Vergangenen Sonntagabend war es tatsächlich so weit: Im TV-Kultkrimi «Tatort» hat es das Thema Missbrauch ins Unterhaltungsprogramm des Fernsehens zur Hauptsendezeit am Abend geschafft. Die mediale Darstellung des Problems wird von Befragten aus der katholischen Kirche als sehr authentisch empfunden.
Wolfgang Holz
«Ich finde, der Tatort ‹Schweigen› ist sehr gelungen – nicht zuletzt, weil das Thema Missbrauch in einem weltlichen Kontext behandelt worden ist und auf diese Weise Eingang in einen Spielfilm gefunden hat», erklärt Yvonne Steiner, Ansprechperson bei der Fachstelle für sexuelle Übergriffe im Bistum St. Gallen, gegenüber kath.ch.
Die Atmosphäre im Tatort-Krimi sei sehr bedrückend gewesen. Wobei Yvonne Steiner es als sehr wohltuend empfunden hat, dass keine Fotos von sexuell Missbrauchten im Bild gezeigt wurden. «Die Kamera fokussierte auf den Beamer, ohne dass man wirklich konkrete Bilder zu sehen bekam», so Steiner.
Sie fand es auch wohltuend, dass im «Tatort» eine Frau, eine junge Kollegin, neben Kommissar Thorsten Falke in dem Fall missbrauchter Buben ganz sachlich und kirchenfern ermittelte. «Das hat die gesellschaftlich-juristische Dimension des Strafbestands für die Missbrauchstaten noch unterstrichen.»
Was Kommissar Falke alias Schauspieler Wotan Wilke Möhring selbst betrifft, habe sie beeindruckt, wie lebensnah und völlig «unprätentiös» sich dieser diesem schwierigen Thema angenähert hat. «Man hat fast den Eindruck bekommen, dass er gar nicht schauspielt, so authentisch, wie bei einem normalen Menschen, habe ich seine Reaktion auf den Fall im Krimi wahrgenommen.»
In Sachen Missbrauch habe der «Tatort» «die ganze Hilflosigkeit sowohl der Kirche als auch der Gesellschaft zum Ausdruck gebracht». Es sei klar geworden: Missbrauch lasse sich als Problem nicht abschieben – weder von der Kirche noch von der Gesellschaft. Gerade das Missbrauchsopfer Daniel im «Tatort»-Krimi habe eindrucksvoll unterstrichen, wie lange das Trauma des Missbrauchs auf einer Person lasten könne.
Etwas klischiert fand Yvonne Steiner lediglich die Erkenntnis, dass am Ende der Bischof quasi als «oberster» Täter für die Missbrauchsfälle und deren Vertuschung im Film verantwortlich war. «Hier wäre auch ein anderer Täter denkbar gewesen.»
Auch Monika Schmid, frühere Gemeindeleiterin der katholischen Pfarrei in Effretikon ZH und ehemalige «Wort zum Sonntag»-Sprecherin, hat sich den Missbrauch-»Tatort angesehen.
«Ich habe den Tatort «Schweigen» gesehen, nachdem einige Bekannte mir geschrieben hatten: Unbedingt schauen! Ich wusste, dass er ausgestrahlt wird und wollte ihn eigentlich zunächst nicht anschauen. Ich habe den Krimi aber dann doch spätabends angesehen.»
Einmal mehr sei sie erschüttert gewesen über die Missbrauchsproblematik, «weil ich den Tatort als authentisch empfunden habe», sagt Monika Schmid. «Man wird Teil des Geschehens und kann sich nicht herausnehmen.»
Monika Schmid sieht sogar konkrete persönliche Assoziationen in dem fiktiven TV-Fall. «Auch Details – wie der Generalvikar mit seinem Hündchen und Tesla – finde ich hervorragend getroffen, und er erinnert mich an einen einstigen Schweizer Generalvikar, der mir nach meinem Wort zum Sonntag 2008 den Mund verbieten wollte.»
Erschüttert sei sie einmal mehr über den Bischof gewesen, «der gerade den Beerdigungsgottesdienst für Pfarrer Otto (der pädophile Priester im Tatort, Red.) halten will und nichts, aber auch gar nichts begriffen hat. Über Pfarrer Ottos Verbrechen wussten viele Bescheid… und alle haben geschwiegen.»
Was den Missbrauchs-Plot im «Tatort» angeht, dazu nimmt kath.ch-Blogger Heinz Angehrn Stellung. «Das Drehbuch wirft unserer Kirche möglichst allen Dreck nach, den man nur ansammeln kann. Das ist hart, aber ja irgendwie zurzeit verständlich. Zumindest die Mönche im Kloster im Film sind gute Menschen, auch die Angehörigen der Pfarrei. Der Kommissar wird wohl Atheist bleiben.»
Konkret gehe es im «Tatort» um den Fall Dillinger, so Angehrn, den er vor einem Jahr selbst dokumentiert habe. Ein Fall aus Deutschland, bei dem ein Neffe im Nachlass seines Onkels Edmund Dillinger (1935-2022) über 700 Filmstreifen mit Dias von nackten Kindern und Minderjährigen, weissen und schwarzen Buben, in eindeutiger Pose aufgenommen gefunden hatte.»
«Das alles hätte verhindert werden können.»
«Herr Dillinger, Priester, Religionslehrer, Entwicklungshelfer, mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, flog eigentlich schon 1971 auf», schreibt Heinz Angehrn in seinem neuen Blog auf kath.ch. «Ein junger Kollege rapportierte zu Recht ans Bistum Trier, dass er sich auf einer Rom-Reise ungebührlich verhalten hatte. Die Folge war die Versetzung ins Bistum Köln mit gleichen Aufgabenbereichen. Und er machte weiter, fotografierte weiter und fand in Afrika noch manipulierbarere Opfer. Das alles hätte verhindert werden können, hätte man ihn 1971 suspendiert und in eine Therapie verwiesen.»
Heinz Angehrn empfiehlt diesen Tatort zum Anschauen. «Auf der ARD-Mediathek bleibt er länger abrufbar. Allein die Gesichter und Blicke der Handelnden, Opfer, Täter und Aufklärer, sind es wert, sich der Frage auch auf diesem Wege zu stellen.»
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