Bischof Morerod: Vatikan und Justiz erheben keine Vertuschungsvorwürfe

Der neue Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Charles Morerod, ist einer der sechs Schweizer Bischöfe, die vom Vatikan wegen ihrem Umgang in Missbrauchsfällen gerügt wurden. Er publiziert seinen persönlichen Rügebrief und begründet sein Handeln.

Regula Pfeifer

Dem Bischof Lausanne, Genf, Freiburg (LGF), Charles Morerod wurde vorgeworfen, bereits 2011 von einem Missbrauchsfall erfahren, aber nicht interveniert zu haben. Vielmehr habe er den betreffenden Priester später befördert. Der Vorwurf stammte vom Priester Nicolas Betticher, ehemaligem Generalvikar des Bistums LGF, dessen Schreiben wurde durch den «Sonntagsblick» publik. Gegen weitere Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz wurden Vorwürfe erhoben.

Bischof Bonnemain wurde darauf beauftragt, eine kanonische Voruntersuchung zu diesen Vorwürfen zu machen – zuhanden der zuständigen Stelle im Vatikan, was auch geschah.

Rüge aus dem Vatikan

Mitte Oktober rügte der Vatikan alle sechs Bischöfe, «die im kanonischen Recht vorgesehenen Verfahren nicht ordnungsgemäss befolgt» zu haben. Und er forderte sie auf, die Normen des Ermittlungsverfahrens strikt einzuhalten. Von einem kanonischen Strafverfahren sah der Vatikan ab.

Ähnlich formuliert war der Brief des Dikasteriums für die Bischöfe an Bischof Morerod persönlich. Diesen publiziert der Bischof nun erstmals vollumfänglich, und zwar nach einer Diskussion in der Bischofskonferenz, wie es in der Mitteilung heisst.

«Keine entscheidenden Auslassungen»

Der Brief aus dem Vatikan stammt von Kardinal Robert F. Prevost. Dieser schreibt: «Aus dem profunden Studium der Dokumentation sind keine entscheidenden Auslassungen seitens Ihrer Exzellenz in der Behandlung der bezeichneten Fälle aufgetaucht.» Ausserdem sei auch keinerlei Vertuschung oder Böswilligkeit darin ersichtlich.

Allerdings wirft Prevost dem Westschweizer Bischof vor, in den erwähnten Fallen nicht immer die formellen Verfahren respektiert zu haben, die bei einer kanonischen Voruntersuchung gelten würden. Er wird aufgefordert, dies in Zukunft zu tun.

Weitere Opfer vermeiden

Dahinter steckt der Vorwurf, Morerod habe bei Missbrauchsmeldungen nicht immer eine kanonische Untersuchung eingeleitet. Diesen kontert der Betreffende: Er leite seit rund zehn Jahren die Missbrauchs-Beschwerden an die staatliche Justiz weiter, auch wenn das Opfer das nicht wolle. Dies, weil einige Missbrauchsbetroffene ihm ihr Misstrauen gegenüber dem kirchlichen Verfahren geäussert hätten. Und um weitere Opfer zu vermeiden.

Offenbar wird Morerod auch vorgeworfen, bei der Anstellung kirchlicher Mitarbeitender kein gutes Urteilsvermögen gezeigt zu haben. Der Westschweizer Bischof präzisiert in der Mitteilung, es handle sich hier um Generalvikar Bernard Sonney. Diesem werde aber kein Vergehen vorgeworfen, wie er von Kardinal Prevost erfahren habe. Ob er im Amt belassen werden solle, liege im Entscheid des Bischofs.

Sonney bleibt Priester

Der Bischof entscheidet so: « Da eine Strafe rechtlich nicht gerechtfertigt ist, setzt Bernard Sonney seinen Dienst als Priester fort und wir werden gemeinsam sehen, welche Form diese Wiederaufnahme haben wird.» Das Leiden, das dessen offenbar «unangebrachte Äusserungen» gegenüber einem Mann vor Jahrzehnten verursacht hätten, werde dabei nicht vergessen. Als Generalvikar arbeitete Sonney aktuell nicht.

Den persönlichen Rügebrief aus dem Vatikan hat der Bischof von LGF bisher nur ausschnittweise publiziert. Das kommt nicht gut an. Es liess «offensichtlich auf eine Vertuschung schliessen», so die Mitteilung. Morerod begründet sein Vorgehen so: Die von der kirchlichen Voruntersuchung betroffenen Bischöfe hätten «gemeinsam beschlossen, nicht zu veröffentlichen, da man Gefahr laufen würde, immer veröffentlichen zu müssen, was aus Rom kommt.»

Den Vorwurf der Vertuschung weist Morerod auch mit einer Verfügung der Freiburger Staatsanwaltschaft zurück. Diese schrieb im Dezember 2023, dass sich der Bischof «nicht der strafbaren Handlung der Begünstigung» schuldig gemacht habe. Und er arbeite bestens mit der Sicherheitspolizei zusammen. Ausserdem ist der Mitteilung eine Zeittafel mit allen Engagements zur Prävention und Behandlung von Missbrauch im Bistum LGF angefügt.

«Der einzige Wählbare»

Der neue Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, muss sich auch einer Grundsatzkritik an seiner Wahl stellen. Er sagt laut Mitteilung: «Man hat mich gewählt, weil ich, insbesondere angesichts des Alters mehrerer Konferenzmitglieder, der einzige Wählbare war». Und er fügt an: Seine Wahl sei «nicht problematisch» gewesen, was wohl heisst: in der Schweizer Bischofskonferenz unumstritten.

Link zum Brief von Kardinal Prevost an Bischof Morerod

Auflistung der Engagements zur Prävention und Aufarbeitung von Missbrauch im Bistum LGF


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