatikan gehen – was Olympische Spiele und grosse Fussball-Turniere schon lange haben, hat jetzt auch das Heilige Jahr: ein Maskottchen. Ein kleines Pilgerchen in japanischer Manga-Ästhetik symbolisiert den Grossanlass mit dem Motto «Pilger der Hoffnung».

Dieses Motto findet Markus Ries ansprechend: «Im Zentrum stehen der dynamische und prozesshafte Aspekt des Glaubens und die Hoffnung. Im Christentum gibt es immer auch die Dimension der Zukunft.» 

Papst Franziskus spricht vom olympischen Eifer und sagte: «Die Christen sollen die Asche der Gewohnheit und der Untätigkeit abschütteln, um wie die Fackelträger bei Olympia die Flamme des Heiligen Geistes weiterzutragen.»

Overtourism in Rom

Übers Jahr verteilt erwartet Rom rund 35 Millionen Pilgerinnen und Pilger, die keineswegs alle zu Fuss unterwegs sind. Hinzu kommen schätzungsweise zehn Millionen Touristen. Overtourism ist also vorprogrammiert.

Sind Heilige Jahre in dieser Form überhaupt noch zeitgemäss? Diese Frage geht auch an Papst Franziskus. Denn er ruft bereits das zweite Heilige Jahr aus und plädiert in seiner Enzyklika «Laudato si’» für den schonenden Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen.

Mit dem Velo zur Wallfahrtskirche

Eine Alternative zum Massentourismus hat Papst Franziskus verfügt: Alle Bistümer der Welt eröffnen das Heilige Jahr mit einem feierlichen Gottesdienst in der Kathedrale am Sonntag nach Weihnachten (29. Dezember).

Markus Ries ist überzeugt, dass das Heilige Jahr weiterentwickelt wird: «Dieser Massenauflauf ist in der ursprünglichen Vorstellung natürlich nicht enthalten. Heute belastet er uns mit Blick auf die Nachhaltigkeit.» 

Die Wallfahrt nach Rom werde heute nicht mehr eingefordert. «Im Bistum Basel gibt es in jedem Kanton eine Kirche, die als Wallfahrtsziel bezeichnet ist. Es kann also im Prinzip jeder Mensch im Bistum Basel mit dem Velo am Heiligen Jahr teilnehmen.» Nur ist die St. Ursen-Kathedrale in Solothurn halt nicht der Petersdom in Rom.


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